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Im roten Kleid

Jürgen B. Greulich 


Was um Himmels willen fand sie nur an diesem Simon, dem stillen Mann mit der leisen Stimme, viele Jahre älter als sie, graues Haar, groß, unsportlich, einer, der seine Zeit mit Schreiben verbrachte und seinen Lebensunterhalt mit irgendwelchen Nebenjobs verdiente. Zwei Kurzgeschichten hatte er ihr zu lesen gegeben und schließlich per E-Mail eine erotische Erzählung geschickt, die eine sinnliche Welt erschloss, fremd und nicht ohne Reiz, fern der Wirklichkeit. »Nichts ist so frei wie die Phantasie«, hatte er geschrieben, und so war es wohl. In einer E-Mail teilte sie ihm mit, dass ihr die Geschichte gefallen habe, und fragte an, ob er noch mehr davon auf Lager habe.Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten: Natürlich gebe es noch einiges mehr und natürlich könne sie es lesen, allerdings unter einer Bedingung: sie müsse ihm mitteilen, ob die Lektüre sie erregt habe. Ach, da wollte er also ein Spielchen mit ihr beginnen. Was tun? Darauf eingehen und damit ein intimes Band knüpfen? Na ja, so schlimm war es ja nicht, menschliche Regungen, die jeder kannte und jede, warum sie nicht bekennen? Ja, schrieb sie ihm, die Geschichte habe sie erregt, das Lesen war sehr angenehm gewesen.
Zur Belohnung erhielt sie eine weitere Erzählung und las im Begleittext, dass eine Geschichte im Entstehen sei, deren Personen sie kenne. Falls sie diese lesen wolle, müsse sie wieder eine Gegenleistung erbringen. Fast jeder Mensch und mithin fast jede Frau habe insgeheime Träume, Phantasien, verborgene Wünsche, die sie kaum jemand anvertraue, behauptete er. Und er wolle nun von ihr wissen, ob es auch in ihr geheime Vorstellungen gäbe und wenn ja, welcher Art sie seien. – Oh! Das, fand sie, war viel verlangt. Unwillkürlich lauschte sie hinein, erkundete die Gebiete ihrer Seele, die sie nur selten betrat, beleuchtete schattengleiche Träume, die sonst im Zwielicht verblieben. Plötzlich gewannen sie Kontur, wurden sichtbar, begannen zaghaft zu drängen, wollten nicht nur verwundert betrachtet, sondern endlich einmal erhört werden. Carolin gab ihnen nach und offenbarte Simon, dass sie manchmal – selten und keinesfalls ernst gemeint – insgeheim davon träume, mit wenig oder gar nichts an fremden Blicken ausgesetzt zu sein, vielleicht gar fremden Händen, die sie nicht abwehren könne, eine schaurige Vorstellung, aber irgendwie auch schön. Beim Absenden der E-Mail fühlte sie sich seltsam aufgeregt, es war, als entsende sie ihre Seele in die fremde Welt, die Simon in seinen Geschichten entwarf, nicht vorhersehbar, was sie dort erwartete.
Einige Tage vergingen, dann fand sie im Postfach ihres Computers eine E-Mail von ihm, angehängt eine Geschichte mit dem Titel »Im roten Kleid«. Sie selbst war die Hauptperson, sogar ihren Namen hatte er verwendet, sie las das, was bislang geschehen war, ihre elektronische Kommunikation und ihre Offenbarung, dann ging die Handlung weiter, verwandelte Phantasie in imaginäre Wirklichkeit, sie sah sich als Simons willige Gespielin geschildert, fast wie eine Hure, sie tat das, was er sich offenbar tatsächlich von ihr wünschte – würde die Wirklichkeit etwa zur Schöpfung der Phantasie geraten? Carolin war verwirrt. Dieses laszive Mädchen sollte sie sein, wurde sie so von Simon gesehen? Was würde geschehen, wenn er verlangte, dass sie dieser Carolin der Geschichte würde, könnte sie es tun, wollte sie es, wäre es gut? Sie fühlte, wie sie sich gegen ihn sträubte und doch angezogen wurde, als sei er ein Magnet, nein, nicht er selbst, sondern seine Ideen, die nicht sie anzogen, sondern die Träume ihres Schattenreichs, die bedenkenlos waren, gerne bereit, seine seltsame Welt zu betreten.
Carolin tat sich schwer mit einer Antwort, schrieb ihm schließlich, dass seine Geschichte zwar reizvoll sei in gewisser Weise, aber auch verstörend, da die geschilderte Carolin mit ihr nichts gemein habe, und bang lautete ihre Frage, ob sie von ihm denn tatsächlich so gesehen würde. Die Antwort kam wenige Tage später: Gar so fremd könne »seine Carolin« ihr nicht sein, sie lebe ja schließlich in ihr, wie sie selbst am besten wisse, und sie selbst werde sich nicht anders sehen, wenn sie nur wage, genau hinzuschauen, behauptete er – und setzte den Termin für ein Rendezvous: nächsten Freitag um einundzwanzig Uhr im »Subway«, sie solle gekleidet sein wie die Carolin der Geschichte. – Nun also sollte geschehen, was sie befürchtet hatte (und vielleicht ersehnt?) Immer wieder las sie den Termin, fest brannte er sich in ihr Gedächtnis ein. Das Subway, das war jene Kneipe, in der sich Simons Carolin mit ihm getroffen hatte. Sollte sie tatsächlich zu diesem fremden Mädchen werden? Aber er hatte Recht, merkte sie verstört, sie war es bereits, es lebte tief in ihrem Innern und ließ sich nicht mehr verstecken.
Sie besaß kein rotes Kleid, musste erst eins kaufen, stöberte einige Kaufhäuser und Boutiquen durch, bis sie endlich eines fand, das dem der Geschichte ähnelte. Es war ärmellos, wurde von dünnen Trägern gehalten, schmiegte sich schmeichlerisch eng an die Haut, reichte bis zu den Knien, ein hoher Seitenschlitz zeigte viel Bein, das miederartige Oberteil war unter dem Busen abgesetzt wie ein BH, hob die Brüste an, ließ sie drall erscheinen, vom tiefen Dekolleté offenbart. Noch nie hatte sie ein solch gewagtes Kleid getragen, es stellte sie zur Schau, sie hätte es am liebsten gleich anbehalten, noch aber war seine Stunde nicht gekommen. Rote Schuhe mit dünnen hohen Absätzen hatte sie schneller gefunden, ebenso halterlose schwarze Strümpfe mit Spitzensaum, mehr brauchte sie nicht. Zu Hause las sie Simons Geschichte zum wiederholten Male, betrachtete sich das Kleid, das über dem Bügel vor dem Schrank hing, ein Versprechen und eine Herausforderung, ein warmes Kribbeln regte sich, bang und voller Erwartung.
Viel zu langsam vergingen die Tage im öden Büro und viel zu schnell, Ungeduld und Bangen lösten sich ab, gehörten zusammen wie Traum und Wirklichkeit, dann war Freitagabend, die Stunde der Wahrheit rückte näher. Sie nahm eine Dusche, streifte die zarten Strümpfe über, zog das Kleid an, legte ein dezentes Make-up und ihr dunkles Parfüm auf, bürstete das schulterlange dunkle Haar und betrachtete sich im Spiegel. Hübsch sah sie aus (in aller Bescheidenheit), hübsch und so frivol wie diese andere Carolin, ohne Höschen und BH unter dem Kleid, Simons Traum war zum Leben erwacht. Das Subway war gut besucht, Qualm hing in der Luft, es war eine Kneipe zwischen den Zeiten, halb noch der Vergangenheit angehörend, aus den Lautsprechern klang ein rauer Blues, Altfreaks kamen hierher, Punker, Künstler, all jene, die keinen Platz in der Welt fanden; die Mädchen trugen Jeans und Shirts, Carolins rotes Kleid fiel auf, jeder, so dachte sie, könne hindurchschauen und sehen, dass sie darunter nichts trug. Sie entdeckte Simon an einem der runden Tische weiter hinten, musste den ganzen Raum durchqueren auf den unbequem hohen Absätzen, wurde von einem erfreuten Lächeln begrüßt, nahm bei ihm Platz. Auch Simon hatte sich adrett zurechtgemacht, so weit ihm möglich jedenfalls, trug eine enge schwarze Hose, ein schwarzes Shirt und ein rotes Sakko, er war frisch rasiert, duftete nach Aftershave und vor allem nach Tabaksqualm, wie fast immer hielt er eine selbst gedrehte Zigarette zwischen den Fingern, auf dem Tisch lag sein lederner Tabaksbeutel. Sie bestellte einen Campari-Orange, er noch einen Whisky, und sie ließen die Gläser aneinander klingen, nahmen ein Schlückchen. Forschend schaute er sie an mit seinen tief liegenden graugrünen Augen, leise fragte er, ob sie sich ans Vorbild seiner Carolin gehalten habe.
Sie nickte stumm. Wer war eigentlich die richtige Carolin, die seiner Geschichte, die ihr als Vorbild diente, oder sie, aus der seine Carolin entstanden war? Eine Frage ohne Bedeutung, da die Unterschiede verwischten, sie wurden eins, nicht mehr voneinander zu trennen.
Simon bezahlte, sie tranken die Gläser leer und verließen die Kneipe, gingen Hand in Hand zum nahe gelegenen kleinen Park, in dem die Geschichte der imaginären Carolin spielte. Eine weite Rasenfläche, größer als zwei Fußballfelder, von einem Kiesweg in weiter Schleife umrundet, Sitzbänke, halb versteckt zwischen hohen Sträuchern, beim Eingang einige Eisenstreben, zu einem Kubus geordnet und von Efeu berankt, ein Kunstwerk, das niemand verstand, links zwei weiße Hochhäuser, rechts ein Bach, den man nicht sah, dahinter ein Schwimmbad und eine Tennisanlage. Es war warm, ein lauer Frühlingsabend, trotzdem war niemand hier, doch, weit hinten, kaum zu erkennen im Laternenlicht, schlenderte ein Pärchen eng umschlungen den Weg entlang, das hatte es in der Geschichte nicht gegeben.
Simons Phantasie aber, sie natürlich schon, nun wurde sie Wirklichkeit, Carolins Herz pochte aufgeregt, scheu blickte sie auf zu ihm, er war fast einen halben Kopf größer. Ein Stück weit gingen sie in den Park hinein, dann blieb er stehen und verlangte zu sehen, ob sie sich an seine »Anweisung« (wie er es nannte), auch wirklich gehalten gehabe.
Sie schaute sich um, vergewisserte sich, dass sich niemand hinter ihnen befand, und schob das Kleid mit beiden Händen hoch, enthüllte den Saum der Strümpfe, darüber die nackten Schenkel, den dunklen Flaum ihres Schoßes. Sie musste verharren mit gelüpftem Rock und seine Hand schob sich ins Dekolleté, als wäre sie dort zu Hause, seine erste Berührung, er umfasste ihre nackten Brüste wie prüfend, ließ die Knospen schwellen und den Schoß erglühen, unmöglich, das leise erregte Seufzen zu verhehlen. Das Pärchen kam näher, Simons Hand zog sich zurück, sie durften den Rock hinabsinken lassen, strich ihn glatt, eine unnötige Geste, da sie sich auf der nahen Bank niederlassen musste, die halb im Schatten eines Flieders stand, doch nicht aufs Kleid setzen, sie kannte die Instruktionen, die seine Geschichte ihr gegeben hatte. Sie hob es hinten hoch mit einer schnellen Bewegung, fühlte das kühle Holz unter dem nackten Po, öffnete die Knie, wie die andere Carolin es hatte tun müssen, legte die Hände neben sich mit der Innenseite nach oben (auch daran erinnerte sie sich). Still blieb sie sitzen in der Haltung der Unterworfenen, blicklos schlenderte das junge Pärchen vorbei. Ob sie etwas bemerkten? Sie verrieten es nicht, gingen wortlos vorüber.
Simon war neben ihr stehen geblieben, streichelte über ihren Kopf, schaute den beiden nach, bis sie weit genug entfernt waren, um sein Flüstern nicht mehr zu verstehen. »Du weißt, was Carolin tat. Ich stellte es mir jedes Mal vor, wenn ich an dich dachte.«
Ja, sie wusste, was Carolin getan hatte. Dicht vor Augen sah sie die kupferfarbenen Knöpfe seiner Hose, sie ließen sich nur schwer öffnen, mühsam nestelte sie einen nach dem andern auf, zerrte den schwellenden Penis hervor, hielt ihn andächtig in der Hand, sah ihn zittern und küsste ihn ehrfürchtig wie ihren Gebieter. Wie viele Frauen er wohl erobert hatte im Laufe der Jahre, in wie viele Öffnungen er eingedrungen war, was alles er berichten könnte? Egal, nun gehörte er ihr allein, war Mittelpunkt der Welt. Sie umschloss ihn mit ihren Lippen, fühlte verzehrende Glut im Schoß, schloss die Augen, saugte ihn hingebungsvoll, war endgültig zur Carolin von Simons Phantasie geworden, wollte keine andere sein. Er bäumte sich auf, ergoss sich wie erlöst in ihren Mund, sie empfing ihn wie ein Geschenk ihres Schöpfers, der sie zum Wesen voller Wollust machte, nie zuvor hatte sie so tiefe Lust empfunden, nie zuvor einen Mann so berauscht getrunken, nie zuvor ein solches Bedauern gefühlt, als er ihren Mund verließ. Sie verschloss seine Hose, wie es der Carolin der Geschichte befohlen worden war, leckte seine klebrigen Reste von den Lippen – und schaute erschrocken auf, im Ohr den Hall seiner nüchternen Worte. »Ich muss gehen.« Ja, so war es auch in seiner Erzählung beschrieben. In dieser allerdings hatte er sie nicht zu ihrem kleinen schwarzen Auto begleitet.
Zögernd öffnete sie die Tür, schaute sich zu ihm um. »Sehen wir uns wieder?«
»Wenn du möchtest?«
»Schreibst du wieder eine Geschichte?«
»Nein, das nächste Mal lässt du dich überraschen.«
Das nächste Mal … Sie startete den Motor und fuhr los, ließ ein Winken für ihn zurück, das er nicht sah, da er zum Subway ging, ohne sich nach ihr umzuschauen. Er hatte sie missbraucht, hatte sie wie eine Hure behandelt, es war obszön gewesen, erniedrigend und faszinierend. Es würde ein nächstes Mal geben, sie hoffte es jedenfalls, es wäre schrecklich, wenn er sie nicht mehr haben wollte, er würde eine unendliche Leere hinterlassen …

Copyright Jürgen B. Greulich 2004

 

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