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Queen Baronesse
Lia sass am Fenster und schaute mit ihren grossen traurigen Augen dem Schneetreiben zu. Es schneite seit Stunden, und Lia erinnerte sich an Zeiten, in denen sie sich in eine rosa Angoradecke gehüllt und es sich vor dem Kaminfeuer bequem gemacht hatte. Linus hatte an ihrer Seite gesessen, abend für Abend, und ihre Füsse gestreichelt. Ja, der Linus. Damals war er noch vermögend gewesen, hatte sein ganzes Geld in eine tolle Wohnungseinrichtung gesteckt und sie, Lia, war die Innenarchitektin gewesen. Innenarchitektin, Gespielin, Köchin, Gärtnerin.
Dass dieses Seifenblasenleben eines Tages ein jähes Ende nehmen musste, hatten Lia und Linus während der beginnenden Rezession nur zu lange verdrängt. Mittlerweile war Linus seit über zwei Jahren arbeitslos, und nichts deutete darauf hin, dass er einst Deutschlands führender Börsengilde angehört hatte.
Lia seufzte. Den spärlichen Inhalt des Lebensmittelschranks kannte sie nur zu genau. Eine Gemüsesuppenpackung lag da, zwei Tage altes Brot, Rhabarberkonfitüre. Es war zum Kotzen. Nur knapp konnten sich die beiden ihre Wohnung im gesichtslosen Aussenquartier leisten, und an der Badezimmerdecke breitete sich Schimmel aus. Nichts Luxuriöses gab es hier, Mobiliar vom Trödler, ein paar CDs von Blondie und Kylie Minogue, und die alte Gitarre von Linus strahlte Einsamkeit aus. Linus war unterwegs, Milch kaufen.
Es musste etwas geschehen. Lia schien es, die Flocken draussen würden immer grösser, und ihr Mann hätte längst schon zuhause sein müssen. Trotz materieller Verluste war die Liebe zwischen den beiden erhalten geblieben, Linus war ein zärtlicher Liebhaber, Lia eine liebevolle und vor allem auch hübsche Frau, die allerdings auch die Begehrlichkeiten anderer Männer auf sich zog. Sie hatte allerdings andere Sorgen als sich Fremden zu öffnen; Lia senkte lieber den Blick, als dass sie flirtete.
Lia hatte ausdrucksvolle schwarze Augenbrauen, und dunkle Locken hingen ihr in die Stirn. Ihr sinnlicher Mund vermochte noch ganz anderes zu tun als zu trinken, zu essen und zu reden. Sie verwöhnte Linus im Bett auf ihre ganz eigene Art; Sex war für die beiden nahezu die einzige Freude unter dem grauen Vorstadthimmel, in einer Gegend, in der die Kriminalität sehr hoch und die Rasenflächen verschwindend klein waren.
Dann hatte Lia diese Idee mit Queen Baronesse. Wie sie auf diesen Namen gekommen war, hätte sie nicht zu sagen vermocht – es klang irgendwie verrucht, fand sie, literarisch, lüstern, unersättlich. Sie holte sich in der Küche die Tageszeitung und blätterte sich zu den Sexanzeigen durch. XXXLBu stand da, und „Nina, geile Lutsche.“ So ordinär wollte sie sich nicht andienen, nein, keinesfalls. Aber Linus und sie brauchten doch dringend Geld, und reguläre Arbeit gab es weit und breit nicht. „Nat.-beh.“, las Lia weiter. Erst nach längerem Raten kam sie darauf, dass es hier wohl um „Naturbehaarung“ ging. Gab es denn noch Männer, die auf weibliche Schamhaardreiecke standen? Hatte der Porno-Chic jener trostlosen Tage noch nicht alles wegrasiert?
Lia schauderte. Sollte sie es wirklich tun? Wo dieser Linus bloss blieb? Lia angelte sich den Laptop, schaltete ihn an und holte sich ein Glas Wasser. Mit Herzklopfen wählte sie sich zu den Online-Erotik-Inseraten der Tageszeitung durch und verfasste ihr Angebot:
Queen Baronesse. Ich habe grosse Brüste, dichtes, schönes Haar und eine warme Seele. Ich kann Liebe geben in dieser kalten, armen Zeit.
Lia las das Inserat etwa zehnmal durch, bevor sie ihre Handynummer anfügte und auf den „Send“-Button drückte.
In diesem Augenblick hörte es auf zu schneien und die Haustür ging auf. Lia hörte schlurfende Schritte, eilte zur Tür und erstarrte. Linus war stockbetrunken. Einer der Gründe, warum sie ihn so liebte, war, dass er dem Alkohol entsagte. Auch sonst war er nicht suchtanfällig, sondern suchte sein Glück in inneren Werten, in der Phantasie, in der Musik, in der Literatur. Nun aber torkelte er auf sie zu. „Ich will Dich“, lallte er. „Zieh Dich aus. Jetzt.“
In einem Wechselbad der Gefühle zwischen Erregung und Ekel knöpfte Lia langsam ihr Hemd auf. Stand da wirklich ihr Mann vor ihr, der liebevolle, zärtliche Linus, an de sie sich schon so oft gekuschelt hatte? „Mach schon“, forderte er. Lia liess die Arme sinken; ihr Hemd stand offen. Sie trug keinen BH, und die Konturen ihrer schweren Brüste waren zu erahnen. Linus packte sie an den Oberarmen und drängte sie ins Schlafzimmer. Er nestelte an seiner Hose, befreite seinen Schwanz und schob ihn zwischen Lias Brüste. Seine Bewegungen kamen aus der Hüfte, langsam, rhythmisch. Linus presste Lias Busen zusammen, so dass ihre grossen Areolen noch glänzender und draller erschienen, als sie es schon waren. „Musst Du das... tun?“, fragte Lia befremdet. Linus war noch nie zwischen ihren Brüsten gekommen; in aller Regel befriedigte sie ihn mit Mund und Vagina.
„Ja, ich muss“, antwortete Linus, und an seiner Stirn zeichnete sich eine Ader ab. Lia schloss die Augen und liess es über sich ergehen, wartete, bis das warme Sperma an ihr Kinn spritzte. „Ich liebe Dich, Linus“, flüsterte sie. „Ich Dich doch auch.“
Er kuschelte sich an Lias Rücken und schlief nach weiteren fünf Minuten tief. Er wirkte unschuldig wie ein Kind. Lia wischte sich das Sperma vom Kinn und drängte ihren Po an die Lenden von Linus.
Dann schlief auch sie.
Lia erwachte mitten in der Nacht; sie hatte vergessen, bei ihrem Handy die Signaltöne auszuschalten. Gebannt blickte sie zu Linus; doch der schlief wie ein Murmeltier. Da war doch etwas gewesen? Klar, ein SMS-Signal! Der erste Interessent? Hatte sich zu dieser nachtschlafenen Zeit tatsächlich jemand bei der Tageszeitung eingeloggt, ihr Inserat gelesen und gleich eine Nachricht geschickt? Lia holte sich in der Küche ein Glas Wasser, setzte sich an den Wohnzimmertisch und angelte sich ihr Handy. „Ich will Dich, Queen Baronesse“, las sie. „Ich will alles, tabulos. Dein Werner.“ Lia spürte eine Enge im Hals. Diese SMS hatte eine ungute Ausstrahlung und schmeckte nach Gewalt. War sie denn nicht bei Sinnen gewesen, als sie ihre Handynummer preisgegeben hatte? Sie war doch jetzt kinderleicht zu identifizieren – sie, die Frau mit den grossen Brüsten, dem dichten, schönen Haar und der warmen Seele?
Sie beschloss, Linus beim Frühstück einzuweihen. Lia schaltete die Signaltöne ihres Handys aus, legte das Gerät in den Wohnzimmerschrank, ging zurück ins Schlafzimmer und kuschelte sich an ihren Partner. Es fühlte sich gut an, so gut…
Um 07:00 Uhr kroch Lia behände aus dem Bett, um Linus nicht zu wecken. Sie ging ins Bad und betrachtete sich im Spiegel. Was sie sah, gefiel ihr. Sie wusch sich, crèmte sich ein und schlüpfte in eine gelbe langärmlige Bluse. Den Überziehpulli würde sie gut gebrauchen können; um diese Tages- und Jahreszeit war es kalt draussen. Lia zog ihre Stiefeletten an, warf ihren Poncho über und verliess leise die Wohnung. Zur Bäckerei war es nicht weit. Schon auf dem Weg dorthin zählte Lia ihr Geld. Da war nicht viel übrig – aber sie wollte für Linus ein leckeres Frühstück bereiten. So würde es ihr weniger schwer fallen, ihr Geheimnis preizugeben.
Drei Brötchen, einen Bienenstich und zwei Take Away Cappuccini. Zu mehr reichte es nicht. Lia beeilte sich, wieder in die warme Wohnung zu kommen, damit der Kaffee nicht erkaltete. Sie deckte den Wohnzimmertisch, rückte das kleine Tischtuch zurecht, schlich sich ins Schlafzimmer und küsste Linus auf die Nasenspitze. „Überraschung“, sang sie. Linus starrte sie aus grossen Augen an. „Ach… hier bin ich ja… ich hab geträumt“, sagte er und zog Lia an sich. „Von Dir hab ich geträumt, Lia, so geil, wir waren zu Dritt…“
Waren das die Fantasien von Linus? Stellte er sich gelegentlich vor, sie, Lia, würde von einem Andern genommen? „Männer sind Schw…“, sagte sie, und Linus versiegelte ihre Lippen mit einem Kuss. „Mmmmh… das riecht gut…“ Strahlend setzte sich Linus an den Wohnzimmertisch. „Einfach herrlich, dieser Cappuccino, fast wie früher…“ Ein Schatten senkte sich über Lias Gesicht. „So wird es wohl nie mehr sein“, sagte sie traurig, und „Linus, ich muss mit Dir reden“. Sie erzählte ihm in ihrer offenen Art die ganze Geschichte von Queen Baronesse, wie sie auf die Idee gekommen war, in seiner Abwesenheit, und was sie bereits unternommen hatte. „Das gibt uns ein bisschen Geld“, sagte sie, und „ich gebe denen ja nur meinen Körper. Mein Herz bleibt bei Dir“. Linus wusste erst nicht, wie er reagieren sollte. Das hätte er Lia nun doch nicht zugetraut.
Doch, er hatte diese typischen Männerfantasien dann und wann, hatte sich schon vorgestellt, dass sie sich in der Strassenbahn auf den Schoss eines Fremden gesetzt hatte. Aber in Realität war das doch ganz was anderes. „Ich werde eifersüchtig“, sagte er trotzig. „Ist doch gut“, sagte Lia. „Das ist ein Zeichen, dass Du mich wirklich liebst.“ „Wo soll es denn geschehen? In unserer Wohnung etwa?“ Lia zuckte mit den Schultern. So weit hatte sie noch nicht voraus gedacht.
„Lass mich mal nachdenken“, sagte Linus. „Ich brauche etwas Zeit.“ Mittlerweile waren weitere vier SMS eingegangen, wovon eines viel versprechend war:
„Sei meine Queen Baronesse. Du wirst es nicht bereuen. Ich kann Dir etwas Wärme zurückgeben. Robert.“
Das klang nach einem sensiblen Mann. Lia ging auf den Balkon, steckte sich eine an und beantwortete die SMS.
„Morgen Abend o.k.? 20:00 Uhr? Lilienweg 12 – bei Behrendt klingeln.“
Das war Lia. Hatte sie einmal einen Weg eingeschlagen, war sie kaum mehr davon abzubringen. War die SMS erst einmal gesendet, gab es wohl kein Zurück. Linus würde mitmachen, bestimmt. Es war wohl wirklich die einzig mögliche Art, den Lebensstandard ein ganz klein wenig zu verbessern.
Der Tag verlief ereignislos. Es schneite wieder, der Fernseher war vor längerer Zeit wegen Nichtbezahlen der Rechnungen abgeschaltet worden, und Lia strich sich ein Brot mit Rhabarberkonfitüre. „Der Erste kommt morgen um 20:00 Uhr“, sagte sie leichthin zu Linus. Dieser verschluckte sich. „Du hast…“ „Ja, ich habe“, antwortete Lia. „Aber Du trägst bitte BH“, forderte er. „Ich ertrage es nicht, wenn ein Fremder Deine Brüste sieht.“ „Ganz wie Du willst“, sagte Lia sanft und stellte sich vor, wie es sich anfühlen würde, auf einem Mann zu reiten, mit gut verhülltem Busen.
Linus war in den letzten Wochen durch viele Stellenabsagen zu sehr gedemütigt worden, als dass er es jetzt gewagt hätte, sich seiner Frau zu widersetzen. „Tu, was Du tun musst“, seufzte er. „Ich gebe Dich frei.“
Es wurde Abend. Der Himmel war wolkenverhangen, und die Wolken wirkten schneeschwanger. Um 18:30 Uhr begann es wieder zu schneien. Linus würde den Abend nicht in der Wohnung verbringen. „Ich ertrage es nicht, Dich stöhnen zu hören“, sagte er mit traurigem Blick. „Aber wir brauchen das Geld, klar.“ Er ging ins Bad und rasierte sich. Das war auch so eine Entgleisung. Als er noch in der Börsenszene mit dabei war, hatte er sich, wie wohl die meisten Männer, frühmorgens rasiert und geduscht. Seitdem er aber immer länger im Bett blieb, liess er es gleich Abend werden, bevor er vor den Spiegel stand und sich zurecht machte – und sei es bloss für ein Bierchen um die Ecke. Lia schaute ihm zu und konstatierte melancholisch, wie schön Linus eigentlich war mit seinen grossen, grünen Augen, der ausdrucksvollen Nase und den Lippen, die selbst einen Mick Jagger vor Neid hätten erblassen lassen. „Kommt gut“, sagte sie, und drückte ihm den Oberarm. „Fragt sich bloss, für wen“, erwiderte Linus etwas zynisch, trat aus dem Bad und suchte nach seinem Wintermantel.
„Quo vadis?“, fragte Lia. „Kneipe“, sagte Linus kurz angebunden, drückte ihr einen Kuss auf die Stirn und verliess die Wohnung. Ihm drehte sich fast der Magen um. Was ging da eigentlich vor? Er verliess soeben sein Nest, seine Geliebte, um sie einem andern zu überlassen. Linus interessierte sich sehr für griechische Mythologie – aber ihm wäre keine Sage bekannt gewesen, in der einer der damaligen Männer die Geliebte ohne Wenn und Aber einem Fremden überlassen hätte. „Weit haben wir es gebracht, wir Menschen“, sagte er zu den Schneeflocken und stapfte missmutig die Strasse hinunter.
19:15 Uhr. Lia machte sich bereit. Sie duschte sich ausgiebig, pflegte ihre Füsse mit einem Minze-Gel, den ihr Linus zum Geburtstag geschenkt hatte, und betrachtete sich kritisch im Spiegel. Worauf sie sich da einliess…? Was würde der Fremde wohl mögen? „Stell Dir einfach vor, Du wärst ein Menü“, hatte ihr eine Kollegin gesagt, die ebenfalls mit Fremden ins Bett ging, um an Geld zu kommen. Lia musste lächeln, als sie an die zehn Jahre ältere Sylvia dachte. Diese und ihr Partner nahmen derartige Situationen vollkommen unbeschwert und es schien ihr, dass sie sich noch mehr liebten, seit sich fremde Männer, die allerdings keine Beziehung mit Sylvia wollten, sondern nur Sex, zwischen die beiden stellten.
„Nur Sex“, dachte Lia, als sie sich ihre Bikinizone rasierte. Linus stand auf dichtes Schamhaar. Lia wusste aber, dass das keineswegs mehr zeitgemäss war. Nur Punks wie etwa die Sängerin von Gossip liessen ihr Achselhaar spriessen – und hatten bestimmt auch eine bewaldete Scham.
Der Zeiger rückte gegen 19:45 Uhr. Linus war nervös. Er hätte alle Optionen gehabt. Er hätte im Keller eine Axt holen, sich hinter ein Gebüsch stellen und dem SMS-Freier den Schädel spalten können. Stattdessen sass er bei „Becky’s“ vor einem Dunkelbier und knabberte an einem Grissino. Er war allein in der Bar und fühlte sich wie in einem schlechten Film. Was ging jetzt zuhause ab? War der Alte schon da? Wurde Lia bereits vernascht? Oder, noch schlimmer: War er bereits in ihr drin?
Es klingelte. Gerade noch hatte es Lia geschafft, sich in einen malvenfarbenen Rock zu hüllen, im Wohnzimmer zwei Kerzen anzuzünden und das Schlafzimmer zu lüften. Das Haar hatte sie hoch gesteckt. Das brachte ihr Gesicht besser zur Geltung. Ihre Locken liessen sich allerdings kaum bändigen.
Lia öffnete und trat einen Schritt zurück. Damit hätte sie nicht gerechnet. Da stand ein gut aussehender Mann, der so an die 50 Jahre alt sein mochte. Er wirkte wie der Zwillingsbruder von Roger Waters, oder, wie man es nimmt, von Richard Gere. „Robert“, sagte er. „Ich bin Robert.“ Seine Stimme hatte einen angenehm warmen Ton. Lia betrachtete seine edlen Gesichtszüge, so, als würde er sie hypnotisieren. „Bist ein scheues Reh, hm?“, fragte er. „Darf ich eintreten?“
Erst in diesem Moment wurde Lia die ganze Tragweite von dem bewusst, was sie da tat. Es war ihre Idee gewesen. Sie betrat vollkommenes Neuland. Dieser Mann würde sie zur Nutte machen. Lia hatte einen trockenen Hals. „Darf ich Ihnen einen Tee anbieten?“ „Klar, gerne, Queen Baronesse.“ Er kostete jeden Buchstaben ihres Namens aus, war offensichtlich ein Geniesser. „Darf ich ablegen?“ Der Mann hatte Stil, trug einen teuren Regenmantel, hatte sogar einen Schirm bei sich. Ein Gentleman? So, wie es sie früher in London gab?
Lia nahm ihm den Mantel ab. Robert zog die Schuhe aus und sah sich fragend um. „Lebst Du schon lange da – Queen Baronesse?“ Sein Blick ruhte auf dem zerkratzten Schuhschrank. „Ein Bild an der Wand wäre schön“, sagte der Mann. Lia bat ihn ins Wohnzimmer und setzte in der Küche Wasser auf. Da erinnerte sie sich ans Versprechen, das sie Linus gegeben hatte. „Ich ertrage es nicht, wenn ein Fremder Deine Brüste sieht.“ Der BH! Lia ging behände ins Schlafzimmer, suchte sich einen roten Büstenhalter aus und zog ihn an. Ihre Handflächen waren feucht, und erst nach mehreren Versuchen fand sie die Ösen.
Mittlerweile zischte das Wasser, und Lia goss Schwarztee auf. Von ihrem Besucher war nichts zu hören. Bestimmt hatte er es sich bereits gemütlich gemacht. Lia hoffte inständig, dass er die Kleider noch an hatte und ihr nicht gleich nackt gegenüber treten würde.
Er hatte die Kleider noch an und stand sinnierend vor dem Bücherregal. „Du magst T.C. Boyle?“, fragte er. „Ja, aber nur America.“ Auch so eine Eigenart von Lia. Sie kannte viele Autoren, mochte aber von allen jeweils nur ein einziges Buch. „Der Stumme“ von Otto F. Walter. „Homo Faber“ von Max Frisch. Den „Regenroman“ von Karen Duve. Und, eben, „America“ von T.C. Boyle. Linus war da anders. War er in einen Schriftsteller oder eine Schriftstellerin vernarrt, las er gleich alles, sogar deren frühe Essays, sofern sie verfügbar waren.
„Wollen wir… Tee trinken?“ „Aber klar doch, sorry“, entschuldigte sich Robert und setzte sich an den Wohnzimmertisch. Würde sie mit diesem Mann tatsächlich schlafen? In den kommenden 30 Minuten?
Linus bestellte ich sein zweites Dunkelbier. Er tat, was alle Männer taten. Als Kerstin, die Serviererin, sich nach vorn beugte um ihm das Getränk zu servieren, starrte er in ihren Ausschnitt. Hätten Männer der jungen Frau mit ihren Augen etwas wegnehmen können, sie wäre flach gewesen wie ein Brett – möglicherweise sogar etwas konkav. Aber diese Melonenbrüste, verziert von einem schneeweissen Kragen, der den Ausschnitt begrenzte, waren einfach zu verlockend. Linus musste sich einfach ablenken. Es war mittlerweile 20:30 Uhr. Bestimmt war er schon in ihr. Ob er seine Sache gut machte? Möglicherweise besser als er, Linus?
„Du scheinst tatsächlich eine warme Seele zu haben, schöne Frau“, sagte Robert und sah Lia tief in die Augen. Sie errötete und nestelte am obersten Knopf ihres Rocks. „Zeig Dich mir, Queen Baronesse.“ Diesen Satz - oder etwas in der Art – hatte Lia längst befürchtet. Aber übel nehmen konnte sie es ihm nicht. Robert war ja nicht gekommen, um eine Versicherung mit ihr abzuschliessen oder um ihr ein Tageszeitungs-Abo anzudrehen. Lias Augen weiteten sich. So, als könnte sie das beruhigen, zog Robert einen 1000-Euro-Schein aus der Tasche. „Tu einfach, was Du magst. Das Geld gehört sowieso Dir. Schon nur der Tee mit Dir ist dieses Geld wert.“ Lia war sprachlos.
„Komm“, hörte sie sich sagen. Sie wollte es hinter sich bringen. Sie hätte hundert Pferde dafür gegeben, wenn sich Robert in diesem Moment in Linus verwandelt und alles ein böser Traum gewesen wäre. Robert folgte Lia ins Schlafzimmer. Es duftete nach frischer Bettwäsche, und Lia spürte instinktiv, dass der Fremde jetzt erregt war. Sind Männer mal so weit, werden sie unberechenbar. Sie setzte sich aufs Bett. Robert setzte sich neben sie. „Und jetzt?“ fragte er und kniff die Augen zusammen. Lia hatte sich getäuscht. Rogerwatersrichardgere hatte sich vollkommen unter Kontrolle. Sein silbernes Haar leuchtete unter der gedimmten Deckenlampe. „Schön, dieser Klimt“, sagte Robert und nahm Bezug auf das Bild am Kopfende des Betts. „Der Kuss.“ „Etwas abgedroschen vielleicht“, sagte Lia. „Der Kuss“ hängt doch überall. „Ja, aber richtig geküsst wird nur noch selten“, antwortete Robert.
Linus drehte eine Runde im Schnee. Hätte sich ihm jetzt jemand in den Weg gestellt, er hätte ihn getötet. Von Hand. Woran war Lia jetzt gerade? Ritt sie auf ihm? Ein heisser Ritt, mit fliegendem Haar? Steckte einer seiner Drecksfinger in ihrem Poloch? Schätzte der Alte Lias enge, süsse Muschi überhaupt? Hielt Lia ihr Versprechen? Trug sie BH und verwehrte so dem Freier den Blick auf ihre Areolen, die Linus so liebte? Tränen traten ihm in die Augen.
Robert küsste Lia auf den Mund. Sie verkrampfte sich zuerst, entspannte sich aber rasch. Robert verfügte über eine unwiderstehliche Zungentechnik. Dieses Fremde, Erregende pulsierte nun in Lias Seele, in ihrem Herzen, und sie gab sich Robert hin. Nach mehreren Minuten liess er von ihr ab und streichelte ihre Oberarme. „Schöner Stoff, Queen Baronesse“, flüsterte er. Lia streifte ihren Rock ab und präsentierte Robert ihren grossen Busen, an dem der BH wie eine Verzierung wirkte. „Leg Dich hin“, forderte er sie auf. Mit einem kurzen Blick streifte Robert Lias nackte Muschi. Er streichelte ihre Oberschenkel, ihre Knie, und nahm ihren linken Fuss in die Hand. „Herrlich, Queen Baronesse, dieser Minzeduft“, sagte er und lutschte an Lias Grosszeh. Wie Nektartropfen glänzte ihr Sekret zwischen ihren Schamlippen. Lia verdeckte ihren Intimbereich mit den Händen. Robert lutschte immer leidenschaftlicher, und Lia führte sich einen Finger ein, dann zwei, dann drei. Sie massierte ihre Clit, während der Mann mit den edlen Gesichtszügen ihren Kleinzeh bearbeitete und sich dann über ihren anderen Fuss hermachte. Seine Art, sie zu verwöhnen, hatte nichts Vulgäres, nichts Gieriges an sich. Robert war einfach nur zärtlich. Dann kam Lia mit einem leisen Stöhnen.
Im selben Moment ging Linus zum Tresen, bezahlte seine Getränke, warf einen letzten Blick auf Kerstins Titten. Das war aus seiner Sicht vollkommen in Ordnung. Schliesslich ging es in seiner Wohnung hoch her, seine geliebte Lia wurde bestimmt auch anal gefickt, jetzt, in diesem Moment. „Ist was?“, fragte Kerstin. Wortlos wandte sich Linus ab und trat hinaus in die Nacht.
Als er sich seiner Wohnung näherte, sah er Licht. „Ich töte ihn“, knurrte Linus. Er beschleunigte den Schritt und bog in die Seitenstrasse ein. „Das war gut, Lia“, sagte Robert. „Danke, Queen Baronesse. Ich komme gerne wieder. Du hast Dein Versprechen gehalten. Du kannst Liebe geben in kalter, armer Zeit.“
Lia begleitete ihn zur Tür, küsste ihn flüchtig auf die Stirn und blieb stehen, bis das silbern leuchtende Haar hinter der Strassenlampe verschwand. Eine Schneewehe wirbelte durch die Türspalte; Lia fröstelte und ging zurück in ihre Wohnung. Wenige Sekunden später ging die Tür abermals auf; Linus kam nach Hause. „Und?“, fuhr es aus ihm heraus. „Wie war er?“
„Er hat an meinen Zehen gelutscht“, sagte Lia sanft, zog Linus an sich, umarmte ihn und liess ihn nie mehr los.
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4 Kommentare
12.12.2010
18:35
franklin
Sie haben schon besser geschrieben!!!
04.11.2010
00:29
Ueli
Die Geschichte ist ein Kleinod. Sie zeigt existentielle Not in einer realen Paarbeziehung mit allen ihren Folgen: Eifersucht und erotische Fantasien, sexuelle Lust und Schuldgefühle. Dieses zarte, stimmungsvolle Geflecht heisst: Liebe
28.10.2010
18:11
husch
die Ärmste, hat sich Falschgeld andrehen lassen. 1.000,-- gibt es nicht
24.10.2010
19:12
Nucleus
Die Geschichte gefällt mir deswegen so gut, weil sie das hat, was ich in vielen anderen Geschichten vermisse. Einen Konflikt, der auf eine Weise gelöst wird, die Zufriedenheit zurück lässt.
Leser heute: 6 - gesamt: 15427.








