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Verkehrsverhalten
EINE GESCHICHTE AUS DER WIRKLICHKEIT, NAHE AN DER WAHRHEIT
Martin ging mit dem braunen undurchsichtigen Briefumschlag durch die belebten Gänge der Uni direkt auf das Psychologie Seminar zu und musste unentwegt lächeln. Es war schon eine komische Sache, das musste man schon sagen. Nie im Leben hätte er sich denken können, dass es so etwas mal ihm passieren könnte, ihm, dem Alleskönner, den Supertypen, der jedes Mädchen bekam, das er haben wollte, da sie sich von seinem trainierten, braun gebrannten, grünäugigen Körper mit dem braun-blonden Haar nur zu gerne einwickeln ließen, von seinen Flirttechniken ganz zu schweigen. Und doch hatte es ihn erwischt und er war nun - davor bestimmt nicht - nur zu gerne bereit, dies offenkundig zuzugeben. So oft hatte er über andere triumphiert und dies ausgekostet, jetzt war es halt einmal andersherum. Und sein Ego litt nicht so sehr, wie er es eigentlich vermutete hätte.
Vor sechs Wochen etwa hatte ein Freund und Studienkollege ihn auf einen Aushang aufmerksam gemacht.
"Die suchen männliche Testpersonen, die ihr Fahrverhalten demonstrieren sollen. Angeblich fahren Männer ja besser als Frauen, das wollen die testen. Wäre doch genau dein Ding."
Martin hatte nur gelacht. "Und was gibt es dafür, dass die mal einen Könner über die Schulter sehen dürfen?"
Nun lachte sein Studienkollege. "Hast du etwa Schiss, dass die herausfinden könnten, dass du doch nur ne Niete bist?"
"Ey, Mann, bisher hast du doch nur an meinem Auspuff riechen können, wenn überhaupt." Martin war der beste Fahrer in seinem ganzen Bekanntenkreis, und der war groß.
"Tja, geh einfach mal hin, wirst ja sehen."
Martin hatte erst abgewunken, aber er wusste genau, dass wenn er nicht hingegangen wäre, er als Feigling deklassiert worden wäre. Also musste er es tun, schon wegen seiner Ehre.
So fand er sich mit ein paar anderen Auserwählten in einem Hörsaal ein, die allesamt blöde Witze darüber rissen, dass ja klar sei, warum Frauen nicht getestet werden sollten, da dies vom Anfang an in die Hose gehen würde.
Dann kam der leitende Professor. Und zehn der geilsten Mädels, die Martin je gesehen hatte. Dies war kein Fahrtest, das war ein Modellkontest, Wahnsinn.
"Meine Herren, ich schätze, sie wissen alle worum es geht", begann der Professor in einer unitypischen Redesprache, nur achtete schon jetzt keiner mehr wirklich auf seine Worte. Alle sahen nur auf die Mädchen, die braun gebrannt, langhaarig und kurzberockt mit engen, tief geschlitzten Oberteilen vor ihnen standen. "Draußen stehen einige Wagen, die sie jeweils mit einer meiner Assistentinnen hier besteigen werden. Was sie dann nur noch tun müssen, ist ihren Anweisungen zu folgen. Der Rest ergibt sich."
Oh, das hoffe ich doch, meinte Martin zu sich selbst, der gar nicht wusste, mit welchen dieser rassigen Geschöpfe er am liebsten den Wagen teilen wollte. Noch bevor er sich darüber richtig Gedanken machen konnte, kam schon eines der Mädchen auf ihn zu. Mit einem Blick hatte Martin sie von unten nach oben abgecheckt: etwa einsachtzig ohne die Pumps, helle, fast schimmernde Haut, ein braunes Kleid, das hoch geschlitzt war und beim Gehen viel von ihren wunderschön anzuschauenden Beinen offenbarte, die Knöpfe oberhalb bis fast zur Mitte ihrer beiden wohl perfekt geformten Brüste auf, lange, etwas gewellte schwarze Haare und ein mit blauen Augen durchdringender Blick, der absolute Selbstsicherheit offenbarte, mehr konnte man sich nicht wünschen.
"Hi, du musst Martin Schuster sein. Ich bin Tarja. Du fährst mit mir." Punkt. Keine Widerrede erwünscht.
Martin grinste. "Ist mir eine Ehre, Tarja."
Als er sich umblickte, sah er, wie die anderen ebenfalls über beide Backen grinsend, den Modells, äh, Assistentinnen folgten. Auch Tarja deutete ihm, ihr zu folgen, was Martin nur zu gerne tat, auch wenn er sie erst einmal ein paar Schritte vor gehen ließ, um einen Blick auf ihren rhythmisch schwingenden Hintern zu erhaschen. Wahnsinn.
Tarja sah über die Schulter und ließ ein angedeutetes Lächeln erscheinen, was Martin natürlich nicht entging.
Hm, du stehst darauf. Oh, ich weiß noch mehr, worauf du stehen wirst.
Schließlich holte Martin sie wieder ein und gesellte sich neben sie. Tarja guckte strickt nach vorne, ihre Mine verriet keinerlei Emotionen.
"Du hast einen schönen Akzent und einen außergewöhnlichen Namen. Woher kommt der?" versuchte es Martin.
"Aus Finnland." Punkt.
"Ah, da, wo es so lange Nacht ist."
Tarja zog eine Augenbraue hoch. "Nun, wir können dort mit der Nacht so viel anfangen, dass wir mehr davon brauchen."
"Und wie ist das hier?"
Tarja lächelte kurz. "Hier ist die Nacht nicht der Rede wert."
"Dann muss ich Finnland mal besuchen."
Tarja grinste. "Du überschätzt dich. Die Nächte sind zu lang für dich."
Martin nickte verschmitzt lächelnd. Sie spielt die Unnahbare. O.k., lass uns spielen.
Draußen stand ein neuer Mercedes, schwarz, tiefe Sitze, ein Auto, wie es sich Martin immer erträumt hatte. Tarja holte einen Schlüssel hervor und warf ihn ihm zu, nachdem sie ihre Seite geöffnet hatte. Diese eindeutige Aufforderung ließ Martin sich nicht zweimal geben. Er schloss die Tür auf und schlüpfte direkt hinein. Das Gefühl war unbeschreiblich. Seine Augen funkelten, als er das Armaturenbrett genau inspizierte.
"Falls du es ablecken willst, kann ich euch zwei hübschen mal kurz alleine lassen." Wieder ein kurzes Lächeln von Tarja.
Martin grinste höhnisch zurück. Na warte, gleich wird dir Hören und Sehen vergehen.
Beide legten die Gurte an, Tarja holte noch ein Klemmbrett und einen Stift hervor, dann ging es los. Nacheinander verließen zehn Autos den Parkplatz, um dann in verschiedene Richtungen zu verschwinden.
Eine Weile fuhr Martin dem ihm bekannten Weg, wartete darauf, dass Tarja ihm schon sagen würde, was er tun sollte. Aber es kam nichts.
"Fahr einfach mal", war ihre kurze Anweisung, während sie abwechselnd nach draußen sah, um dann wieder nicht lesbare Notizen zu machen.
Martin tat sein Bestes, um Tarja zu beeindrucken. Er wusste, dass sie auf aufheulende Motoren beim Starten oder Gasspielchen an der roten Ampel nicht stehen würde. Er musste mit Fehlerlosigkeit glänzen und genau das ausführen, was sie ihm sagte. Aber sie sagte ja nicht viel. Mal ein "Jetzt rechts", "Links" oder "Einfach weiterfahren", sonst nichts. Ständig machte sie sich Notizen, doch Martin konnte nicht erkennen, was sie aufschrieb oder gar warum.
Doch plötzlich kam ein Satz, den sie wie immer ohne Regung aussprach, der Martins Hoffnungen wieder anfachte: "Und nun auf die Autobahn."
Jetzt war er endlich in seinem Element, denn die Autobahn, auf die er nun fuhr, sah er als seine selbstpersönliche Privatstrecke an. Wie oft er sie schon gefahren war, konnte er gar nicht mehr sagen, sehr oft.
Gekonnt und ohne Hast fügte er sich in die drei Bahnen ein, die aber auch nicht viel befahren waren. Schon glaubte er einen der anderen Testpersonen erkennen zu können, aber da war keiner.
Als er zu Tarja hinüberblickte, sah er direkt in ein schnippisches Lächeln. Dann zog sie eine Augenbraue hoch, deutete mit den Augen auf die Fahrbahn und verkündete: "Nun, dann fahr mal so richtig los."
Erst überlegte Martin noch, ob sie das wirklich Ernst gemeint hatte oder ob das bloß eine Falle war, um zu beweisen, dass Männer grundsätzlichen rasen. Aber sie hatte ihn doch klar aufgefordert, schneller zu fahren. Sollte sie habe.
Wie üblich rückte er sich in seinem Sitz noch einmal zurecht, um dann das Gaspedal durchzudrücken und sofort hochzuschalten. Das Aufbäumen des Motors hörte sich dabei phantastisch an.
Er wechselte auf die linke Spur und genoss den Geschwindigkeitsrausch. Am liebsten hätte er den Wagen ausgefahren, aber das wäre ihm bestimmt als Raserei ausgelegt worden. Doch schon jetzt fühlte er sich so richtig gut, denn der Wagen lag einfach unglaublich gut auf der Straße.
Und dann spürte er Tarjas Hand mitten auf seinen Schritt, die dort feste und bestimmt hoch und runter glitt, dabei mit den Fingern immer mal wieder zupresste.
Unwillkürlich musste Martin Luft einsaugen. Noch so gerade gelang es ihm, dem Bedürfnis, zu Tarja zu gucken, nicht nachzugeben, sondern sich auf die Straße zu konzentrieren, was bei einer Geschwindigkeit von zirka 150 km/h auch besser war.
Ruhig! Ruhig! Die Fahrbahn! Nicht so nah!
Tarjas Griff wurde nun stärker, drängender. Ihre Fingerkuppen massierten seine deutlich spürbare Erregung, während sie überlegend lächelte.
Halten! In der Mitte bleiben! Oh, mein Gott! Scheiße!
Martin konzentrierte sich weiterhin auf die Straße, hielt die Geschwindigkeit. Auf die Idee, langsamer zu fahren, kam er nicht. Er war vollends damit beschäftigt, den Wagen ruhig zu halten, damit sie nicht n der Leitplanke endeten. Sein Kopf jedoch schien explodieren zu wollen. Schon schoss ihn eine unheimliche Druckwelle von Blut nach oben, die seine Schläfen zum Bersten bringen wollten. Immer wieder musste er sich daran erinnern, Luft zu holen, die er gepresst anhielt.
Die Finger glitten nun immer geschmeidiger über seine Hose, bezogen auch die Innenseiten seiner Schenkel mit ein, kreisten, griffen dann wieder stärker zu, auf und ab, geleitet von einer rhythmischen Melodie, die wohl nur Tarja hörte.
Ahhhhh! Grundgütiger!
Martins Knöchel traten hervor, als er das Lenkrad fester griff. Er hatte das Gefühl, das dringende Bedürfnis, etwas packen zu müssen, sich irgendwo festzuhalten. Schon biss er sich auf die Lippen, denn seine Erregung schwoll immer mehr an und er merkte nur allzu deutlich, dass er dem Höhepunkt immer näher kam.
Das kann doch nicht wahr sein! Oh Mann!
Schon vorher hatte er Mädels in seinem Wagen gehabt, die ihm auf während der Fahrt einen geblasen hatten, das war nichts ungewöhnliches. Aber hier lag etwas ganz anders vor. Ihm war so, als wäre ihm so etwas noch nie passiert. Und außerdem war Tarjas Fingerfertigkeit von einer Eleganz, die nahe legte, dass sie darin eine wahre Könnerin war. Wenn sie das schon so gut hinbekam, indem sie ihn nur gekonnt Berührte, was würde sie dann veranstalten, wenn es mal richtig zur Sache ging?
Großer Gott!
Nun peripher bemerkte er das Schild, das mitteilte, dass gleich eine Baustelle kommen würde und die Geschwindigkeit zu drosseln sei, denn dafür reichte seine Aufnahmefähigkeit nicht mehr. Er war nur voll und ganz darauf konzentriert, nicht mit einer Erektion zu sterben und deswegen den Wagen auf der Straße zu halten, was ihm aber im Augenblick keinerlei Schwierigkeiten machte. Er steuerte das Auto geradezu im Unterbewusstsein, während durch sein Hirn tausend Eindrücke gleichzeitig rasten. Im wahrsten Sinne des Wortes hatte Tarja ihn in der Hand und sie war anscheinend nicht im Begriff, aus ihren gekonnten Fängen zu lassen.
Baseball! Genau, denk an Baseball! Das sagen doch immer alle! ABER WIE GEHT DENN DAS VERDAMMTE SPIEL!!! Noch dazu mit dem langen harten wohlgeformten Schläger! Oh Gott, nein!
Martin ordnete sich in die gelben Baustellenlinien ein, fuhr nur noch mechanisch, während Tarja die Reibung auf seiner Hose verstärkte und beschleunigte. Schon spürte Martin, wie sich sein ganzer Körper verkrampfte. Aber erst war noch eine schwierige... Kurve... zu nehmen, nach... nach... nach der... man... sich einordnen musste... Oh, Gott!!!
Martin hatte kurz nachdem er sich wieder in die normalen Fahrspuren eingeordnet eine geradezu religiöse Erfahrung. Während er kam, dachte er nur daran, den Wagen ruhig zu halten, einfach nur auf der Straße zu bleiben, jetzt nur nicht zu sterben.
Den Rest der Fahrt zurück zur Uni sagte keiner der beiden mehr etwas. Martin wagte es nicht, Tarja anzublicken, doch er konnte aus den Augenwinkeln erkennen, dass sie fast ununterbrochen grinste.
Während Tarja nach ihrer Ankunft zu ihrem Professor ging, machte sich Martin erst einmal auf den Weg zum Klo, wo er einige der anderen Testkandidaten traf. Alle wirkten irgendwie bleich und geschockt, keiner sagte auch nur ein Wort, und niemanden schien es möglich, den anderen direkt in die Augen zu blicken, so als sei es peinlich, da man sich direkt verraten könnte.
Das war jetzt fast sechs Wochen her. Martin hatte Tarja immer mal wieder auf den Gang getroffen und sie hatte ihm mit erhobener Braue zugelächelt, jedoch nie etwas gesagt. Er hingegen wusste gar nicht, was er hätte sagen sollen.
Doch dann hatte er Post bekommen und mit einem Mal, war ihm klar, was er tun konnte, geradezu tun musste, auch wenn er sich für lange Zeit deswegen höhnische Witze von seinen schadenfrohen Freunden würde anhören müssen. Und so stand er nun vor dem Aushang des Psychologieseminars, dem eigens für den besagten Test etwas Platz geschaffen worden war. Am oberen Rand befanden sich Fotos von den zehn Assistentinnen, auch von Tarja, und darunter Bilder von ihren "Opfern", jede hatte ungefähr fünf davon.
Martin griff in den Briefumschlag und erblickte Tarja neben sich, die wartend mit ein paar Kommilitoninnen dastand. Lächelnd holte Martin den Inhalt des Briefumschlags hervor, hielt ihn hoch, um ihn Tarja zu zeigen, die anerkennend lächelte. Dann heftete er das Foto, das die Polizeikamera von ihm gemacht hatte, als er mit fast 30 km/h zu schnell durch den Baustellenbereich gebrettert war, zu den anderen Bildern gleicher Herkunft. Jeder der Testkandidaten war mit einem solchen Polizeifoto hier vertreten.
Für die nächsten vier Wochen war Martin auf Bus und Bahn angewiesen, aber im Augenblick war ihm der Gedanke, Auto zu fahren oder gar Autobahn, eh etwas befremdlich. Besonders, wenn Tarja nicht dabei wäre.
Copyright Nicolas DeChambre 2002
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