Mein Liebster,
ein Brief, jetzt, wo die Entfernung eingetreten ist, hat sich das warme Gefühl ausgebreitet und der Verlust schmerzt. Erinnerungen überall, im Zimmer, wo wir vereinigt waren, im Zimmer, wo wir gestritten haben, im Bett wo wir engumschlungen lagen, Haut an Haut, die ganze Nacht. Im Bett, wo wir getrennt lagen. Auf dem Hochstand, wo wir es getrieben haben, mit Blick auf das Feld, unter dem Sternenhimmel, wo wir uns umarmten. Gedanken springen hin und her, es war gut zwischen uns, es war schlecht zwischen uns, wir haben uns geliebt, wir haben uns gehasst, Ambivalenz überall. Leidenschaft. Annäherung und Entfernung, Glück und Trauer. Ein Wechselbad, zermürbend, anstrengend und auch schön. Das Schild zum Stechlinsee, dem Besonderen, wo wir uns gestritten, geliebt und gevögelt haben. Radtour um den See, Dein Fahrrad. Blicke nach oben in die Nacht und vollendetes Glück. Gemeinsame Träume, Hoffnung von Zukunft. Kinderstimmen aus dem Nachbarzimmer, Freude an meinem Kind, mit Dir. Fahren in entgegengesetzte Richtungen und doch wieder Umkehr. Tiefe Vereinigungen und Verschmelzungen, Glück und wieder Selbstbefriedigung. Küsse, die weniger wurden und mal wieder mehr. Fehlende Berührungen, wilder Sex, noch immer denke ich an Deine fordernden Hände, an Deine Stimme, Deinen Geruch. Gefühle der Sehnsucht und Erinnerungen an fehlende Geborgenheit. Sicherheit, wir bleiben zusammen, Zweifel und Ende. Ärger und - Liebe? Fragen, hat er mich geliebt, habe ich ihn geliebt? Liebe ich ihn nur aus der Ferne, aus der Erinnerung? Wir auf dem Balkon, nackt, wir berühren uns, wie glücklich sind wir miteinander. Nackt im Bett, vereinigt. Warum das letzte Sperren, immer wieder? Vertrauen? Zurückhaltung, Verweigerung? Morgens Dein Blick, nachts Deine Umarmungen, Dein Schlafanzug. Deine schönen Männerbeine. In Deiner Wohnung warst Du selbst, in meiner Wohnung fremd. Dein Auto vor dem blauen Feld, innen die Duftampel. Dein Auto steht für uns, ich sehe den Sitz, wo Du gesessen, ich sehe den Sitz, wo ich gesessen, das Auto steht für eine Zeit, ich denke an Italien, ich vermisse Dich. Angst, Dich zu lieben. Angst vor Zurückweisung und Demütigung, wenn ich Dich geliebt hätte. Angst, Du forderst demütige Liebe. Angst vor der eigenen Vergangenheit. Angst vor der Tatsache, wir verstärken das, was wir in uns tragen. Bist Du mein Spiegel, oder bist Du Du? Ich laufe durch die Zimmer, in jedem steckt eine Erinnerung, Dein Lachen, Dein Charme und dann Dein Ich. Fahren in den blauen Himmel, Kind im Auto, Glück, Lachen, Fahren im Streit, Rausschmiss, Ende. Ostern in der Kirche, auf dem Karneval der Kulturen, Vollkommenheit zu dritt. Sturm in der Kirche, draussen graue Wolken, innen kuschelig und warm, Musik von unten und wir zusammen. Hühnersuppe mit nassen Haaren. Liebend an der Oder, engumschlungen im Scheinwerferlicht des Oderkahns, ich dachte es wäre der Mond, Pferdewiehern, neugierige Augen, die uns betrachten. Abstand, Abgrenzung, Nähe, Distanz, zerreissend nötig, auf die Dauer zermürbend. Bauchschmerzen, bin ich schuld? Abstand in mir, unkontrolliert und unbekannt, macht sich breit, ist er in mir oder kommt er von aussen? Genervt sein, genervt sein von Wasserflecken auf dem Boden, genervt sein von Briefhaufen, genervt sein von Abstand, genervt von Nicht- teilen, genervt sein von was? Musikhören, Zappa, Adderley, schöne Platten in Deinem Schrank, schöne Bücher die Du liest. Phlegma, dann wieder Kraft. Böse Worte, die fallen und wehtun. Immer wieder. Rückzug und Anziehung. Sehnsucht, dann wieder Fliehenwollen. Kräfteraubend. Warum nicht kräftegebend? Liebegebend, Kräftegebend? So soll es sein. Partnerschaft? Ich bin ich, aber ich bin auch wir. Zusammengehen, füreinander da sein. Freundschaft. Ich will Gutes für Dich, Du willst Gutes für mich. Sich fördern, sich bestätigen, sich helfen. Weiterhelfen, ich bin für Dich da. Quando todo te batan, yo te beso. Wie haben wir es gewünscht, die Fahrt durch Italien, hinunter die Berge, das Meer so blau. Regen im Zelt, Du krank im Zimmer, wie essen Pasta und ich pflege Dich. Streit in Pisa, Du interessierst Dich nicht, wenn ich etwas weiss, aber redest so viel. Schneide ich Dich ab? Warum so, es raubt mir Kraft und gibt mir Tränen. Streit in Volterra, Weizenfelder mit Mustern sind so schön, aber dieser Krach. Ich werde hart, dann wirst Du weich. Schwach in Arrezo, Trennung, und bald schon wieder Sehnsucht. Zusammensein. Nichtaufeinandereinlassen, letztendlich. Warum? Liebstest Du mich nicht, liebte ich Dich nicht, oder konnten wir nicht lieben, weil die Angst vor dem Anderen. Angst, ausgenutzt zu werden in seiner Liebe? Getreten und verletzt werden können, und daher nicht geben können? Berechtigte Angst vor dem anderen oder eingebildete? Spürtest Du, dass ich mich nicht ganz einlassen will, oder lies ich mich nicht ein, weil ich Deine Grenzen spürte? Ins Museum gehen, auch das, zusammen reden, und dann in den Bus und ab. Wer ist wer und wer macht was? Bist Du mein Spiegelbild oder bin ich Deins, oder gibt es keins? Verwirrung. Bin ich kalt, wirst Du kalt, wirst Du kalt, werde ich kalt. Sehnsucht nach Geborgenheit löst im anderen das gleiche aus. Sehnsucht nach Gepflegtwerden. Krankheit. Kümmer Dich doch um mich. Nein. Streichelst Du mich nicht, weil Du so bist, oder weil ich so bin? Wer ist denn was? Innen und Aussen verschwimmen beim Sex, dann sind wir eins, wie nie zuvor. Entjungferung, Vereinigung, Öffnung, nie bis zum letzten. Schwangerschaft, Abbruch, Trauer. Dein Kopf in meinem Arm, angeschmiegt Deine Brust an meine, zärtlich streichele ich Deine Haare, berührt von Dir. Meine Hände auf Deinem Rücken, auf Deinem Bauch, es wurde weniger, es hätte nicht sein müssen, meine Hände in Deiner Seele, meine Hände in Deinem Bauch, Reise in Dein Ich, und es war wild, aufregend und schön. Die Körper. Berührungen, die vereinen. In Deinen Armen bin ich ruhig, geborgen und es ist schön. Die Welt draussen ist weg und da bist nur Du. Die Körper, sie verstehen sich in einer uralten Sprache, doch verstehe ich das letzte Sperren nicht. Missverständnisse, unterschiedliche Elternhäuser, die Erziehung, Prägungen, Ängste. Nächte im Zimmer, schlimme Träume, Bedrängungen, Ängste. Ist das gut? Nähe neben Dir im Bett, Angst neben Dir im Bett. Warme Winterträume und draussen ist es kalt. Träume vereinigen sich im Schlaf. Weglaufen. Zurückkommen. Weglaufen. Zurückkommen. Weglaufen. Zurückkommen. Weglaufen. Zurückkommen. Weglaufen. Distanz. Vermissen. Distanz. Liebe. Distanz. Sehnsucht. Distanz. Erinnerung. Distanz. Herz. Meine Einsamkeit, meine Zerrissenheit, mein Schmerz. Gespräche mit Dir, Deine Bauchkrämpfe bringe ich mit mir in Zusammenhang- bin ich schuld? Ich fühle mich in Dich ein, versuche Dich zu verstehen. Du hattest einen Bedrängungstraum und der Grund der Bedrängung bin ich. Die Zähne sind Dir aus dem Mund gebröselt, Zähne stehen für Aggression, für Kontrolle, Du hast Dir früher die Zähne ausgekaut, jetzt geht es nicht mehr, jetzt schleicht es in Deine Träume, ein träumiges Substitut, wo die Realität nicht mehr geht, das Problem ist noch da, nur die Zähne nicht. Meine Freundin und ich. Wir laufen den Weg den Du und ich gefahren sind, Kernkraftwerk, Badestelle, Vögelstelle, Streitstelle, Glücksstelle, Umarmungen im Sternenhimmel. Bedeutungsvoller Stechlinsee, hier haben wir uns getrennt, hier waren wir verliebt. Einmal sagtest Du mir, Du hättest einer Frau niemals so nahegestanden wie mir. Nähe, Bauchschmerz, Angst vor dem Verlassenwerden, Angst vor der Nähe. Bauchschmerzen bei mir, Bauchschmerzen bei den Anderen, warst Du mir zu nah? Warum schreckte Dich meine Nähe so? Permanente Retraumatisierung von missbrauchten Kindern. Jedes Mal, wenn Nähe eintritt, wird das Trauma neu erweckt. Die Generation der Mütter, die keinen Mann hatten, und die Söhne und Töchter als Partnerersatz missbrauchten. Was haben sie getan, euch und auch uns? Und ich verstehe vieles. Verdammt. Ich will Dir nicht wehtun, aber Du tust mir so weh, ich bin so verletzt, ich bin so traurig, ich will Liebe geben, ich will Liebe empfangen, keine Liebe in der Beziehung macht krank. Ich will Dich lieben, aber ich kann ja nicht, jedes Mal, wenn Nähe da ist, ist die Ferne so nah. Ich komme vom Flug, ich komme zu Dir, ich stehe unten mit den Koffern, ich bin müde, Du kommst mir nicht entgegen, Du stehst nicht an der Tür, Du wartest nicht auf mich. Du hast mich nicht geliebt, Du bist mir nicht entgegengekommen. Die Pornobildchen, die Du mir gezeigt hast. Die da, die gefällt mir besonders gut. Zeigen, Du brauchst mich nicht, Du onanierst auf andere, Demütigung und Unvorsicht, herbe Abgrenzung zu mir. Verletzung. Abfuhr meiner Verletztheit, die das Richtige erkennt, Du brauchst mich nicht, warum sagst Du das, brauchst Du mich wirklich nicht, damit entferne ich mich von Dir, wie kann ich anders? Das war die Trennung. Stechlinsee, weit, der Wellen schlägt, das Wasser leer, Wolken am Himmel. Warum warst Du nie eifersüchtig? Klarheit an der Richtigkeit der Trennung. Beim Essen bestelle ich keinen Fisch, das erinnert mich an Dich. Zweifel an der Richtigkeit der Trennung. Dann wieder Klarheit. Du fehlst. Der Regen draussen. Er verbindet mich mit Dir, er prasselt laut, und vielleicht sitzt auch Du im Regen und denkst an mich. Der Liebeskummer vergeht, die Einsamkeit wartet und irgendwann ein neuer Mensch. Heute spüre ich meine Kraft wiederkommen, ich laufe durch die Felder, ich sehe die Blumen, wilde Blumen stehn am Feld, weite Gerste bis zum Horizont, LPGweite Felder, Birkenbäume, Weiss vorm Gelb, dahinter zartes Blau, Bienensummen. Roter Mohn, lila Disteln, weisse Blüten. Ich sehe den Himmel, es regnet, die Luft riecht nach Wald, neben mir meine neue Freundin, sie lacht, sie hat strahlende Augen und ist so schön. Ich sehe den Wald, Kiefernwälder mit weichen Gras, Baumstämme am Boden. ich schrie alles raus, weit und frei. Ich laufe durch die Gerstenfelder, vor mir der Wald, der Roggen sanft im Wind und schreie, ich höre auf zu laufen, trauere Dir nach und werde wieder stark, mit jedem Schritt. Copyright Nana 2003
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Nana
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