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Zuckersüß

Christiane Rutishauer 

Die Stadt kocht bei dreißig Grad im Schatten. Wir schlendern lahm und lustlos durch die Altstadt, stehen unschlüssig vor den Schaufenstern der Boutiquen. Es ist Ausverkauf, aber man kann sich einfach nicht dazu entschließen, etwas über den klebrigen Körper zu streifen. Die schmalen Gassen dampfen, dünsten merkwürdige Gerüche aus und in den Geschäften lauern gelangweilte Verkäufer und Verkäuferinnen auf Kundschaft.
"Vielleicht Schuhe?" meint Laura beim Anblick einer Auswahl von Sonderangeboten. Sie schnappt sich einen Plateau-Schuh und wedelt damit vor meiner Nase herum.
"Ich dachte, Plateaus seien out. Und deine Schweißfüße?"
Sie zuckt mit den Schultern und stellt den Schuh zurück.
"Es ist einfach zu heiß", stöhnt sie und wischt sich die klebrigen Hände an ihrem Rock ab. "Wir hätten baden gehen sollen."
Der Gedanke an kühles, frisches Wasser hat etwas sehr Verlockendes, aber meine vagen Hoffnungen werden schon im nächsten Augenblick zerstört.
"Jööö, guck mal, ein Bonbonladen, wie süß."
In kindlicher Euphorie stürmt sie in den kleinen Laden und ich widerstrebend hinterher. Der winzige Raum ist voll gepackt mit durchsichtigen Plastikbehältern, in denen sich giftgrüne Gummifrösche, weiße Zuckerschaummäuse, rosa Schnuller, saure Zungen und all so was, tummeln. Der intensive, klebrige Geruch von Zucker schlägt mir entgegen, legt sich als Film auf meine Haut und verstopft mir die Poren. Ich lecke mir die Lippen ab, sie sind süß. Die Süße dringt in mich ein und rinnt mir die Kehle hinab. Ich möchte wieder gehen, aber Laura dreht langsam eine kleine Runde durch den Laden, bleibt kurz vor den Überraschungseiern und den Babyfläschchen mit Liebesperlen stehen, zögert, seufzt und steuert dann auf die Kasse zu.
Ein junger Verkäufer steht abwartend und lässig hinter der Theke. Er paßt eher in einen Computerladen als hierher, mit seinem eng anliegenden T-Shirt und der, genau an den richtigen Stellen abgenutzten Jeans. Seine hohen Wangenknochen sind mit zwei zackig ausrasierten Koteletten dekoriert.
Um die Kasse herum sind Lollies in allen Farben und Formen wie kleine Blumen in Styropor aufgesteckt.
Laura bleibt davor stehen.
"Welche hiervon sind denn am Besten?"
Ihre Stimme klingt kindlich, unschuldig.

 

erotische Kunst von Sven Asmus 

Er beugt sich ein wenig vor und deutet mit der Hand auf die Auslage: "Also, die hier vorne sind mit Brause gefüllt und eher sauer. Die gibt's in Kiwi-Zitrone und Maracuja-Orange. Das da hinten sind Zungenfärber: lila, rot, grün und blau. Die bunten Stangen sind Kieferkracher, nur empfehlenswert für Leute mit guten Zähnen. Die Roten, die Chuppachupps, sind mit Kaugummi. Extrem gut zum Aufblasen."
Sein Gesichtsausdruck ist nicht zu deuten, aber sein Blick versenkt sich tief in Lauras kaffeebraune Augen.
Sie fährt sich durchs Haar, beißt sich auf die Lippen.
"Ja, und welche schmecken dir jetzt am Besten?"
Es entsteht eine kleine Pause.
"Also, ich finde die Zitrone-Kiwi ziemlich gut. Die sind so schön sauer, das kitzelt teuflisch auf der Zunge. Die riesigen Erdbeerbomber sind aber auch klasse", fügt er mit einem langen, prüfenden Blick auf Lauras tiefen Ausschnitt hinzu.
Mir fällt auf, dass sie wieder einmal, trotz ihrer Körbchengröße XXL, keinen BH trägt.
Sie kichert, schiebt den Spaghettiträger ihres Tops zurecht und beugt sich tief über die Auslage.
"Ich weiß nicht", seufzt sie. "Welche waren das noch mal, die auf der Zunge kitzeln? Oder, ob ich doch lieber so eine Stange nehmen soll? Eine rote vielleicht. Ich mag Rot. Lippen sind rot."
Auf ihrem Dekolleté bilden sich winzige Schweißtröpfchen, die zwischen ihren Brüsten herab rinnen.
Die Luft knistert, die Gummischlangen zischen eifersüchtig in ihrem Käfig und die Gelatinebärchen schmelzen langsam dahin.
Seine Augen werden schmal, der Blick ein wenig starr.
Laura lächelt ein kleines zuckersüßes Lächeln, ansonsten gibt sie sich gleichgültig. Sie zupft einige Lollies aus dem Styropor, hält sie prüfend in der Hand, steckt sie wieder zurück, wählt schließlich fünf besonders große und ausgefallene aus und hält sie ihm unter die Nase wie einen exotischen Blumenstrauß.
"Ich denke, ich nehme die hier."
"Alle auf einmal?"
"Nein, schön einen nach dem anderen."
Er umfaßt mit einer langsamen Bewegung ihre Hand, zieht Laura näher zu sich her. Die Gesichter der beiden sind jetzt nur noch wenige Zentimeter voneinander entfernt.
"Wieviel macht das?"
Er bewegt sich keinen Millimeter, starrt auf ihre Lippen.
"Geschenkt," flüstert er schließlich und neigt den Kopf zur Seite.
Bevor er sie küssen kann, dreht sie den Kopf weg, löst ihre Hand mit einer raschen Geste und lacht, wie eben nur Laura lacht, glockenhell und ein wenig spöttisch.
Er steht einen kurzen Moment lang verdattert da, den Kopf zur Seite geneigt, die Lippen leicht geöffnet.
"Na dann, vielen Dank auch."
Sie hakt sich bei mir unter, zieht mich zum Ausgang.
Er hat sich schnell wieder gefangen, gibt sich lässig und unberührt.
"Denk dran", ruft er ihr nach, "zu viel Zucker ist ungesund."
Sie wirft noch einen Blick zurück, so einen Madonnenblick.
"Wer sagt denn, dass ich die Dinger essen will?"
Ihr Lachen hallt noch eine Weile durch die schmalen Gassen. Die Leute drehen sich nach uns um.
"Der war jetzt wirklich süß", japst sie, nachdem sie sich ein wenig beruhigt hat. "Aber, es ist einfach zu heiß. Schade."

 

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