Sie sind hier:  >>> Kultur 

Sex, Freiheit und die große Liebe

Für Susann

 

Bild: Dick Nieuwendyk 

Mit breiter Brust laufe ich durch die Straßen von Berlin. Die Sonne streichelt meinen Oberkörper durch das luftig-leichte T-Shirt und ab und zu kneife ich geblendet die Augen zusammen.
Es ist ungewöhnlich warm für diesen Frühling und über allem liegt ein Hauch von Beschwingtheit.
Doch noch aus einem anderen Grund blicke ich verträumt die Straße entlang. Mit dem Frühling ist auch die Hoffnung wieder in mein Leben zurückgekehrt. Und ich meine die Art von Hoffnung die entsteht, wenn man einen Menschen kennenlernt von dem man glaubt, dass er eine größere Rolle im eigenen Leben spielen kann. Oder simple ausgedrückt „Boy meets Girl“.
Das ist der Moment, wo ich beginne eine Titelliste von Musik zusammenzustellen, die SIE unbedingt hören muss, wenn sie mich begreifen will. Früher wurden mühsam Musikkassetten selbstbespielt, jetzt genügen einige Mausklicke in I-Tunes. Die Technik hat sich vereinfacht, aber die Musik bleibt unverändert.
Und in Gedanken spreche ich mit ihr. „Hörst du diese Stelle“ sage ich und in meiner Phantasie nickt sie. „Hier habe ich das Gefühl, mein ICH zu erkennen.“ Sie ist ganz ergriffen und kann mich vollkommen verstehen. Natürlich dreht sich dieses nie geführte Gespräch nicht nur um Musik. Wir quatschen Straßenzug um Straßenzug über dies und das, über Gott und die Welt. Und ab der Hausnummer 73 beginnen wir über das Verhältnis von Mann und Frau zu streiten und bei der Nummer 108 versöhnen uns wieder. Und ab und zu ertappe ich mich wie ich ihren Vornamen mit meinem Familiennamen verbinde um zu sehen wie die Kombination klingt. Nur für den Fall der Fälle.
Jetzt werfen wir einmal die Zeitmaschine an und spulen einige Wochen in Zukunft vor. Der Regen trommelt gegen die Fensterscheiben und ich denke „Scheiß Tusse. Mal wieder Perlen vor die Säue geworfen. Wieso kapiert Sie nicht, dass ich der Glücksfall in ihrem Leben hätte sein können.“ Mit einem Handwurf über die Schulter murmele ich „Und ab dafür!“ und zwei Minuten später denke ich wieder „Scheiß Tusse“.
Gleichzeitig erhalte ich eine SMS von einer Frau, deren Avancen ich bisher erfolgreich abgewehrt hatte. Aber vielleicht doch nicht in der Deutlichkeit, denn schon wieder will sie sich mit mir treffen.
So ist das alte Spiel. Wir wollen das, was wir nicht haben können und was wir bekommen können, verschmähen wir. Bertolt Brecht brachte es auf die kurze Formel „Der eine liebt, der andere weiß es.“
Doch halt, was ist das? Wir sind wieder im Hier und Jetzt. Aus meinen Träumen gerissen, stehe ich an einer Straßenkreuzung und sehe ein sich innig küssendes Paar. Es wird rot, es wird grün, doch die beiden gehen nicht über die Straße. Sie leben gerade außerhalb der Realität und befinden sich in einer anderen Raumzeit. Sie hat ihre Hände um seinen Kopf geschlungen und er schiebt seine in die Gesäßtaschen ihrer Jeans. Ihre Körper reiben sich in einer Weise an einander, dass jeder Porno-Regisseur hier Nachhilfeunterricht nehmen könnte und ich vermute, dass seine Zunge gerade ihn ihre Speiseröhre vordringt.
Dann gibt es also doch noch Hoffnung für die Liebe. Dieses küssende Paar ist der Beweis, dass zwei Menschen zueinanderfinden können.
Mit neu erwachter Zuversicht reiße ich mich von diesem hinreißenden Anblick los und überquere bei der nächsten Grün-Phase die Straße.
In meine Augen kehrt der Glanz zurück, denn ich liebe es zu küssen. Küsse inspirieren und Küsse sind meine Achillesferse. Wobei ich den Begriff Knutschen vorziehe, denn mein zweiter Name ist Mr. Knutscher.
„Achtung, Achtung, hier spricht die Polizei! An alle Frauen mit Knutschelippen. Bitte bleiben Sie zu Hause und verlassen Sie nicht die Wohnung. Der Knutscher ist wieder unterwegs. Das Betreten der Straße geschieht auf eigene Gefahr. Das gilt auch für Sie junge Dame.“
Ich weiß nicht, ob ich gut knutschen kann, schließlich habe ich mich nie selbst geküsst. Aber Rumknutschen kann ich stundenlang.
Dabei ist es so etwas intimes, dass es nicht weiter verwunderlich ist, dass die meisten Nutten ihre Freier nicht küssen wollen. Es ist einfacher sich einen Schwanz in den Schoß zu schieben, als eine fremde Zunge im eigenen Mund willkommen zu heißen.
Wenn in einer meiner Beziehungen, das Küssen ausblieb oder erstarb, wenn es oberflächlich wurde - so eine Art kurzer Begrüßungsschmatz, mehr der Routine, als dem Wunsch geschuldet - dann steckte in der Beziehung der Wurm drin. Küsse bzw. Nichtküsse bringen halt die Wahrheit ans Licht.
Der Umgang mit der Wahrheit ist dann wieder eine ganz andere Angelegenheit.
In regelmäßigen Abständen sitzt eine Freund oder eine gute Freundin bei mir in der Küche und kotzt sich über die aktuelle Beziehung aus.
Da wird getobt, gelästert, gejammert und gehofft. Immer mit der Aufforderung verbunden, die Situation zu verstehen und vielleicht den passenden Ratschlag zu geben, damit die Beziehung wieder in altem Glanz erstrahlt.
Das Dilemma, welches ich diagnostiziere ist in verschiedenen Variationen immer das Gleiche. Der Beziehungsfrustrierte hat aufgehört eine frei handelnde Person zu sein. In seiner Phantasie glaubt er schon zu wissen, wie der andere auf etwas reagiert und in einer Art vorauseilenden Gehorsam versucht er alles negative zu vermeiden.
Es ist die Zensur des eigenen Handelns und der eigenen Gefühle, die dazu führt, dass man einem Zustand hinterher rennt, der sich nur noch um so weiter entfernt, wie man versucht ihn einzuholen.
Und jetzt sitzt dieses Häufchen Elend da und verlangt nach der bitteren Medizin.
Die gebe ich dann auch und empfehle dem Patienten einen anderen Umgang, ein anderes Verhalten zu seinem Partner.
Mit einem gequälten Gesichtsausdruck wird meine Therapie wortreich zurückgewiesen. Messerscharf wird analysiert, warum mein Ratschlag die Beziehung endgültig zerstören würde.
Was ich dann antworte ist brutal. Ihr fickt seit einem halben Jahr nicht mehr miteinander, ihr habt keine schönen Momente, was bitte schön soll da noch kaputtgehen. Die Beziehung ist doch zerbrochen, nichts zu retten, aus, vorbei. Du gehst Deinem Partner doch voll auf die Nerven.
OK. Ich gebe zu, dass ich diese Dinge etwas sanfter umschreibe, damit ich keinen Selbstmordkandidaten nach Hause schicke.
Hey, sage ich, wenn du deine Strategie nicht änderst, hast du den anderen zu Hundert Prozent verloren. Wenn du aber meinen Ratschlag befolgst, dann hast Du eine fünfzigprozentige Chance.
Drehen wir wieder an der Zeitmaschine. Eine gut gelaunte Person sitzt mir in der Küche gegenüber und schwärmt mir von der letzten Nacht vor. Alles sei wieder im Lot. Ich habe ja so Recht gehabt. Manch einer hat meinen Ratschlag willentlich befolgt, manch anderer mehr aus Glück denn aus freien Stücken, aber das Ergebnis ist für meinen Gast verblüffend. Der Partner habe nicht wie gedacht reagiert, sondern vollkommen anders. Es werden sich wieder gegenseitig Liebesschwüre erteilt und das Leben ist schön. Tja, dass sage ich doch.
Jetzt könnte man zu der Erkenntnis gelangen, dass der Schlüssel zu ewigen Glück in der Partnerschaft die vollkommene Freiheit im Handeln ist. Das komplette Ausleben seiner eigenen Gefühlswelt.
Und wieder haben wir einen Gast in der Küche zu sitzen. Mit traurigem Blick beklagt er sich, dass der Partner eine Grenze überschritten, die die Beziehung im Innersten zerstört hat. Eine Zerstörung der Gefühlswelt, die sich nicht mehr heilen lässt. Au Backe, da habe ich dann auch keinen Ratschlag parat.
Und so stecken wir in einem Dilemma. Wir sollen unsere Gefühle nicht zensieren und gleichsam unter Kontrolle haben. Wie bekommen wir beides unter einen Hut? Geht das und wenn ja wie?
Das Zauberwort heißt meiner Meinung nach SEX. Sex ist das Spielfeld und die Pufferzone zwischen Freiheit und Zerstörung. Sex ist genauso produktiv wie Sex auch unsere dunkle Seite dominiert. Aber auch hier lauert eine große Gefahr und das ist die Lüge. Eine meiner Lieblingszitate lautet: „Wenn das Gespräch auf Sex kommt, lügt jeder.“ (1) Und schon sind wir wieder beim Zensieren der Gefühle.
„Soll ich meinem Partner sagen, dass ich gerne mal Sex zu dritt hätte? Nein, besser nicht. Er nimmt es dann noch persönlich und denkt, er reicht mir nicht.“
Und so brüten tausend unbefriedigte Wünsche in uns und lassen unsere dunkle Seite immer mehr anschwellen bis wir zu Platzen drohen oder wir leben es im Verborgenen aus. So lange bis die Wahrheit ans Licht kommt und die Liebe sprengt.
Vielleicht wäre also die Wahrheit zwischen zwei Liebenden der richtige Weg. Die Wahrheit und das Versprechen diesen Weg gemeinsam zu gehen, damit es zur gelobten Balance der Kräfte kommt. Und was kann eine Beziehung schon zerstören, wenn es nach Jahren immer noch sexuell knistert.
Vielleicht ist die Balance beim Sex die Grundvoraussetzung für die Balance im Leben.
Ob diese Erkenntnis der Weisheit letzter Schluss ist, kann getrost bezweifelt werden, denn jede Liebe ist immer wieder neu und hat ihre eigenen Regeln. Nur eine ewig gleiche Frage bleibt mir all die Jahre treu und beschäftigt mich jedes Mal aufs neue.
Schmecken meine Küsse IHR?


Text: Krischan von Schoeninger

(1) Zitat Robert A. Heinlein - Das Leben des Lazarus Long

 

Teilen

 

 

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

Bitte bewerten Sie diese Seite durch Klick auf die Symbole.

 

Schreiben Sie Ihre Meinung zu der Geschichte.

2 Kommentare

24.08.2011 01:07
Wie wahr,wie wahr.Sehr schön.

05.08.2011 10:53 One Girl
Hallo Herr vS, das ist ein wirklich schöner Text, den Sie da über Küssen & Co geschrieben haben. Obwohl Sie gar nicht aussehen wie ein grosser Knutscher vor dem Herrn.


 

Leser heute: 8 - gesamt: 16247.

 

 

Diese Seite drucken