Travestie

Travestie

von Skorpion
von Skorpion

Mary? Mary und Gordy, nur ohne Gordy. Sagt Ihnen nichts. Na die beiden Travestiekünstler, wobei inzwischen nur noch Mary künstlert oder nicht mal mehr das.
Aber sie (oder er?) kann’s. Sie kann tanzen. Sie kann auch singen. Und sie sieht toll aus, perfekt geschminkt. Die Show ein Vergnügen – für diejenigen, die so etwas mögen.
„Schmidts Tivoli“ in Hamburg fällt mir da ein, wo Lilo Wanders so humorig zu unterhalten wusste. Niveauvoll, ein schönes Ambiente.

Mich verschlug es allerdings nicht ins „Tivoli“, sondern zu „Johann“, einer Kneipe für Schwule und Lesben.
Ein befreundetes homosexuelles Pärchen hatte meine Freundin und mich eingeladen sie zur Travestie-Show bei „Johann“ zu begleiten.
Tatsächlich waren wir ein wenig aufgeregt – als ob man fremd in einer neuen Familie ist. Doch es ging dort alles völlig locker zu. Unkomplizierte Begrüßungsszenen, die Männer allesamt freundlicher im Umgang miteinander als es bei den meisten heterosexuellen der Fall ist, und auch wir Frauen ernteten einige bewundernde Blicke.

Ich freute mich auf diesen Abend. Darauf, viel zum Lachen zu haben, schöne Kostüme zu sehen, frivole Lieder zu hören. Doch es kam anders...
Von Travestie-Kunst à la „Mary“ war diese Show weit, weit entfernt. Nicht, dass ich ein solch hohes Niveau erwartet hätte. Jedoch auch kein so niedriges.

Die Darbietungen muteten eher als Transen-Show an, wie sich die Protagonistinnen gerne selbst bezeichneten.
Johann, die Obertranse, sang mit seiner tiefen, von jahrelangem Rauchen und nächtelanger Kneipenluft rasselnden Stimme frivole Liedchen und bot einige selbstverfasste Gedichte dar. Er/Sie hatte sich in ein derart enges Kleid gezwängt, dass es an Geschmacklosigkeit grenzte. Alle Sternchen waren so hoffnungslos zugekleistert mit Makeup und überdimensionierten künstlichen Wimpern, dass das Alter, der zum Teil hageren Männer, doppelt sichtbar wurde in ihren faltigen Gesichtern.
Einzig ein junger Mann machte eine ganz passable Figur, obgleich er sich nicht besonders geschmeidig bewegte. Doch auf solchen Highheels hätte selbst ich als Frau meine liebe Not gehabt.

Es entbehrte nicht einer gewissen Komik, dass sie nicht einmal in der Lage waren, den Mund zum Playback entsprechend zu bewegen. Hinter all’ dieser (erzwungenen) Komik machte sich bei mir eine leichte Melancholie breit. „Wer macht sich freiwillig so lächerlich, gibt seine Sexualität so klischeehaft preis?“. Mir war es beinahe peinlich, so erbärmlich kamen diese vier Männer daher…

Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Die Herren hatten wirklich ihren Spaß – und es ist wohl mal wieder typisch Frau, sofort tiefenpsychologisch zu analysieren.
Analytischer als ich war nur noch Johann. Brummend summend schritt er auf seinen mörderisch hohen Absätzen die wenigen Stufen der Bühne herunter, direkt auf mich zu.
„Für Dich soll’s rote Rosen regnen... – mach Dich locker, Mädchen... – Dir sollten sämtliche Wunder begegnen... – Tony, hier noch ’nen Lütten...“
In einer theatralischen, herzerwärmenden Geste presste Johann meine Hand an seinen nichtvorhandenen Busen und verdrehte so verklärt die Augen, dass es eine wahre Freude war.

Scheiß auf perfekte Show, das wollte man hier überhaupt nicht. „Habt Spaß und lacht auch mal über Euch.“ That’s it.

Bleiben Sie neugierig – auch auf sich selbst.

Copyright Skorpion 2006

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