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Das
Buch
Ein
Mädchen von Catherine Breillat.
ISBN:
3932191269
2001,
Kowalke, Berlin
Eine
Rezension von ggatsby@gmx.de
Das Mädchen hat Ferien, es nimmt den Zug und fährt nach Hause in die französische Provinz. Der Rhythmus, in dem die Waggons über die Gleisschwellen klappern, scheint die Gedanken zu lockern. Das Mädchen denkt schnell. Es sitzt auf dem Klo: „Ihr Blick richtete sich auf das Schnappschloss, es war eingerastet, aber man konnte nie wissen, und mit der Landschaft, die unter der Kloschüssel vorbeirauschte, wo sich, die Beine gespreizt, über stinkenden lauen Lüften die leuchtende Rose in Krämpfen öffnete, bekam all das verblüffende Ausmaße: Lust, Scham, Widerwillen." „Das Mädchen" ist ein Buch der verblüffenden Ausmaße: Lust, Scham, Widerwillen; eine vor Hitze
flirrende Pubertätsprosa, der man sich kaum entziehen kann. Da gibt es Stellen, wo das eine nicht zum anderen passt. Aber das ist nun mal so, wenn man Gedanken aus der Tiefe auftauchen lässt und dann einfach loslässt. Das Buch ist also genauso, wie das Mädchen Alice mit seiner erwachenden Sexualität umgeht: mal lockend, mal blockend, immer in der Furcht, ertappt zu werden. Das Schnappschloss könnte eingerastet sein - oder auch nicht. Es gibt da eine Szene, die zu den stärksten, zu den zwiespältigsten und natürlich auch zu den gefährlichsten gehört. Alice fantasiert sich in eine Begegnung mit Jim hinein, der im Sägewerk ihres Vaters arbeitet. Sie streckt sich, gefesselt mit einem Viehdraht, nackt unter der Mittagssonne aus, und sie lässt es geschehen, dass Jim unter höhnischem Lachen einen Regenwurm in ihr Geschlecht schiebt. Manchmal sieht die Szenerie aus, wie von Ödön van Horváth erfunden, dann, wenn eine kleine Kapelle zum Tanz aufspielt und sich die Paare im Regen drehen. Oder wenn sich der Vater von Alice mit seiner Geliebten zwischen den Dünen vergnügt. Man spürt einen Horváthschen Drang, eine Horváthsche Sehnsucht in den Figuren. Und auch eine gewisse Klebrigkeit und Glitschigkeit - Harz, Eidotter, Blut, Schleim. Einmal sagt Alice: Ich kenne die Symbole. Sie machen mir keine Angst.
Symbole sind der Sprache voraus. Man reagiert auf sie, ohne dass man schon sagen könnte, was sie im Einzelnen bedeuten. Das, was immer wieder als anstößig empfunden wird, ist der Blick auf die weibliche Sexualität. Man hat sich ja angewöhnt, sie auszuschließen und ihr in einer totalitären Haltung jedes Recht zu verweigern. Dabei ist die Sprache der männlichen Sexualität ziemlich kümmerlich. Sie ist auf die körperliche Vereinigung, auf das sexuelle Vergnügen reduziert. Und die Frauen sind nicht selten dazu degradiert, gebumst zu werden. Dem setzt da Buch etwas ganz Anderes entgegen, Vorstellungen, Wünsche, Fantasien, Ängste...
ggatsby@gmx.de

Die
Autorin:
wurde
1947 geboren. Neben den bisher
sechs Filmen hat sie vier Romane veröffentlicht,
davon einen (36 Fillette)
selbst verfilmt. Daneben Mitarbeit an
Drehbüchern, u.a. zu BILITIS
(Regie: David Hamilton, 1977)
und POLICE (Regie: Maurice Pialat,
1985).
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