Sie sind hier: >>> Filmkritik
Der Liebhaber
Auf Basis des gleichnamigen autobiographischen Romans von Marguerite Duras entstand unter der Regie von Jean-Jacques Annaud der Film „Der Liebhaber„. Vor dem Hintergrund einer vom Kolonialismus geprägten Gesellschaft wird die Geschichte eines fünfzehnjährigen, französischen Mädchens aus heruntergekommenen Verhältnissen und ihres Liebhabers erzählt, einem siebzehn Jahre älteren Chinesen.
Atmosphärisch äußerst reizvoll setzt der Film diese Beziehung mit prickelnd erotischen Bildern in Szene – die er nicht zuletzt 18jährigen Jane March in der weiblichen Hauptrolle verdankt, die damals mit Aktaufnahmen debütierte.
Für die Protagonistin begründet sich die Beziehung in einer Mischung aus einem experimentierfreudigen Wunsch nach Initiierung und einem Hang zu einer Form der Prostitution: Sie braucht Geld, um ihre Familie unterstützen zu können, eine alkoholkranke Mutter, einen spielsüchtigen Bruder und einen weiteren Bruder, der unter den beiden anderen leidet. Ihr Liebhaber interessiert sie nicht als Mensch, sondern nur einerseits als Möglichkeit, ihre Sexualität zu erkunden, und andererseits als Geldgeber. Dabei ist ihr monetäres Bedürfnis nicht rein altruistisch: Auch will und kann sie mit ihm zeitweise die genussvollen Seiten des Lebens auszukosten, die ihr durch ihre Herkunft versagt blieben. Ihm hingegen, als dem Sohn eines reichen Chinesen, ist die Beziehung zu einer Europäerin seitens seiner Familie unmölich gemacht. Seine Liebe zu ihr entwickelt sich dennoch oder gerade deswegen zu einer Amour Fou, weil sie hat keine Zukunft hat – sie ist geprägt durch einen melancholischen Zug, der für das Werk Duras' symptomatisch ist. Diese Stimmung fängt der Film gekonnt ein.
Der Film weicht deutlich von seiner 1984 erschienen und mit dem Literaturpreis Prix Goncourt ausgezeichneten Vorlage ab, indem er den autobiographischen Roman Duras' auf seine erotischen Komponenten reduziert; die Autorin selbst distanzierte sich deutlich von der Verfilmung. Einzigartig in der Filmgeschichte dürfte sein, dass die Literaturverfilmung aus diesem Grund selbst zu einer Vorlage für einen Roman wurde: Die Geschichte des Films verschriftliche Marguerite Duras später unter dem Titel „Der Liebhaber aus Nordchina„.
Der Liebhaber, OT: L'Amant, Frankreich / Vietnam / UK 1992, R: Jean-Jacques Annaud – nach einer Romanvorlage von Marguerite Duras.
Teilen
Zugriffe heute: 42 - gesamt: 2358.






