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Schöne neue Sex-Welt oder In Gene Veritas

Krischan von Schoeninger 


"Zeige mir deine Gene und ich sage dir wie dein Sex ist!" Wird in nicht allzu ferner Zeit eine zwar kopulationswillige, aber deshalb nicht minder anspruchsvolle junge Frau dem in die engere Auswahl gekommenen One- night- stand- Kandidaten antworten. Dieser wird verlegen nach einer Art Kreditkarte greifen und sie seinem wollüstigen Objekt der Begierde zur Begutachtung überlassen. Die erwartungsvolle Eva öffnet ihr Handtaschen- Schminkset mit integriertem Lesegerät und erfährt in Begleitung ihrer Freundin auf der Toilette die ganze Wahrheit.
Klarer Fall, das eine angeborene Schwäche zum vorzeitigen Samenerguß nur durch ein Übermaß an Zärtlichkeits-Genen ausgeglichen werden kann. Nebenbei kann sich die Dame auch darüber informieren, ob sie vielleicht vergessen soll, die Pille zu schlucken, weil er zwar zu verfrühtem Haarausfall neigt aber als treusorgender Vater mit ausgeprägten Karrierechromosomen verdammt gut veranlagt ist.
So oder so ähnlich könnte sich in ein paar Jahren unser Balzverhalten gestalten, nachdem der menschliche Bauplan entschlüsselt wurde - der aufregendsten wissenschaftlichen Leistung seit der Entdeckung des G-Punktes. Vedder sei Dank.
Doch dies ist ja erst der Anfang. Nachdem Clown Dolly nun auch als Schaf existiert und ein Künstler unlängst Kaninchen ein fluoreszierendes Quallen-Gen in die Erbanlagen schmuggelte, damit diese im Dunkeln besser leuchten, bedarf es keiner großen hellseherischen Fähigkeiten um unsere Zukunft in neuem Licht zu sehen.
Mütter werden zu ihrem Intim-Genetiker gehen und ihren Söhnen all die Eigenschaften mit in die Wiege legen, die sie bei ihrem Ehemann so schmerzlich vermissen. Väter werden heimlich bei selbigem aufkreuzen, um dafür zu sorgen, daß ihre Töchter die großen und festen Brüste des aktuellen Playmate- Girls bekommen und gegen einen satten Aufpreis auch noch einen schönen kleinen Hang zu älteren Männern mit leichtem Bauchansatz - damit das Töchterchen begeistert ist und nicht petzt, wenn Papi zu ihr ins Bett krabbelt...
Homosexuelle Paare werden, nachdem sie in den Genuß der gleichgeschlechtliche Ehe gekommen sind, sich ihres biologischen Handicaps einfach entledigen, in dem sie im Reproduktionscenter eine kombinierte Kopie von sich bestellen. Auf die Frage nach der geschlechtlichen Orientierung werden sie sich etwas verlegen am Kopf kratzen und sich dann doch für das Modell Marlene Dietrich entscheiden. Die war ja bekanntlich bi. Und die absoluten Trendsetter aus der Spaß- und Funfraktion schmuggeln ihrer Nachkommenschaft etwas Quallen-Gen ins Partyblut. So ein strahlend blauer Phallus, der sich wie Albert Speers Lichtdom in den Nachthimmel reckt oder eine geheimnisvoll, grünlich fluoreszierende Vulva ist doch ultimativ cool. Oder!?

Copyright Krischan von Schoeninger 2000

 

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