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Vor dem Napf

Jürgen B. Greulich 


Flimmernd lastete die Hitze auf dem surrealen Platz, auf dem kein Laut zu hören war außer dem Zirpen der Grillen und einem leisen Schluchzen von Natalie, die mit aus­­ge­brei­teten Armen und gesenktem Kopf in der Sonne stand. Endlich vom Schlanken und dem kleinen Glatzköpfigen verlassen erhob sich Carolin von den Knien und ging zum steinernen Trog, formte die Hände zu einer Schale, hielt sie unter den fingerdicken Strahl, der unaufhörlich aus einem kupfernen Rohr her­ab­­plät­scherte, und sog das kühle klare Wasser in den Mund. Ihre Nachbarin, eine klei­ne dralle Dunkelhaarige, sank vor einem älteren schwitzenden Herrn auf die Knie, nestelte seinen Penis hervor und schloss die Lippen darum. Funkelnd schau­ten ihre schwarzen Augen zu dem Mann hoch, der ihr langes lockiges Haar strei­chel­te und ihr irgendwelche Worte zuflüsterte.Die beiden Aufseher stolzierten über den Platz zu Natalie, befreiten sie von den Säulen, umfassten ihre Oberarme und führten sie in ihrer Mitte in eines der Häuser. Sachte fiel die schlichte hölzerne Tür hinter ihnen ins Schloss. Carolin ließ sich auf den roten Plastikstuhl sinken und hob den Blick zum strahlend blauen Himmel, an dem kein einziger Vogel seine Kreise zog. Ein Glück, dass die Hauswand Schat­ten bot, der bis zum Rand des Bürgersteigs reichte; die Mädchen auf der anderen Stra­­ßen­­seite hatten sich hinter ihren Sonnenschirmen verschanzt.
Die Aufseher kamen wieder aus dem Haus — und direkt auf Carolin zu! Die Drohung des Kleinen brannte in ihrem Ohr: Du bist störrisch. Aber das werden wir dir austreiben … Erschrocken stand sie auf. »Was haben Sie vor?« Die beiden Männer verstanden ihre Worte nicht und sie waren ihnen auch egal. Der etwas kleinere und et­was stämmigere der beiden hatte einen kleinen Schlüssel in der Hand, öff­ne­te da­mit die Öse ihres Halsbandes und nahm ihr die Kette ab. Starke Hände pack­ten ih­re Ober­arme und zerrten sie zur Mitte des Platzes — zwischen die Säulen. Ihre Arme wurden ausgebreitet und festgekettet, hilflos stand sie in der pracht­­vollen Ur­lauber­sonne. Die Türen der Häuser öffneten sich, Männer schlen­­der­ten nach und nach heraus, vielleicht ein Dutzend an Zahl, und umringten sie in sicherem Ab­stand wie eine Zirkusattraktion. — Warum nur? Warum musste sie hier stehen, war­um konnte sie nicht einfach Urlaub machen wie alle anderen Leu­te auch? Ein feines Sirren durchschnitt die Luft, gefolgt von einem hässlichen Klat­­schen. Feuer lo­derte auf. Hart und wütend kamen die Hiebe, un­ter de­nen sich alles Bangen, alles Hof­fen und alles Hadern mit dem Schicksal in bren­­nendem Schmerz auflöste … Ei­ne Hand legte sich unter ihr Kinn und hob ih­ren Kopf empor, schluchzend öffnete sie die Augen sah durch den Schleier der Trä­nen hin­durch den Kleinen mit den ab­ste­henden Ohren vor sich stehen. Sein Lä­cheln war ein Peitschenhieb für die Seele. »Sü­ße Prinzessin, du weißt nun also, welche Folgen es hat, wenn du störrisch bist. Tust du nicht, was wir von dir wollen, stehst du wieder hier. Ist dir das klar?«
Sie nickte wimmernd.
»Schön. Und vergiss es nicht!« Er trat zurück und die Aufseher befreiten sie von den Säulen, führten sie zu ih­rem Platz, ketteten sie an den eisernen Ring und ent­fern­ten sich, zufriedene Männer, die ihre Arbeit getan hatten. Noch immer brannte Ca­rolins Haut, als konzentriere sich die Hitze des fremden Landes ganz auf sie. Mit­fühlend ruhte der Blick der Dunkelhaarigen auf ihr, gleich aber senk­te sie die Lider, als seien Gefühle hier verboten.
Carolin tauchte die Hände in den Trog, aus dem Wasser durch eine Öffnung knapp unterm Rand ebenso beständig ablief, wie er aufgefüllt wurde. Sie kühlte das heiße Gesicht, wusch die Tränen ab und löschte den Durst mit einigen Schlu­cken. Ver­lassen ragten die Säulen in der Sonne auf, lautlos hatte sich das Publikum zer­streut. Nur nicht ein zweites Mal dort ste­hen, alles war besser als das. — War es das wirk­lich? Sollte sie jedem der Männer hier zu Diensten sein, so wie die große schlanke Frau mit den üppigen Brüsten und dem glatt rasierten Schoß, die auf der an­­de­ren Stra­ßen­seite vor einem korpulenten Mann niederkniete und seinen Schwanz in den Mund nahm, als gäbe es nichts Selbstver­ständlicheres auf der Welt? Sollte wirklich jeder sie haben können? Aber ja, denn wenigstens tat das nicht weh …
Allmählich ließ der schlimmste Schmerz nach, doch regte sich nun eine andere Sor­ge. Noch immer nicht war sie auf der Toilette gewesen und nun wuchs der Drang. Was sollte sie tun? Irgendwie einen der Aufseher auf ihr Bedürfnis auf­merk­­sam machen, wenn sie wieder erschienen? Aber war das nicht schrecklich pein­­lich? Verstört ging sie auf und ab, so­­weit die Kette es zuließ. Sie reichte bis zur Hausecke und vorsichtig wagte Carolin einen Blick um sie herum. Hinter dem Haus gab es einen kies­be­streu­ten Platz, darauf parkten im Schat­ten ausladender Pla­tanen die Wa­gen der Her­ren, überwiegend schwere Li­­mou­sinen, dazwischen ei­ni­ge Sportwagen. Sie ka­men fast alle aus dem Nor­­­den, viele aus Paris, so verrieten die Nummern­schilder; ein bäuer­licher Bürgermeister aus dem Süden war hier wohl nicht zu finden. Sie muss­­te jetzt wirklich zur Toi­lette, es wurde quälend, ver­dräng­te sogar den Schmerz. Verzweifelt kniff sie die Bei­ne zusammen. Gäbe es doch nur diese ver­damm­te Kette nicht, dann könnte sie um die Ecke huschen, sich hinter ei­n Auto set­zen und dort ihr Geschäft ver­rich­ten, genau wie ein Tier, als das man sie hier se­hen wollte. Wie schön es wäre …
Was machte denn die Frau mit dem rötlich schimmernden glatten Haar und dem dunklen Teint? Sie ging am Rand des Bürgersteigs in die Hocke und — war es denn wahr? — urinierte einfach auf die Straße, erhob sich dann und wusch den haar­losen Schoß mit Wasser aus dem Trog, wozu sie nichts anderes als die Hand be­­­nutzen konnte. So also wurde dieses Problem hier gelöst? Oh Gott, es war zu­tiefst entwürdigend. Doch gab es keine Wahl. Carolin überwand die Scham und ging ebenfalls in die Hocke mit gespreizten Schenkeln. Die Tür »ihres« Hauses wur­­de geöffnet und ein massiger Mann mit mächtigem Bauch und faltigem Stier­nacken kam heraus. Er sah sie, grinste und kam zu ihr her. Ausgerechnet jetzt! Ir­gendwie musste sie versuchen, es noch länger zurückzuhalten, denn natürlich hat­te das Bedürfnis des Mannes Vorrang. Sie wollte sich aufrichten, um auf die Matte zu knien, doch legte sich die Hand des Mannes auf ihre Achsel und hielt sie in der Hocke. Er sagte einige französische Worte, die sie nicht verstand, öffnete mit der freien Hand flink seine Hose und sein Penis schob sich in ihren Mund. Sie saug­te beiläufig an ihm, da in den Kampf gegen ihren Drang verwickelt — den sie verlor. Ihr Widerstand brach, die Schleuse öffnete sich, und endlich, endlich, war sie erlöst. Hei­­ßes Sperma quoll in ihren Mund und sie schluckte es keu­chend hin­un­ter, wurde ähnlich wie der Wassertrog zugleich entleert und aufgefüllt. Das sollte wirk­­lich besser als die Peitsche sein, diese Demütigung? Aber ja, natürlich, es ver­hü­tete den Schmerz, und zudem … tief in ihrem Innern erwach­te ein un­be­greif­liches schaurig schönes Krib­beln … Grin­send ließ der Mann von ihr ab und verzog sich wieder ins Haus. Sie stand auf und ging zum Trog, ha­t­te einiges an sich zu wa­schen. Ein alter Mann in Arbeitskluft er­schien mit einem Wasser­schlauch und spritz­te schläfrig die Stra­ße ab. Er kam noch zweimal im Laufe des unendlich lan­gen Nachmittags, an dem noch einige Herren bei den Mädchen auf­tauch­ten, zwei auch bei Carolin, die oh­ne Zögern vor ihnen auf die Knie ging und sie ergeben empfing.
Als die Sonne tief über den Hügeln stand, wurden die Mädchen von den bei­den Auf­sehern eingesammelt. Sie ersetzten die Ketten durch Hundeleinen und trieben das Rudel der Mädchen in das größte Haus am Platz, in dem es köstlich nach Essen duftete. Carolin nahm mit den anderen zusammen in ei­nem großen blau gekachel­ten Raum eine Dusche, dann mussten sie sich schminken. Ge­­sprochen wurde kein Worte, die Lider blieben gesenkt, begegneten sich doch ein­­mal zwei Blicke, wichen sie sich gleich wieder aus, nur selten er­blüh­te in einer Mie­ne der Anflug eines Lä­chelns. Nackt wurden sie in einen kleinen Raum ohne Mö­­bel geführt. Durch das schma­le hohe Fenster sah man die Sonne golden am Ho­ri­zont versinken. Die Mäd­chen knieten auf dem ro­ten flauschigen Teppichboden nieder und ihre Armbänder wurden eng an die Bänder der Fuß­gelenke gekettet. Fast feier­lich öffneten die Auf­seher eine Schiebetür und da­hinter tat sich ein großer Raum auf mit einer weiß ge­deck­ten u-förmigen Tafel, an der etwa zwanzig Her­ren saßen. Angetrieben von den Auf­sehern krochen die Mädchen auf den Knien vor ihre Augen. Drei junge Frauen, darunter Natalie, trugen in knöchellangen, weißen, durchschei­nenden Gewändern die Speisen für die Männer auf.
Eine der dreien nahm zwei Blechnäpfe, einer mit einer gelben Flüssigkeit, der andere mit Speisen gefüllt, von einem Servierwagen und stellte sie in der Mitte des Rau­mes auf den Boden. Zart und rauchig klang ihre Stimme. »Claire.« Die Frau mit dem blonden, lockig langen Haar kroch auf den Knien zu ihr hin und beugte den Kopf zu den Näpfen hinab, begann die Flüssigkeit aufzusaugen und das Essen zu vertilgen. Wie ein Tier! Als beide Näpfe leer waren und sie sich aufrichtete, war ihr Ge­sicht verschmiert und Tropfen gelber Flüssigkeit rannen über ihr Kinn. Sie säu­berte ihre Lippen, so weit die Zunge reichte, und die anderen Mädchen ka­men ihr zu Hilfe, krochen zu ihr und leckten die Essensreste von ihrem Gesicht und die Flüs­sigkeit von ihrem Hals und den Brüsten. Eines der Mädchen kroch hinter sie, küsste ihren Po und drängte den Kopf zwi­schen ihre Beine, lieb­koste ihren Schoß. Während sich Claire seufzend unter den Zärt­­lich­kei­ten aalte, be­kam das nächste Mäd­chen die Näpfe vorgesetzt. »Chris­­tine!« Chris­tine war die kurzhaarige Blonde, auch sie machte sich über ihr Abendmahl her. Noch während sie aß (oder fraß?), kroch Claire auf sie zu, umringt von den an­de­ren Mädchen, die noch immer an ihr leck­­ten und sie küss­ten, schmieg­te das Ge­sicht zwischen die ge­öffneten Beine und lieb­koste sie zärtlich.
Carolin hielt sich mitten im Getümmel auf, oh­ne sich am Knabbern, Küs­sen und Lecken zu beteiligen. Noch nie hatte sie sich einer Frau intim genähert, nein, das wollte und konnte sie nicht. Eine Peitsche klatschte auf ihren Hintern und sie schluchzte auf. Einer der Aufseher stand hinter ihr, holte erneut aus, wieder tra­fen die Riemen ihren geschundenen Po, gleich noch ein drittes Mal. Seine Worte ver­stand sie nicht, dafür aber die Geste seiner Hand, die auf Claires Unterleib wies. So viel Über­­­­windung kostete es gar nicht, es ging ganz einfach. Sie drängte den Kopf zwi­­schen Claires Beine, schmeckte die feuchte, weiche Muschi, be­leckte sie sanft und hörte das Mäd­chen stöhnen.
»Carolin.«
Oh. Um ein Haar hätte sie ihren Na­men überhört, da er anders als gewohnt aus­ge­­spro­chen wurde, eleganter und melodischer. Das aber änderte nichts. Dort stan­den die Blechnäpfe auf dem Boden und warteten auf sie! Sie kroch hin und beug­te sich hinab, verlor fast das Gleichgewicht, beinahe wäre ihr Kopf haltlos in die gelbe Flüs­sigkeit ge­platscht, die sich als kühler Orangensaft entpuppte. Was hier verlangt wurde, er­forderte fast akrobatisches Geschick — und das Abstreifen auch des al­ler­letz­ten Stol­­zes. Die Näpfe waren großkreisig und nicht sehr tief. Die Speise, klein ge­­hack­tes Ge­müse, Nu­­­deln und Fleisch, war nur mä­­ßig warm, damit man sich nicht daran ver­bren­­ne, und zu fest, um sie auf­zu­sau­gen. Sie musste das Gesicht hin­ein­tau­chen, spür­­te, wie Nase, Wangen und Kinn ver­klebten, verschluckte sich fast, brachte den Hap­pen nur mit Mü­he hinunter. Es schmeckte gut und sie hatte Hunger, hatte ja den ganzen Tag noch nichts gegessen. Trotzdem hätte sie eine Fas­tenkur diesem schändlichen Auftritt vor all den Männeraugen vorgezogen, doch gab es diese Entscheidung ja nicht. Nur nicht schon wieder die Peitsche provo­zie­ren … Erneut tauchte ihr Gesicht in den Napf. Warme Lippen glitten über ihren Po und eine Zunge streichelte ihre Schenkel, während sie Bissen um Bissen, Schluck um Schluck nahm, bis beide Näpfe endlich leer waren und sie sich auf­richtete durf­te. Nun spürte sie die Liebkosungen der Mädchen überall, im Gesicht, am Hals, an den Brüsten und zwischen den Bei­nen; wohlige, aufregende Glut breitete sich aus, es war erregend, zärtlich und wunderschön, ihre Seufzer stiegen zur Decke auf, als seien sie hier heimisch … Man brauchte keine Peitsche mehr, um sie den frem­den und doch ver­trauten Frauen nahe zu bringen, lust­­voll gab sie wei­ter, was sie emp­fing; lä­­chelnd und aufmerksam schauten die Herren zu ihnen herab wie Besucher eines Zoos, die sich am Treiben putziger Tier­chen erfreuten …
Als das letz­te Mädchen ge­füttert war, trieben die Aufseher den Knäuel der Lei­ber aus­einander und zerrten sie an den Leinen aus dem Raum. Es wurde ihnen in ei­nem vergitterten Zimmer eine Erholungspause gegönnt. Ohne Fesseln saßen sie auf unbequemen Stühlen mit hohen Rückenlehnen beieinander und wagten sich kaum anzuschauen, als müssten sie sich voreinander schämen. Dunkelheit breitete sich über die Hügel, die still und verlassen bis zum rötlichen Horizont im Osten reichten, fast hätte man meinen können, dass es dort draußen kein Leben mehr gab. Ca­rolin seufzte schwer. Hätte sie gewusst, was hier auf sie wartete, hätte keine Macht der Welt sie herbekommen. Die kleine Dun­kel­haarige, die draußen ihre Nach­­­barin gewesen war und Madeleine hieß, sandte ein scheues Lächeln herüber, das Carolin zaghaft erwiderte. Aber viel­leicht … Viel­leicht war es manchmal bes­ser, nicht zu wissen, was einen erwartete, da man dann man­ches nicht erleben wür­de, das doch einen tiefen geheimen Reiz in sich barg …

Copyright Jürgen B. Greulich 2005

 

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