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Lunatick

Dietmar Karlowski 


Wie eine Brust überkommt mich der Mond prall, doch wo ist die zweite und ist er die rechte oder die linke? Ich umfasse ihn mit beiden Händen und lasse meine Daumen spielen bis Mondmilch tröpfelt aus seinem großen Krater und meine Lippen einen trüben See stauen. Meine Zunge rollt sich, die Schleusen geben nach, das Weiß streicht über Geschmackspapillen und diese bäumen sich auf und drängen gegen den Gaumen. Der Himmel hat ihre Augen geschlossen und genießt die sanfte Massage. Ich trinke und lasse meine Zunge frei. Natternartig dringt sie vor, vertreibt meine Daumen in die Peripherie und kitzelt. Im Krater brodelt es. Wie die Ebbe zieht es mich zurück, und ich sehe Sternchen und zwei Monde und vier Hände. Wie die Flut treibt es mich vor, und ich möchte branden zwischen links und rechts. Aber je näher ich beiden komme, desto enger rücken sie zusammen und zum Schluß ist es doch wieder nur der eine. Lunaoptische Täuschung. Ich nehme vorlieb, und stülpe meine Lippen über den Vulkan. Meine Zähne beißen in den großen Zeh, dann in den Fuß des Berges, klettern höher und verweilen zupfend am Kraterrand. Mondbeben. Die Zähne gleiten wieder tiefer und beißen sich im Dienst der Zunge fest, die spitz und rauh über die wehrlosen Steilwände fährt.
Meine Hände kontrahieren rhythmisch den Mond, meine Lippen lutschen das Vorgebirge, meine Zähne beißen den Berg und meine Zunge leckt Eruption.
Mein Hals ist trocken, mein Bettuch feucht und aus meinem Mund ziehe ich den nassen Zipfel des Kopfkissens.

Copyright Dietmar Karlowski 2003

 

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