For my pain


Lucy sah gefesselt auf den Bildschirm, der ihr ganzes Blickfeld einzunehmen schien. Neben ihr saß Tuomas, dessen Augen den Bildschirm fixierten. Mit jeder Sekunde schien das Stöhnen, das aus den Boxen dröhnte, lauter zu werden.
Die beiden Körper, die sich auf dem Bett in ekstatischer Erwartung der höchsten Lust bewegten, gaben ein Paradebeispiel an animalischen Sex zum Besten. Vollkommen der Welt entrückt, waren sie mit dem Hier und Jetzt beschäftigt, was nur eines bedeutete: Sex in seiner ursprünglichsten, heftigsten Form.
Der Mann, dessen Rückenmuskel sich bei jedem Stoß krampfhaft zusammenzogen, lag auf der Frau, deren Fingernägel sich ihm schmerzhaft in den Rücken gruben und deutliche rote Striemen hinterließen, während sie ihn mit ihren Beinen umschlang, damit er ihrer speziellen Liebkosung nicht entkommen konnte. Schmerzerfüllt stöhnte er auf, nur um sogleich noch stärker in sie hineinzustoßen, während sie ihm in die Schulter biss. Schon meinte man Blut hervorquellen zu sehen, aber so schmerzhaft es auch sein musste, umso mehr schien es nur seine Lust zu steigern.
Langsam glitt er an ihren schweißüberdeckten, vor Ekstase bebenden Körper herunter, beißend, lutschend, immer tiefer, bis er zwischen ihren Schenkeln endete und sich sogleich hingebungsvoll ans Werk machte. Sie ließ es geschehen, hielt eine Hand auf seinem Kopf, dirigierte ihn so an die richtige Stelle. Ihr eigener Kopf wandte sich hin und her, so dass ihr langes schwarzes Haar ihr aus dem Gesicht fiel und Lucys Antlitz freilegte. Die Lucy auf dem Bildschirm stöhnte, legte ihre Beine über die Schultern ihres Gönners, nur um ihn noch fester an sich zu binden.
Schon packten sie die starken Hände, drehten ihren Körper widerstandslos um und schoben ihr ihre Beine unter den Bauch, während die andere Hand ihren Kopf herunterdrückte. Im nächsten Moment wurde Lucy von hinten genommen. Immer härter und stärker wurden die Stöße als sollten sie sie ganz durchdringen. Sie ließ es geschehen, stöhnend, jammernd, vor Lust bebend.
Lucys Blick glitt von der Lucy auf dem Bildschirm ab und sah zu Tuomas, doch der wirkte noch immer gebannt von den Ereignissen auf den Bildschirm, obwohl er sie schon so oft gesehen haben musste.
Es war damals seine Idee gewesen, seine Videokamera in ihr gemeinsames Liebesspiel einzubauen. Auf die Dauer waren ihnen die herkömmlichen Pornos zu langweilig geworden. Hölzernen, leidenschaftslosen Darstellern beim simulierten Akt zuzusehen, fesselte nicht gerade ihr beider Interesse. Doch sich selbst auf den Bildschirm zu sehen, entwickelte sich zu einem ganz besonderen Kick. Dabei benutzen sie die Kamera nicht immer, nur ab und zu. Ebenso wie die Bänder, von denen es schon Unzählige gab. Wie heute fuhren sie immer wieder raus zu ihrer entlegenen Hütte am See und genossen den gemeinsamen Akt auf dem Bildschirm. Doch heute war etwas anders.
Wieder wurde die Lucy auf dem Bildschirm gepackt und herumgedreht. Ihre Arme legten sich über ihren Kopf und hielten sich dort am Gitter des Bettes fest, während ihr Gesäß nach oben gehoben wurde, so dass sie ihre Beine in die Matratze stemmen musste. Wieder drang er in sie ein, dieses Mal zum finalen Akt.
Langsam, aber feste waren die Bewegungen. Mit jedem Stoß wurden sie schneller, härter, intensiver. Mit jedem Stoß wurde Lucys Stöhnen stärker und strebte auf den unaufhaltsamen Höhepunkt zu. Alles im Focus der Kamera.
Tuomas hatte immer einen besonderen Gefallen an den gemeinsamen Bändern gefunden. Er behandelte sie wie kleine Schätze, bearbeitete sie so, dass sie wie echte Filme wirkten und gab jedem Film einen eigenen Titel. Das machte ihm großen Spaß. Von klein auf wollte er Filmemacher werden, aber das Leben hatte andere Pläne. Mit Lucy jedoch bekam er die Gelegenheit, seiner Passion in anderen Rahmen nachzugehen, auch wenn er seine Werke nie jemand anderes vorführen konnte. Aber darauf kam es ihm nie an.
Vom Anfang an war er fasziniert davon gewesen, wie sehr die Kamera Lucys Körper zu lieben schien. War Lucy mit ihren langen schwarzen Haaren, den durchdringenden blauen Augen und ihrer weiblichen Figur schon so eine wunderschöne Frau, so schien sie durch das Objektiv der Kamera zu einer wahren Göttin zu werden.
Die Kamera fing jede Rundung, jedes Schimmern ihrer Haut, jeden Ausdruck ihres Gesichtes mit wundersamer Güte auf und projizierte ihr Abbild in perfekter Harmonie auf den Bildschirm. Und Lucy dankte es mit hingebungsvollen Aktionen. Wie auch dieses Mal.
Das Stöhnen und die Stöße trieben unaufhörlich den unvermeidlichen Höhepunkt zu. Lucy drohte die Stangen des Bettgestells förmlich aus den Angeln zu reißen, während sich die männlichen Finger immer stärker in ihren Körper drückten, um sie an Ort und Stelle zu halten und jegliche Möglichkeit an Flucht zu vermeiden. Aber das wollte sie gar nicht.
Tuomas blickt weiter auf den Bildschirm und rückte sich zurecht. Es war unglaublich, wie schön Lucy in Erwartung der Ekstase war. In diese Schönheit, die er schon vorher gesehen hatte, bevor er auch nur einen Sucher auf sie gehalten hatte, in diese Ausstrahlung hatte er sich sofort verliebt. Dies war wahrhaftig die Frau, mit der er sein gesamtes Leben verbringen wollte. Dies war die Frau, die all seine Wünsche Wirklichkeit werden ließ. Dies war die Frau, die er liebte. Mehr denn je.
Als der Höhepunkt eintraf, wurde Lucys Körper vollständig bedeckt und ihre Finger gruben sich sogleich wieder in den Rücken, während sich ihre Beine um ihn schlossen. So bearbeitete sie die ihr dargebotene Schulter mit leichten Bissen, als wollte sie den Geschmack des noch vor Lust bebenden Fleisches in sich aufnehmen.
Lucys Augen sahen gebannt auf den Bildschirm, während Tuomas Blick in weite Ferne zu rücken schien.
Lucys Körper wurde auf dem Bildschirm endlich befreit und gaben den Blick auf... nicht auf Tuomas frei. Denn der Mann, der soeben mit Lucy den Gipfel der sexuellen Lust erklommen hatte, war nicht Tuomas gewesen.
Tuomas stand auf und ging zum Fernseher. Noch eine Weile auf den Bildschirm blickend verharrte er dort, der Welt entrückt. Schließlich betätigte er ein paar Knöpfe am Videorekorder und das Band fuhr automatisch zurück. Dann drehte er sich um und blickte in Lucys verweinte Augen. Wieder versuchte sie sich von den Stricken, die sie ans Bett fesselten, zu befreien, versuchte durch den Knebel in ihrem Mund etwas zu sagen, doch es gelang ihr nicht.
Tuomas betrachtete sie mit traurigem, resignierten Blick, während sie weiter vergeblich versuchte, sich zu befreien.
Schließlich griff Tuomas hinter sich und holte etwas aus seiner Hose hervor. Eine Pistole. Lucy erschrak und wurde augenblicklich ruhig, bewegte sich nicht, blickte immer wieder von der Pistole auf Tuomas und zurück.
Langsam hob Tuomas die Waffe und richtete sie auf Lucy, die Frau seiner Träume.
Lucy schüttelte nun flehend den Kopf, den Blick auf die Mündung, die direkt auf sie zielte, gerichtet. Tuomas stand nur mit leerem Gesichtsausdruck da. Eine Träne lief ihm über das Gesicht, als sein Finger begann, sich um den Abzug zu krümmen. Lucy versuchte zu schreien. Vergeblich.
Im letzten Moment hielt Tuomas inne und senkte die Waffe. Lucy strampelte noch immer. Ihr Blick suchte fragend nach Antworten in Tuomas Augen, doch da war nur Leere.
Dann drehte Tuomas die Waffe, steckte sich den Lauf in den Mund und drückte ab.
Als sein toter Körper zusammenbrach, versuchte Lucy so laut zu schreien wie sie konnte, aber der Knebel war zu fest und zu präzise, als dass es ihr möglich gewesen wäre. Sie schrie und schrie und zerrte an den Fesseln, doch auch diese waren viel zu stark, als dass sie sich von diesen hätte alleine befreien können.
In ihrem Schreien bemerkte sie gar nicht, dass der Videorekorder gestoppt hatte und das Band erneut anfing, abzuspielen, so wie es der Entlosmodus vorsah. Der Bildschirm färbte sich Schwarz und eine sorgsam entworfene Schrift erschien, die den Titel des folgenden Films preisgab.
FOR MY PAIN

Copyright Nicolas DeChambre 2004


Nicolas DeChambre

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