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Michelle & Michael

Jürgen Lill 

Es gibt Tage, an denen habe ich das Gefühl, unsichtbar zu sein. Ständig werde ich angerempelt und egal, wie und wo ich gehe; überall steht mir jemand im Weg. So war es auch an diesem Samstag im Februar. Ich spazierte durch Hamburg, meine Stadt; vom Feen-Teich entlang der Außenalster und der Binnenalster, über den Jungfernstieg zum Rathausmarkt und am Alsterfleet entlang weiter runter zum Hafen und rüber zu den Landungsbrücken. Hier fühlte ich mich wirklich wohl! Ich beobachtete oft stundenlang die Schiffe aus aller Welt. Aber ich kann es nun mal nicht ausstehen, ständig angerempelt zu werden, wie an eben jenem Tag, an dem sich anscheinend ganz Hamburg da rumdrängte, wo auch ich gerade ging und stand. Und obwohl ich normalerweise jedem Streit aus dem Wege gehe, sagte ich mir irgendwann: Den Nächsten, der mich anrempelt, haue ich um.
Und bumm, da hatte ich auch schon wieder einen Ellenbogen, oder sonst etwas im Kreuz. Ich ballte meine Faust, drehte mich um und holte aus. Eine junge Frau starrte mich erschrocken und ängstlich an und lief lauthals schluchzend und heulend weiter. Einige Leute drehten sich um und schauten mich vorwurfsvoll an. Ich kratzte mich mit der erhobenen Hand verlegen hinter dem Ohr. Aber ich schwöre: Die Frau hatte vorher schon geweint! Nachdenklich blickte ich ihr nach. Sie lief direkt auf den Kai zu.
Noch drei Schritte, dachte ich mir, wenn sie dann nicht stehen bleibt, fällt sie ins Wasser.
Und plötzlich wurde es mir klar: Sie würde wirklich nicht stehen bleiben. Ihr Gang, ihre Haltung und ihre Tränen ließen nur den einen einzigen Schluss zu: Sie wollte sich umbringen!
„Hey!“ rief ich ihr hinterher. Aber sie reagierte nicht. Da sprintete ich los. Sie hatte die Kante schon erreicht und machte eben den letzten Schritt ins Leere. Da bekam ich gerade noch ihren Mantel zu fassen. Aber sie fiel einfach aus dem Mantel raus ins Wasser und ging sofort unter. Oh, wie ich es hasse, immer Recht zu haben, dachte ich mir, ließ ihren Mantel auf den Boden fallen und sprang ihr kopfüber hinterher. Ich tauchte tief in das kalte, dunkle Wasser und suchte lange, bis ich sie endlich fand und mit letzter Kraft an die Wasseroberfläche zurückbrachte. Meine Lunge schmerzte, als ich wieder atmete. Die Frau hustete schwer. Sie hatte anscheinend sehr viel Wasser geschluckt. Bis auf ihre Stiefel war sie unter dem Mantel nackt gewesen. Aber das konnte ich im Moment kaum wahrnehmen. Mit einem Arm hielt ich sie, mit dem anderen ruderte ich verzweifelt, während meine Kleidung gnadenlos und schwer nach unten zog und die Kälte begann, meine Bewegungen zu lähmen. Oben am Kai standen eine ganze Menge Schaulustiger. Ich rief ihnen zu, mir ein Seil zuzuwerfen. Aber sie rührten sich nicht. Sie kamen mir vor, wie seelenlose Zombies, die fasziniert und gebannt darauf warteten, dass wir wieder untergingen. Die Kaimauer war zu glatt, als dass ich irgendwo Halt gefunden hätte und die eisige Kälte des Wassers lähmte meine Bewegungen mehr und mehr. Eigenartige Gedanken gingen mir durch den Kopf. Die Situation war so absurd. Ich schwamm hier mit einer nackten Frau im Arm im Winter im Hafenbecken und die Zombies da oben weigerten sich, uns zu helfen. Ich sah mir jetzt zum ersten mal die Frau genauer an. Sie war ohnmächtig geworden und ich konnte ihren Kopf kaum noch über Wasser halten. Sie war noch sehr jung, mehr noch ein Mädchen, als eine Frau und eine echte Schönheit! Meine Bewegungen wurden immer langsamer. Ich merkte, wie mir die Sinne schwinden wollten und ich fragte mich, ob ich zuerst ohnmächtig werden oder untergehen würde. Aber immer noch hielt ich die Frau fest.
Plötzlich klatschte neben mir schwer ein Seil ins Wasser und irgendjemand rief von oben: „Nehmen sie das Tau!“
Irgendwie habe ich es geschafft, die Schlinge am Ende des Seils um die Frau und mich zu legen. Dann wurden wir hochgezogen. Oben griffen viele Hände nach uns, aber wahrscheinlich eher, um die nackte Frau zu begrapschen, als um uns wirklich zu helfen. Eigentlich wäre jetzt der Zeitpunkt gewesen, das Bewusstsein zu verlieren. Aber ich fühlte mich und vor allem die junge Frau von unseren Rettern irgendwie bedroht und klammerte mich an mein Bewusstsein. Mühsam stand ich, die Frau auf meinen Händen tragend, auf und sah mich um.
„Wo ist der Mantel?“ fragte ich, bekam aber keine Antwort. Irgendjemand hatte doch tatsächlich den Mantel der Frau gestohlen, während wir um unser Leben kämpften. Ein junger Mann mit der Stimme des Mannes, der uns das Seil zugeworfen hatte, sagte: „Geben Sie sie mir. Ich kenne sie.“
„Ziehen Sie Ihren Mantel aus“, erwiderte ich, aus Angst, die Frau könnte erfrieren. Aber da kam endlich ein Notarztwagen. Die Frau wurde sofort in warme Decken gehüllt und auf einer Trage in den Wagen geschoben. Auch mich zog man aus. Man wickelte mich ein und legte mich daneben. Ich sah die Frau, ich sah, dass der Sanitäter mit mir sprach, aber ich konnte ihn nicht mehr hören. Dann wurde es schwarz.
Als ich wieder zu mir kam, zitterte ich vor Kälte, obwohl ich warm eingepackt war. Die Sanitäter hatten die Frau und mich gut versorgt. Und nachdem ich ein paar Fragen beantwortet hatte, fuhren sie uns zu mir nach hause. Die Frau vertrauten sie mir wie selbstverständlich an. Sie legten sie in mein Bett, gaben mir den Rat, sie und auch mich selbst warm zu baden, da das Wasser im Hafen alles andere als gesund sei und verabschiedeten sich.
Ich ging wieder ins Schlafzimmer, um nach der Frau zu sehen. Sie war jetzt wach. Als sie mich sah, stellte sie mir die in ihrer Situation allgemein anerkannte Klischee-Frage: „Wo bin ich?“
Und ich antwortete genauso geistreich: „In Sicherheit“, was auch immer das bedeuten mochte. Da fing sie wieder an zu weinen und ich sagte, mehr zu mir selbst: „Jetzt geht das wieder los“, worauf sie nur noch lauter schluchzte.
Unsicher setzte ich mich auf die Bettkante, nahm sie zaghaft in den Arm, um sie zu trösten und sagte: „Ist ja gut!“
Und nach ein paar Minuten, in denen ich sie so hielt, beruhigte sie sich wirklich wieder ein wenig.
„So ist es schon besser“, sagte ich. „Ich lasse Ihnen erst mal ein heißes Bad ein; dann sieht alles gleich ganz anders aus. Okay?“
Sie nickte und versuchte sogar zu lächeln, während sie sich die Tränen von der Wange wischte. Also erhob ich mich, um ins Bad zu gehen.
Da klingelte es an der Tür. Erst jetzt wurde mir bewusst, dass ich immer noch nur in eine Decke gewickelt war. Ich zog mir meinen Bademantel über und öffnete die Tür. Draußen stand der junge Mann von der Kaimauer.
„Hey“, grüßte er. „Ich will Michelle abholen.“
„Michelle?“ fragte ich.
„Du weißt schon; das Mädchen!“
Damit wollte er auch schon an mir vorbei in die Wohnung gehen. Aber ich hielt ihn zurück.
„Ich fürchte, das wird nicht gehen. Michelle, oder wie sie heißt, braucht jetzt dringend Ruhe.“
„Keine Angst,“ erwiderte er „die hat sie bei mir.“
Und damit wollte er sich von mir losmachen und weiter in meine Wohnung eindringen. Aber ich ließ nicht los.
„Okay“, sagte ich „ich werde sie fragen. Wie heißen Sie?“
„Sag’ ihr, Benno ist da.“
Soweit ich als Mann das beurteilen kann, sah der Typ wirklich gut aus. Aber irgendwie wollte er mir trotzdem nicht gefallen. Ich ließ ihn los und ging ins Schlafzimmer. Michelle war aufgestanden. Sie sah hinreißend aus, wie sie da in ihre Decke gewickelt dastand.
„Was ist los?“ fragte sie.
„Da ist ein Benno, der Sie abholen will“, antwortete ich.
Sie erschrak und schüttelte ungläubig und ängstlich den Kopf. Aber da stand der Typ auch schon wieder hinter mir und drängte sich an mir vorbei ins Schlafzimmer.
„Hey Babe“ sagte er, „was machst Du für einen Blödsinn, wo ich so viel in Dich investiert habe? Los, zieh Dich an. Wir gehen!“
Michelle zog sich verängstigt in den hintesten Winkel des Zimmers zurück und antwortete: „Ich will nicht mitkommen, Benno. Bitte lass’ mich.“
Benno lächelte gefährlich und ging auf Michelle zu. Er streckte die Hand nach ihr aus und setzte an, etwas zu sagen. Aber ich war ihm gefolgt, packte ihn an der Schulter und drehte ihn zu mir um.
„Du hast gehört, was sie gesagt hat. Wenn ich Dich also bitten dürfte, meine Wohnung zu verlassen!“
Aber er dachte gar nicht daran. Er schubste mich brutal an die Wand und sagte: „Halt’ Dich da raus, Junge!“
Das hätte er nicht tun sollen! Ich kann es doch nicht ausstehen, angerempelt oder geschubst zu werden. Als er sich wieder zu Michelle drehte, trat ich ihm voll in den Arsch. Man möge mir bitte die Ausdrucksweise an dieser Stelle verzeihen.
Wutschnaubend drehte er sich zu mir um. Ich glaube, er wollte etwas sagen. Aber dazu kam er nicht mehr. Ich schlug nur ein einziges mal zu. Und ich müsste lügen, wenn ich behaupten würde, dass ich mich nicht gut dabei gefühlt hätte. Er fiel um wie ein nasser Sack und es war irgendwie schön, zu sehen, dass er jetzt gar nicht mehr so gut aussah, mit dem gebrochenen Kiefer.

 

Während er noch bewusstlos war, durchsuchte ich seine Taschen. Sein Ausweis lautete auf den Namen Karl Berger. Darin war die Karte eines Bewährungshelfers. Er trug eine teuere Armbanduhr und goldenen Schmuck. Außerdem hatte er mehrere tausend Euro und eine geladene Waffe ohne Registriernummer bei sich.
„Ein Zuhälter!?“ sagte ich mehr als Feststellung, denn als Frage. Michelle nickte und nieste. Und wieder bemerkte ich, wie bezaubernd schön sie war.
„Sie müssen baden!“ sagte ich.
„Und was ist mit ihm?“ entgegnete sie.
„Er wird Ihnen nichts mehr tun! Wenn er aufwacht, bringe ich ihn raus.“ Michelle sah mich ziemlich skeptisch an.
„Vertrauen Sie mir!“ sagte ich. Aber sie schüttelte den Kopf und entgegnete mit einem Nicken in Bennos Richtung: „Der letzte, der das zu mir sagte, war er.“
„Gehen Sie baden!“ wiederholte ich in einem Ton, der Vertrauen erwecken sollte. Und sie ging auch wirklich ins Badezimmer.
Die Waffe nahm ich zu meiner eigenen Sicherheit an mich. Und als ich daran dachte, dass Michelle zumindest im Moment nichts mehr hatte, außer einem Paar nasse Stiefel, sagte ich zu mir „Geld stinkt nicht“ und nahm eintausendfünfhundert Euro aus der übervollen Geldbörse. Langsam kam Berger wieder zu sich und stellte, sich sein verbogenes Kiefer haltend, mit schmerzverzerrtem Gesicht die gleiche dumme Frage, die erst wenige Minuten vorher Michelle gestellt hatte: „Wo bin ich?“
Nur meine Antwort war diesmal eine andere, als ich erwiderte: „Ich würde sagen, Du bist ganz schön im Arsch!“
Er sah mich an und wusste augenblicklich wieder, wo er war. Instinktiv griff er nach seiner Waffe. Aber die war ja nicht mehr da.
„Tz, tz, tz“ sagte ich. „Hast Du nicht schon genug Ärger?“
Er blickte mich verständnislos an und ich fuhr fort: „Karl Berger, genannt Benno, fünfunddreißig Jahre alt, vorbestraft wegen … was war es doch gleich?“
Nachdem er nicht antwortete, tat ich es selber. „Zuhälterei!“
„Wer bist Du?“ fragte er mich. Aber ich schüttelte den Kopf und entgegnete: „Ich glaube, Du verstehst die Situation hier noch nicht ganz. Es spielt doch gar keine Rolle, wer ich bin. Wichtig ist doch nur, dass ich weiß, wer Du bist. Was würde wohl Dein Bewährungshelfer sagen, wenn er uns jetzt hier sehen könnte?“
Er dachte eine Weile nach. Dann fragte er mich: „Was willst Du von mir?“
„Na also“ entgegnete ich. „Das ist doch schon viel besser.“ Und nach einer kurzen Pause fuhr ich fort: „Ich will, dass Du Michelle in Ruhe lässt. Und ich möchte Deine Visage nie wieder sehen!“
Langsam stand er auf. „Kann ich gehen?“ fragte er.
„Sicher“ antwortete ich und deutete mit der offenen Hand in Richtung Tür.
Er war schon fast draußen, als ich ihn noch einmal zurückhielt.
„Nur eines noch“, flüsterte ich ihm bedrohlich ins Ohr. „Sollte Michelle irgendetwas, egal was, zustoßen, leg’ ich Dich mit Deiner eigenen Kanone um. Und sollte mir etwas passieren, dann wirst Du der Polizei einiges zu erklären haben. Haben wir uns verstanden?“
Ich sah, dass er nicht antworten wollte. Aber noch hielt ich ihn an der Schulter fest, bis er schließlich nickte.
„Was war das?“ fragte ich. „Ich hab Dich nicht verstanden.“
Jetzt endlich presste er ein „Ja“ hervor.
„Gut“ sagte ich und ließ ihn los. In stolzer Haltung und ohne sich umzudrehen, ging er davon.
Da fühlte ich Michelles Blick in meinem Nacken. Ich schloss die Tür und drehte mich um. Sie stand in der Badezimmertür und schaute mich mit großen Augen an, ohne etwas zu sagen. Sie war wirklich schön!
„Ist alles okay?“ fragte ich. Sie nickte und ging wieder ins Bad. Ich hörte, dass sie sich jetzt endlich Badewasser einließ. In der Zwischenzeit ging ich in die Küche und machte Glühwein heiß. Ich füllte eine Tasse, gab einen guten Schuss Rum dazu und ging damit zur Badezimmertür. Ich klopfte und fragte: „Michelle?“
„Ja“ antwortete sie.
„Kann ich reinkommen?“
„Bitte!“
Ich öffnete die Tür. Michelle lag bis zur Nasenspitze im heißen Schaumbad.
„Ich hab hier Glühwein. Der wird Ihnen gut tun.“ sagte ich und stellte die Tasse auf das Schränkchen neben der Wanne.
„Danke“ antwortete sie.
„Kann ich noch etwas für Sie tun?“ fragte ich. Aber sie schüttelte den Kopf und antwortete: „Nein danke.“
Damit wollte ich das Bad wieder verlassen. Aber als ich schon wieder in der Tür war, rief sie mir hinterher: „Hey!“
Ich drehte mich um. „Ja?“
Sie hatte sich etwas aufgesetzt und fragte mich: „Wie heißen Sie eigentlich?“
Ich musste lächeln. „Tut mir leid. Ich bin noch gar nicht dazu gekommen, mich vorzustellen.“
„Richtig“, entgegnete sie. „Als wir uns trafen, wollten Sie mich, glaube ich, umhauen!?“
Ich spürte, wie mir das Blut in den Kopf stieg und stotterte: „Ich … äh …“
Aber Michelle half mir wieder aus der Verlegenheit, indem sie fortfuhr: „Ich wollte Ihnen nur danken. Sie haben mir das Leben gerettet und noch viel mehr.“
Ich wehrte verlegen ab: „Bitte nicht. Ich habe nichts getan, was nicht jeder andere an meiner Stelle auch getan hätte.“
„Wer?“ fragte sie. „Die Zombies?“
Ich konnte mich nicht daran erinnern, diesen Gedanken ausgesprochen zu haben, als wir da unten im Hafenbecken um unser Leben gekämpft hatten. Und war Michelle zu dem Zeitpunkt, als ich das gedacht hatte, nicht schon ohnmächtig gewesen?
„Die Zombies?“ wiederholte ich deswegen verwundert ihre Frage.
„Waren das nicht Ihre Gedanken?“ fragte sie.
Ich schüttelte verwirrt den Kopf. „Was wissen Sie von meinen Gedanken?“
„Bitte sag nicht Sie zu mir.“ entgegnete sie, bevor sie auf meine Frage antwortete und mich dabei selbst zu Duzen anfing. „Eigentlich weiß ich gar nichts von Deinen Gedanken. Nur als Du da unten im Hafen eher selbst mit mir ertrunken wärst, als mich wieder loszulassen, schienen sie mir irgendwie sehr klar zu sein.“
Ich sah sie an wie ein Gespenst und sie fuhr sichtlich verunsichert fort: „Entschuldige bitte! Ich wollte nicht indiskret sein. Mich verwirrt das genauso wie Dich.“
„Michael!“ sagte ich. Aber sie konnte dem Gedankensprung nicht folgen und fragte: “Bitte?“
„Mein Name: Ich heiße Michael. Michael Winter.“
Jetzt war es Michelle, die mich wie ein Gespenst ansah als sie antwortete: „Danke für mein Leben, Michael Winter. Mein Name ist Hiver, Michelle Hiver!“
Zufall oder Schicksal? dachte ich. Hiver ist französisch und bedeutet nichts anderes als Winter. Ich schüttelte den Kopf, wie um den Gedanken an ein mögliches, vorbestimmtes Schicksal abzuschütteln. Aber Michelle fragte mit einem leichten Vorwurf in der Stimme: „Du glaubst doch nicht wirklich, dass das nur Zufall ist, oder!?“
Ich wollte irgendetwas erwidern. Aber da wurde mir bewusst, dass diese Frau in meiner Wanne schon wieder meine Gedanken erraten oder gelesen hatte. Und wie um mich zu ärgern sagte sie als Antwort auf diesen Gedankengang: „Es tut mir leid. Ich kann wirklich nichts dafür!“
„Beeilen … Beeil Dich bitte.“ sagte ich verlegen, um auf ein anderes Thema zu kommen. „Ich möchte auch noch baden.“
Damit wandte ich mich zur Tür. Aber Michelle rief mir hinterher: „Warte Michael! Möchtest Du mit mir baden?“
Ich drehte mich wieder zu ihr um. „Das hatten wir doch heute schon.“
„Ja“ sagte sie mit einem verlegenen Lächeln. „Aber jetzt ist das Wasser warm!“
Nachdenklich ging ich zur Wanne, kniete mich davor auf den Boden und sah Michelle forschend in die großen, blauen Augen. Michelle erwiderte meinen Blick erwartungsvoll. Und schließlich sagte ich schweren Herzens: „Du hast viel durchgemacht, Michelle. Ich möchte die Situation nicht ausnutzen.“
In Wahrheit hätte ich mir nichts Schöneres vorstellen können, als zu Michelle in die Wanne zu steigen, ihren geschmeidigen Körper an mich gelehnt zu spüren und ihn mit meinen Händen zärtlich tastend zu erforschen.
Ich gab ihr einen Kuss auf die Nasenspitze, drückte ihr die Tasse mit Glühwein in die Hand und wandte mich innerlich aufgewühlt wieder ab.
„Danke Michael!“ hörte ich sie hinter mir flüstern, als ich das Bad verließ. Ich drehte mich nicht mehr um, denn aus irgendeinem mir nicht begreiflichen Grund schossen mir plötzlich Tränen in die Augen. Ich ging in die Küche, setzte mich auf den Tisch und trank auch einen heißen Glühwein, während ich ein paar mal tief durchatmete. Was war nur mit mir los? Was war überhaupt heute los?

 

Normalerweise führe ich ein sehr zurückgezogenes Leben, schreibe Kolumnen für eine lokale Zeitung und arbeite als Zeichner für einen Comicverlag. Mein Leben verläuft mehr in der Fantasie meiner gezeichneten Helden, als im realen Leben.
Heute hatte ich einem Mädchen das Leben gerettet, das zufällig den gleichen Namen trug wie ich, einen Zuhälter bewusstlos geschlagen, ihm eine Pistole und Geld abgenommen und ihn vor die Tür gesetzt. Dann hatte das Mädchen meine Gedanken gelesen und mich eingeladen, mit ihr zu baden. Und das konnte ich einfach nicht!
Alles war heute anders. Ich war noch nie ein Held und werde wohl auch nie einer sein. Meine letzte Beziehung lag Jahre zurück und weil ich nicht der Mensch bin, der leicht Kontakte knüpft, investierte ich ab und zu ein paar Euro in das zweifelhafte Vergnügen mit einer Dame in der Herbertstraße.
Und jetzt saß dieses Mädchen in meiner Badewanne; dieses Mädchen, das sich genauso in meine Gedanken eingeklinkt hatte, wie es meine Gedanken ausfüllte.
„Störe ich?“ hörte ich plötzlich ihre sanfte Stimme neben mir und fuhr zusammen. Ich hatte sie nicht kommen hören.
„Du hast geträumt“ fuhr sie, in mein Badetuch gewickelt, fort. „Aber das ist ganz normal. Auch für mich war heute ein nicht alltäglicher Tag. Immerhin wollte ich heute sterben.“
„Wie geht es Dir jetzt?“ fragte ich. Vor ihrem letzten Satz wollte ich sie eigentlich fragen, ob sie schon wieder anfängt, meine Gedanken zu lesen. Aber nach diesem Satz war nur noch wichtig, wie es ihr ging.
„Danke“ antwortete sie. „Besser. Das Bad ist jetzt frei.“
Ich nickte nur, verwirrt darüber, keinen klaren Gedanken fassen zu können und stotterte: „Danke. Du kannst es Dir im Wohnzimmer gemütlich machen, solange ich im Bad bin.“
Damit schob ich mich an ihr vorbei durch die Küchentür, sorgsam darauf bedacht, sie nicht zu berühren. Und sie machte mir verlegen Platz.
Michelle hatte ihr Wasser in der Wanne gelassen. Und das störte mich auch nicht. Es war noch warm und vermittelte mir auf irgendeine, mir unerklärliche Weise das Gefühl, Michelle zu berühren, die Wärme ihres Körpers zu spüren und sie zu berühren. Ich hatte sie heute schon berührt, hatte sie und ihren nackten Körper mit meinem Leben verteidigt, aber ich hatte es nicht wahrnehmen, nicht bewusst spüren, geschweige denn genießen können. Und jetzt saß ich in der Wanne und sehnte mich nach ihrer Berührung, vor der ich mich auf der anderen Seite so sehr scheute, weil ich selbst ihren Schmerz, ihre grenzenlose Enttäuschung von den Menschen, oder um genau zu sein, von Benno, und ihre Verzweiflung, die Verzweiflung und Aussichtslosigkeit, die sie den Entschluss hatten fassen lassen, ihrem Leben ein Ende zu bereiten, fühlen konnte. Sie selbst hatte mir angeboten, mich zu ihr in die Wanne zu setzen. Aber was musste sie alles durchgemacht haben, um sterben zu wollen. Und was konnte die Berührung eines, … wie soll ich sagen? Eines lüsternen Mannes, der sie gerne nackt in seinen Armen gehalten und ihre Haut auf seiner gespürt hätte … Was hätte diese Berührung bei ihr hervorrufen können außer Ekel und Abscheu?
Ich schämte mich, ein Mann zu sein, weil ich trotz allem, was sie durchgemacht hatte, lüsterne Gedanken und daraus resultierend eine Erektion hatte.
Die physischen und psychischen Anstrengungen des Tages hatten mich ermüdet und so ließen die wohlige Wärme des Wassers und die Wirkung des Glühweins meine Gedanken langsam in Träume übergehen. Es war Michelles Hand, die mich aus meinem Schlummer wieder weckte.
„Michael, wach auf“, sagte sie, während sie mich zaghaft an der Schulter berührte.
Ich schlug die Augen auf und musste mich erst einmal eine Sekunde lang sammeln, bevor ich Michelles Anwesenheit in meinem Badezimmer nachvollziehen konnte. Noch bevor ich etwas sagen konnte, sprach Michelle, die so wie ich vorher neben der Wanne auf dem Boden kniete, weiter.
„Ich hab mir Sorgen gemacht“, sagte sie, „weil Du so lange weggeblieben bist.“
„Ich bin wohl eingedöst“, antwortete ich wahrheitsgemäß.
Michelle lächelte mich an und nickte bestätigend. Fasziniert sah ich ihr in die Augen. Niemals zuvor hatte ich in einem Lächeln so viel Zärtlichkeit gesehen, Zärtlichkeit und … Nein!? Liebe konnte das nicht sein. Es gab keine Basis, auf Grund derer Michelle mich hätte lieben können. Dankbarkeit hätte es sein können. Aber ihre Augen und ihr Lächeln sagten etwas anderes oder zumindest fühlte es sich für mich so an.
„Warum siehst Du mich so an?“ fragte ich verwirrt. Und Michelle antwortete, wie zum Trotz auf das Chaos meiner Gedanken und Gefühle: „Nicht aus Dankbarkeit!“
Ich wollte zornig werden, weil sie schon wieder meine Gedanken zu kennen schien, konnte es aber nicht und Michelle versuchte mich mit der Frage zu beruhigen: „Warum traust Du Deinen Augen und Deinem Herzen nicht?“
Die Frage war leicht zu beantworten und so antwortete ich auch ohne zu zögern: „Weil beides so leicht zu täuschen ist.“
Michelle nickte. „Ja, das ist wahr!“ sagte sie und das Lächeln verschwand aus ihrem Gesicht und machte einer tiefen Traurigkeit Platz.
„Es tut mir leid“, sagte ich. „Ich wollte Dich nicht traurig machen.“
„Ich bin nicht traurig“, erwiderte Michelle und versuchte wieder zu lächeln. Dann erhob sie sich. Sie war noch immer nur in mein Badetuch gehüllt. Ich bemerkte, dass es beim Aufstehen ins Rutschen geriet. Fast wäre es über ihre Brüste hinuntergeglitten. Aber während ich noch gebannt auf diesen Anblick wartete, klemmte sie das Tuch reflexartig unter ihren Armen fest und zog es wieder hoch. Beschämt über meine Erwartung des Anblicks ihrer nackten Brüste wendete ich mich jetzt, wo es eigentlich keinen Grund mehr dafür gab, ab. So leicht verrät man sich und seine Gedanken.
„Ich weiß, dass Du mich gerne ansehen würdest!“ sagte Michelle. Und obwohl sie weiter lächelte, schwang doch etwas Traurigkeit in ihrer Stimme mit.
Auch ich versuchte zu lächeln, während ich möglichst unbefangen klingen wollte, als ich erwiderte: „Ich sehe Dich doch an!“
„Nackt!“ Michelle sagte nur dieses eine Wort. Und natürlich hatte sie Recht damit. Natürlich hätte ich sie gerne nackt gesehen und noch viel mehr. Aber ich wusste mit der Situation einfach nicht umzugehen und wollte sie nicht ausnutzen. Deshalb sagte ich leichthin, und glaubte mir dabei selbst, dass es nichts persönliches zwischen uns beiden war: „Jeder Mann würde Dich nackt sehen wollen!“
„Dein Wasser ist schon kalt“, wechselte Michelle das Thema. Dann wendete sie sich wieder der Tür zu und fragte mich beim Hinausgehen: „Leistest Du mir noch ein wenig Gesellschaft im Wohnzimmer?“
„Ich komme gleich“ antwortete ich. Erst jetzt spürte ich, dass das Wasser wirklich schon kalt geworden war und begann zu frösteln. Als Michelle das Badezimmer verlassen hatte, brauste ich mich noch schnell heiß ab und stieg dann aus der Wanne. Michelle hatte mein einziges Badetuch. Also musste ich mich mit einem kleinen Handtuch abtrocknen. Dann zog ich mir wieder meinen Bademantel an und begab mich zu Michelle ins Wohnzimmer. Sie hatte mir eine frische Tasse Glühwein eingeschenkt und erwartete mich in eine Decke gekuschelt auf dem Sofa. Ich setzte mich ihr gegenüber auf den Sessel und sah sie ebenso neugierig wie fasziniert an. Ich wollte irgendetwas sagen. Doch mir fiel absolut nichts ein, was ich hätte sagen können, und so schwieg ich und hoffte, dass Michelle ein Gespräch beginnen würde. Aber auch sie schwieg und ihre Augen waren ebenso forschend auf mich gerichtet, wie meine auf sie.
„Hast Du Hunger?“ fragte ich nach einigen Minuten, als ich das Gefühl bekam, dass das Schweigen langsam unangenehm wurde. Michelle nickte und antwortete: „Wie ein Wolf. Ich habe seit gestern früh nichts mehr gegessen.“
Sofort sprang ich auf und fragte mit leichtem Vorwurf in meiner Stimme: „Warum sagst Du denn nichts?“ Ich wartete aber gar nicht auf eine Antwort, sondern lief sofort in die Küche und riss den Kühlschrank auf. Eine gähnende Leere tat sich vor mir auf.
„Du hast schon so viel für mich getan“, hörte ich Michelles Stimme hinter mir. „Ich möchte Dich nicht ausnutzen.“
„Das hat doch nichts mit Ausnützen zu tun“, erwiderte ich, während ich die Kühlschranktür wieder schloss und überlegte, wo ich noch etwas zu Essen haben könnte. Dann kam mir die rettende Idee und ich fragte Michelle: „Magst Du Pizza?“
„Ja, gerne“, antwortete sie.

 

Ich überlegte, wo ich den Prospekt vom Pizzaservice aufbewahrte. Aber Ordnung war noch nie eine meiner Stärken gewesen. Ich fand weder den Prospekt, noch die Telefonnummer, was mir ziemlich peinlich war, da Michelle mir bei meiner Suche zusah. Also entschloss ich mich, schnell zu dem Laden zu fahren und zwei Pizzen zu holen.
„Welche Sorte magst Du denn?“ fragte ich Michelle aus dem Schlafzimmer, während ich mich ankleidete.
„Irgendwas Billiges!“ antwortete Michelle von vor der Tür.
„Quatsch!“ erwiderte ich darauf. „Du musst was essen.“ Und ich fragte weiter: „Was schmeckt Dir denn?“
„Was gibt es denn?“ fragte Michelle zurück.
Ich hatte keine Ahnung.
„Kann ich nicht einfach mitkommen?“ fragte Michelle, da ich keine große Hilfe war.
„Klar“, antwortete ich, nur um das sofort wieder zu widerrufen. Fertig angezogen kam ich aus dem Schlafzimmer und schüttelte den Kopf. „Das geht nicht. Du hast ja nichts zum Anziehen.“
„Oh!“ machte Michelle. Auch sie hatte nicht mehr daran gedacht, dass ihr Mantel gestohlen worden war. Und plötzlich bat sie mich: „Dann geh Du bitte auch nicht, Michael. Lass mich jetzt bitte nicht allein.“
„Du musst was essen!“ beharrte ich aber und erklärte: „Ich bin auch gar nicht lang weg. Der Laden ist gleich um die Ecke.“
Ich wendete mich wieder der Tür zu. Aber Michelle hielt mich am Arm zurück und bei dieser Bewegung fiel das Badetuch dann doch zu Boden. Michelle schien es nicht zu bemerken. Sie flehte mich nur an: „Bitte geh nicht!“
Ich musste schlucken beim Anblick ihres nackten Körpers. Sie war die absolute, hundertprozentige Weiblichkeit mit einem perfekten Körper; schlank und sportlich, zierlich und kraftvoll. Sie atmete schwer, während sie meinen Arm noch festhielt. Ihre Brüste waren groß und voll aber die Schwerkraft hatte keine Macht über sie. Kleine, harte Brustwarzen krönten diese Wunderwerke der Natur. Kein Chirurg wäre jemals in der Lage, so perfekte Formen zu schaffen, dachte ich mir, während ich vergeblich darum kämpfte, meinen Blick von ihnen abzuwenden und meine Fassung zurückzugewinnen. Schließlich befreite ich mich dadurch, dass ich meine Augen schloss und mit geschlossenen Augen mein Gesicht von Michelle abwandte.
„Bitte lass mich los!“ bat ich mit zitternder Stimme. Michelle gehorchte nur zögernd. Aber als ich einen Schritt von ihr weg machte, kam sie sofort hinter mir her und klammerte sich wieder an meinen Arm.
„Du musst mich nicht ansehen, Michael, aber bitte lass mich nicht allein!“ flehte sie wieder. Sie hatte wirklich Angst. Das spürte ich, denn sie hatte zu zittern begonnen.
Ohne nachzudenken zog ich sie an mich und legte meine Arme um ihre Schultern. Sie presste ihren bebenden Körper an mich, vergrub ihr Gesicht an meiner Brust und begann zu weinen.
Jetzt endlich ließ sie all ihren Schmerzen und Gefühlen freien Lauf. Ihre Tränen sickerten durch den Stoff meines Hemdes und ich spürte die Wärme auf meiner Haut. Ich hielt Michelle ganz fest und wiegte sie sanft in meinen Armen, bis sie sich wieder etwas beruhigt hatte. Dann hob ich sie hoch und trug sie ins Schlafzimmer. Sie schlang ihre Arme um meinen Nacken und hielt sich so fest an mir, dass ich sie nicht auf dem Bett ablegen konnte, ohne dass sie mein Gesicht dabei an ihre Brüste gepresst hätte. Also setzte ich mich selbst auf das Bett und behielt Michelle dabei auf meinen Armen und meinem Schoß.
Vorsichtig zog ich die Decke über ihren Körper, damit sie nicht fror.
Ohne zu wissen warum gab ich ihr einen sanften Kuss auf die Haare.
„Danke Michael“, flüsterte sie und trocknete sich ihre Tränen an der Decke.
„Wofür?“ fragte ich zurück und Michelle antwortete noch immer flüsternd: „Für alles!“
Als ich das Gefühl hatte, dass sie sich wieder soweit beruhigt hatte, dass ich mich aus ihren Armen befreien konnte, fragte ich vorsichtig: „Was machen wir jetzt wegen dem Essen?“
„Ich hab gar keinen Hunger mehr“ log Michelle. Aber sie log nicht gut. Ich glaubte ihr zwar, dass ihr seelischer Aufruhr ihr den Appetit verdorben hatte. Aber wenn sie seit fast zwei Tagen nichts gegessen hatte, dann würde dieser Zustand nicht andauern. Sie musste etwas essen. Und ich hatte die Verantwortung für sie übernommen. Es war also meine Pflicht, dafür zu sorgen, dass sie etwas zu essen bekam. Ich versuchte, ihre Arme von meinem Nacken zu lösen. Aber da ich keine Gewalt anwenden wollte, schaffte ich es nicht. Das einzige Resultat war, dass die Decke bei dem Versuch wieder von ihrem Körper glitt. Ich hatte den angenehmen Geruch ihrer Haut in der Nase und zwang mich dazu, an etwas anderes zu denken. Das andere war dann aber die Vorstellung, ihre Haut auf meinen Lippen zu spüren und jeden Zentimeter ihres Körpers zu erkunden. Die kleinen, harten Brustwarzen übten eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf mich aus. Aber ich gab diesem Drang nicht nach. Ich durfte diese Situation nicht ausnutzen.
„Bitte Michelle“, bat ich, „ich bin nur ein Mann. Bitte lass mich aufstehen.“
Zögernd löste Michelle ihre Hände von meinem Nacken, während sie mich fragte: „Warum fürchtest Du Dich so sehr vor mir?“
„Ich fürchte mich nicht vor Dir“, antwortete ich und setzte sie behutsam neben mich. „Ich fürchte mich nur davor, Dich zu verletzen.“
„Das würdest Du niemals tun!“ erwiderte Michelle.
„Das hast Du von Benno bestimmt auch gedacht.“
„Du bist nicht wie er! Ich hab ihm vertraut, weil ich keinen Grund hatte, ihm nicht zu vertrauen. Bei Dir spüre ich etwas, etwas das ich nicht kenne. Aber es ist etwas Schönes. Es gibt mir Kraft und Sicherheit und ein Gefühl von Geborgenheit. Es war kein Zufall, dass Du mich heute umhauen wolltest, Michael. Das weiß ich!“
Ich hatte Michelle bis hier hin schweigend zugehört. Als sie jetzt aber wieder ein uns vorbestimmtes Schicksal andeutete, setzte ich an, etwas darauf zu erwidern. Michelle ließ mich aber nicht zu Wort kommen, sondern sprach weiter: „Ich weiß, Du glaubst nicht an ein Schicksal. Ich glaube ja auch nicht, dass das ganze Leben vorherbestimmt ist. Aber vielleicht sind es ja doch solche Begegnungen, wie die unsere. Daran glaube ich zumindest! Was wir daraus machen, liegt ganz allein bei uns. Wenn Du mich berühren und meine Haut auf Deinen Lippen spüren möchtest, dann verletzt Du mich damit nicht. Ich möchte es auch! Ich möchte von Dir berührt werden und ich möchte Dich berühren! Ich möchte Deine Lippen auf meinen Brüsten spüren und …“
„Warum?“ fragte ich und unterbrach damit Michelles Erklärung.
„Aus dem selben Grund, aus dem Du es möchtest!“ antwortete Michelle. Mit so einer simplen Antwort hatte ich nicht gerechnet. Sie wäre sogar wirklich einleuchtend gewesen, wenn ich mir selbst schon meine Gefühle hätte eingestehen können. So machte ich aber vermutlich nur ein dummes Gesicht.
„Ich weiß, dass Du mich liebst“, sagte Michelle ganz leise, „so, wie ich Dich liebe!“
Ich wollte widersprechen, wollte die Liebe ebenso leugnen, wie das Schicksal, aber ich konnte es nicht. Michelles Stimme klang mir noch im Ohr und in ihr schwang all ihre Liebe mit. Sie breitete sich in meinem Körper und meiner Seele aus und wischte den Schleier fort, der meine eigene Liebe zu Michelle vor mir selbst und meinem rationalen Verstand hatte verbergen wollen.
„Ja“, erwiderte ich ebenso leise. „Ich liebe Dich!“
Ich setzte mich, überrascht über mein eigenes Geständnis, wieder auf die Bettkante und sah Michelle verwirrt an.
„Aber ich verstehe es nicht“, sagte ich. „Wir kennen uns nicht und wissen nichts voneinander. Das entspricht überhaupt nicht meiner Vorstellung von Liebe.“
Michelle unterbrach mich nicht. Sie ließ mich meine Gedanken sammeln und in Worte kleiden und so fuhr ich fort: „Wahrscheinlich ist es nur eine Überreaktion von uns beiden, die aus der extremen Situation von heute entstanden ist. Morgen sieht alles sicher schon wieder ganz anders aus. Wenn Du ausgeschlafen und satt bist und wenn wir Dir erst ein paar neue Klamotten besorgt haben, wirst Du wahrscheinlich über unsere ‚Liebe’ von heute lachen.“
„Glaubst Du das wirklich?“ fragte Michelle.

 

Ich wollte Ja antworten, hörte mich zu meinem Erstaunen aber „Nein!“ sagen. Und es war die Wahrheit. Ich glaubte wirklich nicht, dass Michelle über das Geständnis unserer Liebe lachen würde, so wie ich wusste, dass auch ich nicht darüber lachen würde. Dieses Gefühl saß viel zu tief und ging weit über körperliche Anziehungskraft und eine spontane Gefühlsduselei oder Schwärmerei hinaus. Es hatte mich voll erwischt. Ich hatte die Frau gefunden, die ich nur aus meinen Träumen kannte, von der ich aber niemals gedacht hätte, dass es sie wirklich gibt. Ich hatte Michelle gefunden und mit ihr die Liebe.
Ich schüttelte den Kopf über meine Erkenntnis und sagte, mehr zu mir selbst, als zu Michelle: „Das ist verrückt!“
„Das Leben ist verrückt!“ bestätigte Michelle. „Manchmal muss man erst sterben wollen, um durch die Liebe zurück zum Leben zu finden.“
Ich stand auf, öffnete den Kleiderschrank und holte einige meiner Klamotten heraus.
„Du wirst grauenhaft aussehen, wenn Du das anziehst“, sagte ich zu Michelle, während ich ihr die Kleidung reichte. „Aber ich werde Dich auf keinen Fall verhungern lassen!“
Michelle strahlte mich an und sprang aus dem Bett. Sie war noch immer nackt. Ich wollte das Schlafzimmer verlassen, damit sie sich ungestört anziehen konnte, aber sie bat mich: „Bitte geh nicht raus, Michael.“
Ich wollte wieder so etwas in der Art erwidern wie, dass ich die Situation nicht ausnutzen wollte, denn das wollte ich wirklich nicht. Auch die Tatsache, dass wir uns eben gegenseitig unsere Liebe eingestanden hatten, berechtigte mich meiner Ansicht nach nicht dazu, irgendwelche Rechte als selbstverständlich anzusehen, besonders, was alles Sexuelle betraf. Und Michelle zu beobachten, solange sie nackt war, war absolut etwas Sexuelles, denn es erregte mich. Und dafür schämte ich mich, denn allein durch meine Erregung hatte ich schon das Gefühl, Michelles Vertrauen zu missbrauchen.
Michelle kannte meine Antwort, noch bevor ich sie formulieren konnte, denn sie kam mir zuvor, indem sie sagte: „Ich mag es, wie Du mich ansiehst. Es fühlt sich gut an!“
„Ja, das tut es!“ erwiderte ich und wendete mich ihr zögernd wieder zu. Sie hob ihre Arme und strich sich ihre schweren, dunkelblonden Locken mit beiden Händen aus dem Gesicht. Und so, mit erhobenen Armen und in den Haaren vergrabenen Händen blieb sie stehen und ließ sich von mir betrachten.
„Du bist wunderschön!“ flüsterte ich, während ich spürte, wie mein Herz lauter zu schlagen begann und mein Blut in meinen Schläfen pochte.
„Du auch!“ erwiderte Michelle mit einem Hauch von Melancholie in der Stimme. Sie blieb noch immer so offen stehen, ohne den Versuch zu machen, auch nur die kleinste Kleinigkeit vor mir zu verbergen. Ihre blauen Augen waren so klar, wie der Himmel.
Als mein Blick langsam tiefer wanderte, überzog eine Gänsehaut Michelles Körper. Ich sah, wie ihre kleinen Brustwarzen sich zusammenzogen und mir entgegenstreckten. Michelle atmete schwer und ihre großen, vollen Brüste hoben und senkten sich deutlich unter meinem Blick.
Meine Knie wurden weich bei diesem Anblick und ich begann zu schwanken. Um wieder Halt zu finden, musste ich mich am Türrahmen festhalten.
Auch an Michelles schlankem Bauch war deutlich ihre schwere Atmung zu sehen. Ich konnte sogar das erregende Zittern in ihren Atemzügen hören. Michelle war glatt rasiert. Ich sah die kleine Spalte und wünschte mir, sie auf meinen Lippen zu spüren. Meine Augen glitten an Michelles Beinen entlang bis zu ihren zierlichen, kleinen Füßen. Ich fühlte mich erschöpft, als ich mit meiner Musterung von Michelles nackter Schönheit, oder schöner Nacktheit, fertig war.
Unfähig, mich zu rühren, oder meinen Blick wieder zu heben, blieb ich mit zitternden Knien im Türrahmen stehen. Ich fühlte mich so benommen und berauscht von Michelles Anblick, dass ich mich hinsetzen musste. Während ich noch am Türrahmen nach unten rutschte, kam Michelle langsam auf mich zu. Und als ich dann am Boden saß, stand sie direkt vor mir. Ich sog den feinen Geruch ihres Körpers in mich ein, legte behutsam meine Hände auf ihre festen Pobacken und zog sie ganz sanft zu mir heran, bis ihre kleine Spalte sich an meine Lippen schmiegte. Ich weiß nicht, wie lange ich so saß, völlig versunken in diesen unendlich zärtlichen, intimen Kuss. Ich tat nichts, bewegte mich nicht und versuchte nicht einmal ansatzweise, meine Zunge zu gebrauchen. Meine Lippen betasteten nur ganz sanft die weiche Haut zwischen Michelles Schenkeln. Ich ließ mich fallen im Rausch dieser Berührung und Michelles erregendem Geruch, während ihre Finger mir sanft durch die Haare strichen.
Erst als ich langsam wieder ins Bewusstsein dieser Welt zurückkehrte, schaffte ich es auch wieder, mein Gesicht von Michelles Schoß zu lösen.
„Wo warst Du nur mein ganzes Leben?“ fragte ich ganz leise. Und ich hörte Michelles Stimme von oben flüsternd antworten: „Ich war immer nur auf der Suche nach Dir!“
Langsam stand ich auf. Meine Lippen glitten über Michelles schlanken Bauch, über ihre wundervollen Brüste, ihren schmalen Hals und ihr Kinn bis zu ihren vollen, sinnlichen Lippen. Und ehe ich wusste, wie es geschah, umschlangen wir uns mit unseren Armen, pressten unsere Körper aneinander und verschmolzen in einem langen, zärtlichen und unendlich innigen Kuss.
Als unsere Lippen sich dann wieder voneinander lösten, schien die Welt um uns herum sich verändert zu haben. Plötzlich ergab alles einen Sinn, was vorher nur Chaos gewesen war; Der Urknall, die Entstehung des Universums, der Welt und des Lebens und die Evolution bis zu dem Augenblick, der Michelle und mich zusammengeführt hatte. Ich hatte sie umhauen wollen, weil sie mich angerempelt hatte. Aber jetzt wurden wir beide umgehauen von der Wucht der Gefühle, die über uns hereinbrach und unsere Seelen auf ewig miteinander verschmolz.
„Jetzt hab ich Hunger!“ gestand mir Michelle, während sie noch in meinen Armen lag. Sie zog die Klamotten an, die ich ihr rausgelegt hatte und drehte sich dann darin einmal für mich.
Meine Kleidung war ihr viel zu groß und sie wirkte darin irgendwie wie ein Clown, wie ein wunderschöner und ganz entzückender Clown. Am schlimmsten waren die Schuhe, in denen sie kaum laufen konnte, weil sie ihr ein paar Nummern zu groß waren. Aber sie trug sie (die Schuhe) und es (die Situation) mit Humor und zog mich durch ihre unkomplizierte Natürlichkeit immer mehr in ihren Bann. Ich ertappte mich dabei, dass ich mir immer wieder vorstellte, wie sie nackt unter meiner Kleidung aussah, wie sie sich anfühlte und wie ihre Haut roch. Und ich schämte mich nicht mehr für diese Gedanken. Michelle las meine Gedanken wieder und sie sagte mir, dass sie mich auch gerne nackt sehen und berühren würde.
Wir beeilten uns, eine große Pizza aus dem Laden zu holen, aßen sie gemeinsam im Bett und redeten bis spät in die Nacht miteinander. Als wir das Licht löschten, wussten wir alles voneinander. Wir hatten uns gegenseitig unser ganzes Leben erzählt, und auch all unsere Wünsche, Hoffnungen und Träume. Und wir erkannten, dass alles, was uns bisher passiert war, nur aus dem einen, einzigen Grund passiert war, um uns zusammenzuführen. Selbst Benno war nur ein Hindernis im Labyrinth des Lebens gewesen, dessen einziger Zweck es gewesen war, die Richtung von Michelles Weg in meine Richtung zu lenken. Und deshalb konnten wir beide auch keinen Groll mehr gegen ihn empfinden, sondern waren ihm tief in unseren Herzen sogar dankbar, denn er war das Werkzeug unseres Glücks gewesen.
Wir schliefen eng umschlungen ein, als draußen bereits der Morgen dämmerte. Und wir wachten noch genauso eng umschlungen wieder auf, als es schon fast Mittag war. Nachdem wir beide nur kurz im Bad gewesen waren, trafen wir uns wieder im Bett. Und jetzt erkundete ich jeden Zentimeter von Michelles Körper mit meinen Lippen und meinen Fingerspitzen. Michelle schloss die Augen und genoss, vor Erregung zitternd, meine zärtlichen Liebkosungen. Ich presste meine Lippen gierig und trotzdem ganz behutsam auf die zarte Haut ihrer großen, festen Brüste und konnte nicht genug davon bekommen ihre kleinen, erregten Brustwarzen immer wieder zärtlich zu küssen und zwischen meinen Lippen zu spüren. Erst nach langer Zeit wanderten meine Lippen langsam weiter über ihren Körper, bis sie wieder Michelles kleine, verheißungsvolle Spalte erreichten.
Michelle krallte sich ins Laken und öffnete langsam ihre Schenkel so weit, dass ich mich dazwischen legen konnte. Aber auch jetzt steigerte ich meine Aktivitäten nicht.
Voller gieriger Leidenschaft aber trotzdem mit all meiner Zärtlichkeit küsste ich immer wieder die weiche Haut ihrer Scheide und zupfte nur ganz behutsam mit meinen Lippen an ihren zierlichen und so empfindsamen Schamlippen. Als ich diese warme, weiche Haut einmal so weit zwischen meine Lippen sog, dass sie meine Zunge berührte und ich dabei ihren berauschenden, leicht salzigen Geschmack wahrnahm, konnte ich mich nicht mehr beherrschen. Gierig drang meine Zunge in die enge, warme Öffnung ein. Michelle schrie leise auf und zuckte zusammen, presste ihr vor Verlangen bebendes Becken aber leidenschaftlich gegen meine Lippen und machte es auf diese Weise meiner Zunge leicht, sie zu erkunden. Michelles Körper bebte immer mehr und auch ihre enge Scheide zuckte immer heftiger, je intensiver meine Zunge sie liebkoste. Voller ungezügelter Leidenschaft spielte meine Zungenspitze mit ihrer Klitoris und brachte Michelle dazu, Tränen des Glücks zu vergießen, während sie sich in einem Taumel der Ekstase verlor. Und als ich ihre Klitoris dann mit sanftem Druck zwischen meine Lippen presste und gierig einsog, während meine Zunge nicht aufhörte, sie zu liebkosen, kam Michelle mit solcher Heftigkeit, dass sie für einen Moment das Bewusstsein verlor.
Schnell rutschte ich nach oben, nahm Michelle in meine Arme, presste ihren bebenden Körper sanft an mich und küsste ganz zärtlich die Tränen von ihren Wangen.
Michelle kam bald wieder zu sich. Aber wir blieben trotzdem noch lange so liegen. Ich streichelte dabei nur ganz sanft über ihren Körper.
Eigentlich hatte ich vorgehabt, an dem Tag einkaufen zu gehen. Mit dem Geld, das ich Benno abgenommen hatte, wollte ich als erstes Kleidung für Michelle kaufen. Aber als ich jetzt auf die Uhr sah, bemerkte ich zu meinem Erstaunen, dass es zum Einkaufen schon viel zu spät war. Die Geschäfte hatten schon seit Stunden zu. Also verschoben wir das Einkaufen auf den nächsten Tag.
Am Abend zuvor hatte Michelle einen Prospekt vom Pizzaservice mitgenommen. Und im Gegensatz zu mir, wusste sie auch, wo sie ihn hingelegt hatte. Wir bestellten uns dort was zum Essen und blieben bis zum Mittag des nächsten Tages im Bett. Dann gingen wir einkaufen. Ich wollte Michelle das ganze Geld geben, das ich Benno abgenommen hatte. Aber sie weigerte sich, es anzufassen. Also bezahlte ich mit meinem eigenen Geld und schickte Benno seines am nächsten Tag zurück. Nur seine Pistole behielt ich zu Michelles und meiner eigenen Sicherheit. Wir haben aber nie wieder etwas von Benno gehört.
Michelle lebt jetzt seit drei Jahren bei mir und wir sind noch so glücklich und verliebt, wie am ersten Tag. Ich arbeite jetzt an meiner ersten eigenen Graphic Novel, für deren Heldin mir Michelle als Modell dient. Die Ideen für die Geschichte kommen wir oft, wenn wir das Bett für mehrere Tage nicht verlassen. Es wird definitiv eine sehr erotische Geschichte. Mehr möchte ich aber noch nicht darüber verraten. Ich hoffe nur, der Band kommt auf den Markt, bevor er auf dem Index steht.
Danke Michelle, meine wunderschöne Muse. Ich liebe Dich!!!

 

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2 Kommentare

09.01.2012 17:02 Olli
Großartige Geschichte! Bei weitem das Beste, das ich hier seit Monaten gelesen habe! Ich bin sehr gespannt auf weiteres on Dir!

26.11.2011 23:24 Chris
Endlich ist die neue Geschichte da! Ich habe mich regelrecht danach gesehnt. Finde es auch bei dieser Geschicht wieder faszinierend, wie sehr sie mich mit sich zieht. Ein Lob dem Autor! Danke vielmals, dass ich so schöne Sachen lesen darf!! Liebe Grüsse Chris


 

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