"Haben wir das verdient" fragt Deutschlands bekannteste Tageszeitung auf der Titelseite weinerlich und versucht in unzähligen Artikeln eine Erklärung für diese nationale Katastrophe zu finden. Schuld an diesem Desaster - hört man allerorten - hat natürlich keiner und wenn doch, dann maximal demagogische Demoskopen oder senile englische Buchmacher, die unsere Corinna als klare Favoritin sahen. Doch ich dagegen sage ja und dreimal ja, Deutschland hat das verdient, denn erfolgreiche Musik war, ist und wird immer der pure Sex sein. Wie konnten wir nur eine Sängerin mit dem Charme einer Dose Aldi-Bier nach Tallinn schicken. War die deutsche Vorentscheidung manipuliert? Leidet die deutsche Schlagerfanszene an kollektiver Verblödung oder sollte dies gar ein geschickt eingefädelter Schachzug einer höheren Macht sein, um Ralph Siegel endlich die verdiente Strafe anzudrehen? Ich tendiere mehr zu letzterem. Hoffentlich weiß Deutschland jetzt, wie ein tolles Lied klingen muß. Ein Song muß auf der Bühne ordentlich strippen oder der Refrain muß seine Blöße unter einem hauchdünnen Seidenfummel verstecken. Es lebe Sarah Connor. Wer Marie N gesehen hat, braucht sich nicht darüber wundern, daß Corinna in Europa auch als erotischer Blindgänger empfunden wird. Überraschenderweise gab uns die Türkei drei Punkte, was sich aber leicht erklären läßt. 1. Es ist ein zwanghafter Reflex türkischer Männer, deutsche Frauen - egal ob schön oder häßlich - anzubaggern. 2. Die Türkei kann nur mit deutscher Hilfe Mitglied in der EU werden. 3. Endlich kann die Türkei auch mal die Verhältnisse umkehren und Deutschland gönnerhaft ein paar Brotkrumen zuwerfen. Toll. Danke. Super. Ralph Siegel empfindet wahrscheinlich etwas anders und leidet in seiner Villa still vor sich hin. Irgendwie wird man das Gefühl nicht los, seid er einmal an Naddel herum gefummelt hat, jeden Morgen ein böser Geist zu dem armen Manne beim Zähne putzen sagt: "Das ist irgendwie nicht dein Tag heute!" Eigentlich hatte er ja in seinem Leben nur einmal einen Tag. Das war Anfang der achtziger Jahre, als er einer Minderjährigen eine Gitarre unter den Arm klemmte und über ein bißchen Frieden singen ließ. Das war sein Geistesblitz und Geniestreich. Alle Päderasten Europas stockte der Atem und gaben mit steil gehisster Fahne Deutschland Punkt für Punkt. So gewinnt man den Grand Prix. Das weiß auch der Dieter, also der Dieter Bohlen, der Freund von dem Freund von Nora. Und darum behaupte ich mit Dieter wäre das nicht passiert. Sein appetitlicher Schützling Isabell fiel in Deutschland durch, was glatte Schiebung war, denn leider mag ihn hier keiner, obwohl alle seine CDs kaufen. Mit dem Siegel verhält es sich übrigens genau umgekehrt. Oder sind sie schon mal in einen Laden gegangen und haben nach einem echten Siegel-Album gefragt? Na also. In Tallinn aber hätte Dieters Isabel voll einen auf trällernde Lolita gemacht und die Konkurrenz um Lichtjahre abgehängt. Doch leider hat es nicht sollen sein und wie ich uns Deutschen kenne, werden wir auch im nächsten Jahr wieder einen bemitleidenswerten Randgruppenvertreter zum Grand Prix schicken, damit es wieder heißt: "Germany Zero Points!" Doch bis es soweit ist, bleiben Sie anständig, moralisch und sauber und grüßen Sie mir alle, die Sie barfuß treffen.
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Krischan von Schoeninger
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