Myra mag die hektische Geschäftigkeit der Straße nicht. Sobald sie spürt, dass Menschen sich ihr von hinten nähern, wird sie nervös. Sie beginnt sich häufiger umzudrehen. Oft verlangsamt sie den Gang oder bleibt stehen. Sie tut so, als würde sie die Auslagen im Schaufenster betrachten, damit die Person schneller vorbei ist und sie nicht mehr die sich nähernden Schritte hinter ihr er-tragen muss. Tagsüber sind viele Menschen unterwegs. Jetzt ist die Straße dun-kel und leer. Nur der Mondschein erhellt Häuserwände, Baumkronen und Boden. Schritte von sich nähernden Menschen hallen von Weitem über den Asphalt. Im Dunkeln machen sie Myra Angst. Es gibt keine Möglichkeit stehen zu bleiben. Wenn sie ihren Gang verlangsamt, werden die Schritte hinter ihr auch langsamer. Myra hat Angst, sich umzudrehen. Sie fühlt, dass jemand dicht hinter ihr ist. Sie fühlt, dass die Schritte zu einem Mann gehören, dessen Blicke sich auf sie hef-ten. Die ersten Tage des Juni sind heiß in diesem Jahr. Auch in den Nächten kühlt es nicht mehr stark ab. Myras Rock bedeckt kaum die Hälfte der Oberschenkel. Fremde Augen betrachten ihr Gesäß, wie sich die Muskeln beim gehen unter dem Rock spannen, wie die weißen, schlanken Schenkel sich gegenseitig überholen. Rechts – links – tapp, tapp, Myra läuft immer schneller. Das vergrößert den Abstand zwischen ihr und dem Fremden. Myra flieht in einen Torbogen. In dem Moment, wo sie auf der Höhe der Einfahrt ist, macht sie blitzartig einen Schritt nach links. Ihr Verfolger kann nicht sehen, wohin sie verschwunden ist. Der Torbogen liegt direkt hinter einer Biegung. Im Eingang ist es so dunkel, dass er ihren Schat-ten nicht bemerken würde. Sie preßt ihren Rücken gegen einen Eingang und stellt überrascht fest, dass die Tür nachgibt. Lautlos verschwindet sie in der schwarzen Stille des Raums. Es ist ein ver-lassener Laden. Die Schaufenster sind von innen mit Wolldecken verhangen. Am oberen Rand ist ein handbreiter Streifen frei, der das Mondlicht hereinfließen läßt. In der Mitte steht staubig die alte Ladentheke. Dahinter an der Wand befindet sich eine Spiegelfront. Einige Scheiben sind zer-brochen. Sie sieht sich im Raum um auf der Suche nach einem geeigneten Versteck, einem Unter-schlupf oder einer Hintertür. Myra ist sehr aufgeregt. Ihr Puls geht schnell. Das Blut pocht in den Adern. Ihre Hände zittern, während sie versucht, beim Atmen keine Geräusche zu machen. Unter ihrer Bluse haben sich die Brustwarzen aufgestellt und reiben bei jedem Atemzug am Stoff. Das Herzklopfen macht, dass ihre linke Brust ein wenig hüpft. Das Rauschen ihres eigenen Blutes ist so laut, dass es das Geräusch der sich öffnenden Tür übertönt. Mit einem Klicken fällt die Ladentür ins Schloss. Myra erschrickt und zuckt zusammen. Im Spie-gel sieht sie, wie ihr Verfolger auf sie zu kommt. Sie kann den Blick nicht von seinen Augen ab-wenden, ist wie hypnotisiert. Der Mann bewegt sich fast lautlos, seine Schritte sind langsam, Fuß um Fuß nähert er sich. Myras Körper bebt, ihre Silhouette wirkt im Mondlicht dünn und hilflos wie die eines Kindes, ihr heller Teint leichenblass. Feine Härchen an den Unterarmen haben sich aufgestellt. Ihr Verfolger sieht das Zittern ihrer Beine. Myra wagt es nicht, eine Bewegung zu ma-chen. Gebannt starrt sie auf den größer werdenden Mann im Spiegel – sein Blick aus glühenden schwarzen Pupillen trifft sie wie ein Dolch. Sie spürt, wie sich zwischen ihren Schenkeln Feuch-tigkeit bildet. Ihr ist, als würde der Saft der Erregung und der Furcht an der Innenseite ihrer Ober-schenkel hinablaufen. Unablässig starrt sie auf die Augen des Fremden, aus Angst, er könnte ihre Nässe bemerken. Die Anspannung macht, dass ihre Knie noch mehr zu zittern beginnen. In dem Moment, als Myra glaubt, in der nächsten Sekunde in Ohnmacht zu fallen, umklammern die Hände des Mannes ihre Brüste. Sein Becken ist gegen ihren Hintern gepreßt, so dass sie seine Erektion spürt. Mit einem Ruck reißt er ihr den Stoff der Bluse auseinander. Myra sieht im Spie-gel, wie das weiße Fleisch ihrer Brüste zwischen seinen braunen Fingern hervorquillt. Er drängt sie vorwärts. Stolpernd gehorcht sie ihm. Ein Bein hat er zwischen ihre Schenkel geschoben. Der dumpfe Quader der Ladentheke bremst ihre Schritte. Ein kräftiger Griff packt ihr Haar im Nacken, sein Arm drückt ihren Oberkörper gegen das Holz. Mit der Rechten greift er zwischen ihre Beine. Myra ist gefangen in der Umklammerung ihres Verfolgers. Ihr Körper gehorcht ihr nicht mehr. Flucht ist unmöglich. Für einen Kampf zittern ihre Knie zu stark. Das schmale Drei-eck ihres Höschens klebt durchtränkt von Feuchtigkeit in ihrer Scham. Zwischen den heftigen Atemstößen des Fremden hinter ihr hört sie ein leises Ritsch, gefolgt vom Geräusch herabfallen-den Stoffes. Dann durchbohrt sie sein Speer mit einem heftigen Stoß. Im Moment des Schmerzes schlägt die Woge der Erregung über ihr zusammen. Die Wellen ihrer Entladung vereinigen sich mit dem klatschenden Geräusch, dass vom Anschlagen seines Beckens an ihrem Gesäß verursacht wird. Mit der Linken hält er dabei Myras Nacken gegen die Theke gedrückt. Ihre rechte Wange klebt auf der staubigen Holzplatte. Ihr helles Haar fällt seitlich über ihren Kopf. Im Augenwinkel sieht sie ein gebrochenes Stück der Wandverspiegelung. Die Bruchstücke projizieren die Szene im Raum in vielfacher Ausgabe. Bei jeder seiner Bewegungen wird Myras Körper um Zentimeter nach vorn geworfen, die Haut auf der Wange brennt, ihre Brüste werden von der Holzplatte ge-quetscht, die Knie schlagen gegen die Frontverkleidung. Der Griff im Nacken zieht sie unsanft zu-rück. Dann krallen sich seine Finger mit einem letzten heftigen Stoß in ihrem Fleisch zusammen. Myra wagt noch immer keine Bewegung. Zwischen ihren Schenkeln läuft klebrig die Flüssigkeit herab. Ihr Oberkörper liegt über die Theke gebeugt wie bei einer weggeworfenen Puppe. Durch den Vorhang ihres Haares versucht sie, in der Spiegelscherbe einen Blick auf den Fremden zu er-haschen. Der ist jetzt nicht mehr als ein Schatten. Die Geräusche im nachthellen Raum signalisie-ren Myra, dass er dabei ist, seine Kleider zu ordnen. Erst als sie das Klicken der Ladentür hört und sich entfernende Schritte im Hall der leeren Straße, erhebt sie sich. Der Spiegel an der Wand wirft ihr Bild zurück. Im Schein des Mondlichts wirken ihre zerzausten Haare weißlichblau. Mit zit-ternden, schmutzigen Fingern ordnet sie sie notdürftig. Auf ihrer rechten Wange ist ein Stück Haut abgeschürft. Ihre fahrigen Hände versuchen, die Knöpfe der Bluse zu schließen. Oben fehlt ein Knopf, so dass der Ansatz der Brüste zu sehen bleibt. Sie zieht den Rock über die Pobacken nach unten. Ihr Blick bleibt auf ihren Beinen haften. Das rechte Knie blutet, Schmutz, Schweiß und Blut haben sich zu einer unfreiwilligen Symbiose vermischt, die staubigrot über den Unter-schenkel rinnt. Als sie sicher ist, das der Fremde im grauen Tuch der Nacht verschwunden ist, verläßt sie den Ort ihrer Erniedrigung mit kleinen, schnellen Schritten. Am Samstag nachmittag herrscht auf den Straßen rege Geschäftigkeit. Vor dem Beginn der Ferien im August haben die Menschen vieles zu erledigen. Arkaitz ist genervt. Seine Tochter quengelt und zieht an seiner Hand, seine Frau Kristina bahnt sich energischen Schrittes ihren Weg durch die verstopfte Straße, währenddessen sie unablässig auf ihn ein plappert. Morgen in der Frühe würden sie der staubigen Hitze der Stadt entfliehen, um am Vormittag an der Küste einzutreffen. Bis dahin war noch einiges zu tun. Arkaitz entdeckt das grüne Kreuz und rechts daneben die Buchstaben Farmacia. Er denkt sich, es kann nichts schaden, im Urlaub die probatesten Arzneimittel dabei zu haben. Die Zeit ist knapp. Arkaitz schickt Frau und Tochter allein zum Kaufhaus und betritt die Apotheke. Ein Türgong macht klingklong. Ein älterer, kurzatmiger Mann bedient ein junges Pärchen. Gedankenlos strei-fen Arkaitz Augen die Wände mit den Regalen, wo Schachteln mit Tabletten, Fläschchen und Tiegel aneinandergereiht sind. Sein Blick verfängt sich an einer gesprungenen Fliese, in der sich ein altertümlicher, weißer Porzellantiegel mit roter Aufschrift zu einem eigenartigen Mosaik spie-gelt. Jetzt fällt ihm auf, dass die gesamte hintere Wand mit Spiegelfliesen verkleidet ist. Das läßt den Raum größer erscheinen. Der Türgong macht ein paarmal klingklong. Hinter Arkaitz hat sich eine Schlange gebildet. „Bitte gedulden Sie sich„, wendet sich der kurzatmige Herr an die War-tenden. Ein Baby weint auf dem Arm einer jungen Frau. Der Apotheker trippelt ein paar Schritte in Richtung Hinterzimmer. „Myra„, hallt seine Stimme durch ein Labyrinth aus raumhohen Schränken mit Schubladen und Regalen, „wir haben Kundschaft„. Ein helles „Sie wünschen bitte„ reißt Arkaitz aus seinen Gedanken. Seine Augen wenden sich von der Regalwand mit dem Spiegel ab. Ihre Blicke treffen sich. Arkaitz ist versteinert. Vor ihm steht eine schmale, blonde Frau. Der weiße Kittel, der bis zum Kragen geschlossen ist, läßt ihren blas-sen Teint noch heller erscheinen. Die feinen Haare fallen auf ihre Schultern herab. „Sie wünschen bitte„, wiederholt die Stimme. Schließlich bringt Arkaitz sein Anliegen hervor. In Myras Augen blitzt für Sekundenbruchteile ein Schimmern des Erkennens auf. Dann wendet sie sich ab, um in den Regalen die Medikamente zusammenzusuchen. Das grobe, weiße Leinen ihres Kittels reicht bis zur Hälfte ihres Unterschenkels. Unter dem weiten Schnitt sind die Konturen ihres Körpers nicht zu erkennen. Aber Myra kann Arkaitz Blicke auf ihren Pobacken fühlen. Sie kehrt zurück und baut die Schachteln auf der Ladentheke vor ihm auf. Als Myra Arkaitz das Wechselgeld he-rausgibt, berühren sich ihre Hände. Für einen Moment hält er ihre Finger in seinen. Dann wendet er sich eilig ab. Hinter ihm macht der Türgong klingklong. Inzwischen hat die Dunkelheit ihr Tuch über das Land gesenkt. Arkaitz und Kristina lauschen vom Balkon ihres Hotelzimmers dem Rauschen des Meeres. Drinnen schläft die Tochter. Myra aber läuft, ihre schmale Silhouette haltsuchend an die Nähe der Hauserwände geduckt, durch die dunklen Gassen der Stadt. Hinter ihr fühlt sie sich nähernde Schritte.
Copyright Desdemona 2002
|
 |
Desdemona
|