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1998 - 2002

 

Berliner Ficktionen

Der Lesemarathon - "Berliner Ficktionen"

von Boris Kupelka

Zugegeben, es ist nicht leicht eine Kritik über eine Veranstaltung zu schreiben, wenn eine der besten Freunde an ihr beteiligt ist. Noch schwieriger gestaltet sich mit einem schlechten Gewissen diese Aufgabe, denn mein alter Freund Krischan Schoeninger liegt mir seit Jahren in den Ohren, seine wöchentliche Lesung "Erotisches zur Nacht", die er gemeinsam mit Stephan Schlage ins leben gerufen hat, zu besuchen. 

Doch mein prall gefüllter Terminkalender und eine nicht immer leichte Beziehung haben mir immer genug Gründe geliefert, um mich vor seiner erotischen Lesung zu drücken. Nicht daß ich etwas gegen Erotik hätte, aber wer einmal mit Krischans Liebeslyrik gequält wurde, entwickelt eine gewisse Hemmschwelle seinem künstlerischen Output gegenüber. Doch diesmal "droht" er mit dem Ende unserer Freundschaft, wenn ich mich nicht blicken lasse, denn erstens sei er nur einer von zwölf Autoren, die an diesem Abend das Publikum begeistern wollen und zweitens wird dieses Event - er sagt tatsächlich Event - zusammen mit dem Schriftstellerverband organisiert.

Krischan Schoeninger

 Auf meinen Einwand, daß das noch nichts bedeute, legt sich in seine Augen dieser treuherzige Hundeblick von dem er weiß, daß ich gegen diesen machtlos bin und sagt "Ich würde mich wirklich freuen, wenn Du kommst!"
Nun stehe ich also ohne meine Freundin, die einen Klatsch- und Tratsch -Abend mit ihren Schwestern verbringt, vor dem Café mit dem absonderlichen Namen "An einem Sonntag im August..." und feilsche mit dem Einlaß um den Eintritt. Drei Euro sind zwar kein Geld, aber als persönlich Eingeladener setzt man seinen Namen auf der Gästeliste schon voraus. Erst ein Nicken von Krischan signalisiert dem jungen Mann an der Kasse, daß das schon rechtens sei und ich betrete die Location. Neben der Eingangstür wartet ganz professionell ein kleiner Büchertisch der Buchhandlung "Lustwandel" mit ausschließlich erotischen Büchern und Bildbänden auf die zahlende Kundschaft. Doch ich komme nicht dazu das Angebot näher zu begutachten, denn Krischan schleppt mich sofort Richtung Bühne und platziert mich an einen Tisch. Meine zaghaften Proteste verhallen ungehört, denn er flüstert mir gebieterisch ins Ohr "Wir fangen gleich an!"

Daniel Knillmann

Mir gelingt es bei der gestressten Bedienung ein Bier zu bestellen und zwei Minuten später tritt tatsächlich ein Mann hinter das Mikrofon und stellt sich als der Moderator des heutigen Abends vor. Bernhard Kempen, wie er dem Programmheft zufolge heißt, begrüßt die Gäste und stellt den ersten Autoren vor. Daniel Knillmann, so erzählt der Moderator, war Taxifahrer, Boxer und Zeitungsreporter und noch viel mehr. Nach dieser kurzen Vorstellung seiner Person, betritt unter Applaus Daniel Knillmann die Bühne und liest ein Kapitel aus seinem Roman vor.

Es ist eine softe, aber gut geschriebene Geschichte, doch prickelnde Erotik stellt sich bei mir noch nicht ein. Macht nichts, denke ich mir, der Abend ist noch jung und schon eilt die nächste Autorin ins Rampenlicht. Salean A. Maiwald liest Gedichte vor und ist für eine erkrankte Autorin kurzfristig eingesprungen. Die Kellnerin läuft mit mindestens zehn Bieren an mir vorbei, ohne eins bei mir zu lassen. Jetzt horche ich auf. Bernhard Kempen, der Marathon-Leiter, bittet meinen Freund Krischan Schoeninger auf die Bühne und ich befürchte schlimmes. Doch weit gefehlt. Er liest drei seiner Sex-Kolumnen, die ich zu meiner Schande gestehen muß, bis dato noch nicht kenne und reißt das Publikum aus seiner Lethargie. Es wird geschmunzelt, gekichert, und gelacht und ich bin positiv überrascht. Mir präsentiert sich eine völlig andere Person, als ich es erwartet habe und er liest auch perfekt. Kein Vergleich zu dem Gestammel, daß vor Jahren bei ihm erlebte. 

Mit einer gehörigen Portion Beifall verabschiedet der Saal Krischan und er macht Annette Berr Platz. Auch Sie weiß das Publikum zu überzeugen, und man spürt deutlich ihre Erfahrung als Sängerin und Chansonette. Mit einem zarten und gefühlvollen Text entläßt sie uns in die Pause. Der zweite Teil beginnt ohne mein bestelltes Bier aber mit einem literarischen Knaller.

Peter Hoffmann, Ulrike Warmuth, Xochil A. Schütz

Tobias Herre, genannt Tube, bringt mit seinen komischen Stories das Publikum zum Toben und läßt die drei folgenden Künstler Anna Hoffmann, Peter Hofmann und Xóchil A. Schutz ziemlich alt aussehen. Nun ja fragtmentarische Prosa und Slam-Lyrik ist nicht jedermanns Sache. Doch nach der zweiten Pause geht die Post ab. 

Die Lesung beginnt gegen 21.30 Uhr

Nicht nur weil ich endlich meinen Durst mit einem halben Liter Gerstensaft löschen kann, sonder weil Ulrike Warmuth eine aber hallo heftige Geschichte vorliest. Die anwesenden Gäste lauschen gespannt und im Saal breitet sich eine knisternde Atmosphäre aus, denn Ulrike Warmuth wickelt alle Anwesende förmlich um ihren Finger. Alle Achtung, denn am heutigen Tage ist sie gerade einundzwanzig Jahre alt geworden und ihr Text läßt manch ältere Person den Atem stocken. 

Unter jubelnden Beifall verläßt sie das Podium. Der darauf folgende Frank Brückner erobert vor allen Dingen die weiblichen Gäste mit einer perfekten Showeinlage.Suzanna Adam lotet dann genußvoll unanständigste Phantasien auf das komischste aus. Der Applaus steigert sich zu Jubel und frenetischer Beifall. Den Schlußpunkt setzt Bridge Markland. Im Dunkel liest sie auf dem Schoße eines Gastes im Lichte einer Taschenlampe ihre Abenteuer in einer erotischen Diskothek vor und dann ist dieser Abend auch schon wieder vorbei. 

Langsam leert sich das verrauchte Café und ich habe das Gefühl einen höchst anregenden erotischen Marathon absolviert zu haben. Wenn auch nicht alle Beiträge sich auf dem selben Niveau befanden, so kam doch aufgrund der abwechslungsreichen Gestaltung nie Langeweile auf. Für einen kurzen Moment gesellt sich noch Krischan zu mir und ich beglückwünsche ihn für diesen Abend. 

Ulrike Warmuth wickelt alle Anwesende förmlich um ihren Finger

Seine Frage ob ich jetzt öfter mal vorbeikomme, bejahe ich reinen Herzens und lobe seinen Beitrag überschwenglich. Er grinst mich mit treuen Hundeaugen an uns sagt "Schreib lieber eine Kritik über die Lesung!" Ich verspreche es ihm, denn wie eingangs beschrieben, kann ich ihm, wenn er diesen Blick an den Tag legt nichts abschlagen. Mit einem Schlag auf die Schulter verabschiede ich mich von ihm und denke an meine Freundin. Sie dürfte jetzt schon im Bettchen liegen, denn es ist schon weit nach Mitternacht. In meiner Hose regt sich etwas und mir fällt ein "Mein Gott da war doch noch etwas..."

 

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