Jeden Tag Zug, jeden Tag die gleichen Menschen. Mehr oder weniger. Der September meint es gut mit uns an diesem Nachmittag, ein heißer Spätsommertag, der die Heimfahrt nicht gerade erträglicher macht. Die Luft im Abteil ist stickig, irgendwo quengelt ein Kind, der Passagier hinter mir raschelt geräuschvoll mit seiner Bild-Zeitung. Noch eine ¾ Stunde, ich zähle beinahe die Minuten. Ich schließe meine Augen und versuche mich in eine andere Welt zu träumen. Ein Abend am See wäre nicht schlecht, denke ich, und fühle beinahe das kühle Nass auf meiner erhitzten Haut. Die Seifenblase zerplatzt jäh als ich Wortfetzen eines Gesprächs neben wahrnehme. „Ach weißt Du Erika… Darmspiegelung… unangenehm… nützt ja nichts…Hämorriden…“ Oh man, da vergehen einem die schönsten Träume! Genervt lasse ich meinen Blick schweifen. Mir schräg gegenüber sitzt ein Herr, er scheint eingeschlafen zu sein, obwohl sein Kopf im Takt der ratternden Räder immer wieder gegen das Fenster schlägt. Zwei junge Frauen, die ihm Visavis sitzen, stecken ihre Köpfe zusammen und fangen an zu kichern. Ich folge ihren Blicken und entdecke das Objekt ihrer Belustigung. Unser schlafender Mitreisender hat augenscheinlich einen angenehmen, wenn nicht sogar SEHR angenehmen Traum. Seine Hände liegen locker auf seinen Oberschenkeln, nahe der Leistengegend, und deutlich erkennbar erwacht sein bestes Stück in seiner (Stoff-) Hose zum Leben. Was er wohl träumen mag? Die Darmspiegelung und die Hämorriden haben ihn jedenfalls nicht aus dem Konzept bringen können, wie zuvor gerade mich. Völlig unbeobachtet, denn aller Augen waren auf dieses Naturschauspiel gerichtet, fische ich meine Digitalkamera aus meiner viel zu großen Handtasche (ein Problem, was jede Frau kennt: nie findet frau sofort das, was sie sucht) und richte sie auf ihn. Die Beule erreicht gigantische Ausmaße, ich drücke ein zweites Mal ab und denke „Gut, dass man uns Frauen unsere erotischen Träume nicht unbedingt ansehen kann..!“. Das Geflüster und Gekicher wird unterdessen immer lebhafter, so dass der Typ unsanft aus seinen schönen Träumen gerissen wird. Peinlich berührt verbirgt er seine Riesenerektion hinter seinen Händen und verlässt mit hochrotem Kopf das Abteil. Ob er morgen wohl wieder mit dem Zug fahren wird? Ich wünsche Ihnen schöne Träume – bleiben Sie sich treu.
(C) Skorpion 2005
|
 |
Skorpion
|