Sie sind hier: >>> Literatur >>> Geschichten
Steckenpferd
(unbenannt)
In Variationen wiederholte sich seit Jahren ein und dasselbe Thema. Immer wieder hatte sie ihn angefleht, er solle sich andere Töne einfallen lassen.
Er hatte daraufhin immer nur breit lächelnd seine Zähne entblößt und entgegnet, sie verstehe es nicht zur Genüge, ihm die richtigen Töne zu entlocken. Andere hätten bereits weitaus besser auf ihm gespielt. Weiter hatte er seine Melodie gepfiffen, zu der sie ihn rhythmisch zu begleiten hatte.
Die Musik des Lebens erreichte für sie ein unerträgliches Gleichmaß, und irgendwann hatte sie beschlossen, das alte Instrument gegen ein neues auszutauschen. Nach mehreren Probestunden war sie frustrierter als zuvor, denn auch hier blieb das Spiel ohne Abwechslung.
So geschah es eines Tages, daß sie seinen entblößten Zähnen erwiderte, sie wolle neue Saiten aufziehen und bei der neuen Tonart werde ihm Hören und Sehen vergehen .
Voll gespannter Erwartung ließ er sich nackt ans Bett fesseln, sah ihr zu, wie sie mit verführerischen Bewegungen die neu erstandene CD des Kronos-Quartetts auspackte, in die Lade des Spielers gleiten ließ und auf Vorspiel drückte. Dann glitt in langsam kreisender Bewegung die Zunge lüstern über ihre Lippen, wobei sie sanft ein Gummi abstreifte und ein Poster entrollte. "Das ist mein Violon d'Ingres", hauchte sie ihm zwischen die Beine, beugte sich mit ihren Brüsten knapp aber unerreichbar über sein Gesicht und befestigte Man Rays Kiki für ihn unsichtbar an der Wand über dem Kopfende des Bettes.
Dann setzte sie sich auf ihn, gab ihm die Sporen und ihr Blick verlor sich hinter ihm an der Wand. Wiehernd beugte er seinen Kopf weit zurück und versuchte zu erkennen, wohin sie ritt. In immer schnellerer Abfolge wechselte sie die Gangart, von Trab zu Galopp, von Galopp zu Trab. Wie eine mongolische Zirkusreiterin schwang sie sich bei rasend dahinpreschendem
Tempo unter seinem Rücken hindurch, um auf der anderen Seite wieder hochzukommen, und eine neue Position einzunehmen. Keine Stellung war wie die vorherige. Die einzige Regelmäßigkeit war das Unregelmäßige. Erschöpft schnaubend blähte er seine Nüstern, und sie griff in seine Mähne, riß seinen Kopf in die Höhe und sagte: "Das war noch nicht alles."
Mit diesen Worten stemmte sie ihre Hände in seine Bauchmuskeln, drückte ihren Unterleib in die Höhe, drehte sich in halbem Handstand blitzschnell um einhundertachtzig Grad auf seiner Bauchdecke und ließ ihr Becken wieder auf ihn herab. In dem Schweiß auf ihrem Rücken spiegelten sich von dem Bild an der Wand links und rechts neben ihrer Wirbelsäule zwei Schallöcher, und ihr Korpus ähnelte dem der Violinenfrau.
Copyright Dietmar Karlowski 2003 (unbenannt)
Zugriffe heute: 2 - gesamt: 1038.

