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Ich schlief auf der einen Seite des Bettes ein...
und wachte auf der anderen Seite wieder auf
Was bedeutet es eigentlich, schwul zu sein?
Darf man überhaupt schwul sagen und nicht lieber politisch korrekt homosexuell?
Also, ich sage lieber schwul, weil ich es ehrlicher finde. Auf die Politik gebe ich nicht viel, sollen sie es doch nennen wie sie wollen, als ob es dadurch besser oder verständlicher würde. Denn das sollte mal gesagt werden: verstehen tun die davon nichts! Und wenn ich ehrlich bin, ich auch nicht.
Ich meine, man kommt doch wohl schwul auf die Welt, oder? Man wird doch nicht plötzlich schwul, sondern ist es schon immer gewesen, also von Geburt an. Oder irre ich mich?
Manche Moralaposteln meinen ja, dass man sich irgendwann entschließt, dass man jetzt schwul ist, oder wie die es nennen, homosexuell. Als hätte man überhaupt diese Entscheidung. Für die bedeutet doch schwul-sein, dass man sich von Gott abgewendet hat und der Unnatur frönt, wahrscheinlich sogar den Teufel anbetet. Nichts könnte falscher sein. Man steht eher zu seiner Natur, mehr als die es tun.
Aber bedeutet schwul zu sein andererseits, dass man nur rosa Söckchen, Selbstbräuner und Satinhemden tragen darf und am besten den lieben langen Tag in Kleidchen durch die Wohnung hüpft, die Stimme unnatürlich erhoben, um weiblicher zu sein als Frauen? Jetzt bitte kein Missverständnis: die so leben wollen und es mit voller Überzeugung tun, so wie ich es eben nicht tue, sollen dies in Gottes Namen, aber bedeutet dieses, dass man schwul ist? Ist schwul-sein eine Lebenseinstellung? Und zwar eine, die einen zwingt, es mit aller Macht zu Schau zu stellen, so wie die faschistischen Glatzköpfe, die keinen Hehl daraus machen, wie braun sie doch sind.
Muss man, wenn man schwul ist, dies überall verkünden? "Tag, ich bin Johannes und ich schwul". Machen die Heteros doch auch nicht.
Nun, am besten stelle ich mich erst einmal vor. Mein Name ist Andreas Weber, 26zig Jahre alt und ich bin schwul. Das wusste ich aber nicht mein Leben lang. O.k., dass ich Andreas Weber bin, das schon, aber das mit dem schwul, das kam erst später wie bei so vielen, wie ich schätze.
Ich wuchs in ordentlichen und liebevollen Verhältnissen auf, habe zwei Brüder und eine Schwester. Als Kind spielte ich gerne mit den anderen Jungs an einem Berghang, wobei ich es nie schaffte, auch nur halbwegs sauber nach hause zu kommen.
Mit acht begann ich in einem Fußballverein als Manndecker. Ja, ich wette, das finden einige zum lachen und andere sagen "Wie typisch". Darauf kann ich nur sagen: in den verschieden Ligen gibt es pro Kader mindestens 22zig Männer, und die sollen alle hetero sein? Wie blind und blöd kann man sein, das zu glauben?
Das Problem war damals, dass unsere Mannschaft nicht gerade über überragende Stürmer verfügte. Eine Halbzeit sah ich mir ja deren Rumgegurke noch an, aber ab der zweiten ging ich selber nach vorne und schoss die Tore. So wurde ich eines Tages Stürmer und mein Vater war unsagbar stolz.
Wenn ich sagen würde, dass die Pubertät mir dann plötzlich die Erkenntnis gebracht hätte, muss ich leider jeden enttäuschen. Ich schreckte nicht auf und, ups, ich war schwul. Nein, nichts in der Richtung. Vielmehr knutschte ich genauso viel herum wie die anderen, und zwar mit Mädchen. Und wie Jungs nun mal so sind, prahlte ich damit, wie toll es wäre, einfach, weil es die anderen auch taten. Dass ich dabei aber nicht so viel empfand, tat ich damit ab, dass die Mädels, mit denen ich halt Zungentango spielte, eben nicht meine wahre Liebe waren, bei der dann alles anders werden würde.
Zudem kam noch, dass ich durch mein langjähriges Sporttraining, meine schwarzen Haare, die braune Haut und meine himmelblauen Augen bei den Mädchen echt gute Chancen hatte, die nur allzu gerne bereit waren, mit mir zu knutschen. Auf der anderen Seite wusste ich bis dahin gar nicht, dass es so etwas wie Schwulsein gab. Darüber wurde nie gesprochen, nicht zu Hause, nicht in der Schule und schon gar nicht in der Kirche.
Einige werden sich jetzt fragen, ob ich nicht beim gemeinsamen Duschen mit den anderen Jungs was gemerkt habe. Nein, habe ich nicht. Das waren meine langjährigen Kumpels, die kannte ich schon aus dem Sandkasten, da war nichts. Ich war beeindruckt von deren Können, aber nie von deren Körper. Und Phantasien hatte ich auch nicht über sie oder gar mit ihnen.
Auch bei Filmen, besonders bei Liebesfilmen, ertappte ich mich nicht dabei, dass ich viel lieber Tom Cruise geküsst hätte als Meg Ryan. Ich wollte lieber vielmehr so küssen wie sie und endlich mal das Gefühl haben, dass sie einem immer wieder von der Leinwand vermittelten. Einmal jemanden küssen und wirklich etwas dabei empfinden, nicht nur auf die Empfindung warten.
Über die Jahre hatte ich auch zahlreiche Freundinnen, mit denen aber sexuell so ziemlich gar nichts lief. Klar, Küssen stand bei ihnen ganz groß im Kurs, auch ein bisschen Fummeln, Petting und so, aber eben nicht der finale Akt, auch den ich so gespannt war. Denn es war nun mal noch immer so, dass ich noch immer nicht das besondere Gefühl hatte, nicht einmal, als ich bei Gaby das erste mal ihre Brüste berühren dufte, oder gar bei Anne, bei der ich meine Hand in ihr Höschen schob. Nie fühlte ich mich dabei so richtig gut, so wie es immer die anderen beschrieben.
Erschwerend kam noch hinzu, dass ich bemerkte, dass ich zu einem Statussymbol für die Mädchen verkommen war. Es war toll mit mir, Andreas mit dem Adoniskörper und den wunderbaren blauen Augen a la Tom Cruise, zu gehen und erhob einen bei den Bekannten.
"Was, du bist mir Andreas zusammen? Das ist ja Wahnsinn!"
"Andreas ist der Schärfste. Und du bist seine Freundin?"
So was eben.
Ich bemerkte es, als die Mädchen anfingen, mit mir weniger alleine sein zu wollen und mehr danach strebten, mit mir so oft es ging rauszugehen und sich mit ihren Freundinnen zu treffen, die mindestens fünfmal pro Abend verkündeten, wie sich meine Freundin darüber freuen könnte, mit mir verbunden zu sein. Es war einfach beschämend.
Und dann hörte ich das erste Mal von Homosexualität. Ich meine, es gab zwar diese ganzen Jugendmagazine, die die Kids über so etwas aufklären, aber für die habe ich mich nie interessiert. Ich hatte ja Freundinnen, also warum so einen Quatsch lesen? Mich interessierten eh nur Fußball und Jules Verne, und darüber stand da nichts drin.
Dann kam aber der Tag, wo eine neue Lehrerin zu uns an die Schule kam. Sie hieß Fräulein Hochstätten, war frisch von der Uni und übernahm den Biologiekurs.
"Heute wollen wir über Homosexualität sprechen", verkündete sie wie selbstverständlich.
Ich kann mich noch daran erinnern, wie einige nach Luft schnappten, andere bekamen einen ganz entsetzten Blick. Homosexualität, klang wie eine Krankheit.
Und dann begann sie uns zu erklären, worum es sich bei Homosexualität handelt, dass es ganz natürlich sei u.s.w., wobei sie auch mit Vorurteilen, wie, dass diese Mensch eine höhere Körpertemperatur hätten oder so ein Blödsinn, aufräumte. Sie gab uns Einblick auf die anderes, ebenso natürliche Seite des Bettes und ich war fasziniert.
Für mich war jedoch die größte Erkenntnis, dass es so etwas wie Heterosexualität und Homosexualität überhaupt gab und ich begann sehr viel darüber nachzudenken.
Auch hier stellte ich nicht fest, dass ich schwul sei. Man kann vielleicht übers Nachdenken auf so einen Schluss kommen, ich tat es allerdings nicht.
Nein, mein ausschlaggebendes Erlebnis war, wer hätte es gedacht, mein erstes Mal, womit ich wohl doch ein Stereotyp bediene. Und noch schlimmer, ich hatte es mit einem Mädchen, dass in dem Ruf stand, lesbisch zu sein.
Das Mädchen hieß Annabell und war eine wahre Schönheit: glatte, blonde Haare, die ihr bis zum wohlgeformten Po reichten, strahlend grüne Augen, wunderbar braune Haut und einen Körper, wie ihn nur Gott sich ausdenken konnte. Sie war der Traum ein jedes Jungen auf unserer Schule, auch von mir. Ja, ich ging davon aus, dass sie wirklich das Maximum am Erreichbaren sei, mehr ging nicht. Wenn ich auch bei ihr nichts spüren würde, dann wohl bei keiner.
Aber es gab da eben dieses Problem.
"Ach die, das ist doch eine blöde Lesbe."
Das hörte man oft.
"Kenny war mit ihr zusammen, weiß'te. Und ist doch klar, dass er scharf auf sie war. Aber da lief nix. Wenn er versuchte, unter ihr Shirt zu kommen, stieß sie ihn weg und wurde zickig. Nicht einmal Küssen war wirklich drin. Da ist doch klar, dass sie 'ne Lesbe ist", stellte Jochen, mein bester Freund fest.
Aus meiner Sicht gab es aber für ihr Verhalten auch ganz andere Gründe. Kenny stand nicht gerade im Ruf, ein Frauenverstehen zu sein, eigentlich immer nur das Eine zu wollte, was mir ja Jochens Ausführungen auch bestätigten. Und ich hielt Annabell nicht gerade für ein Mädchen, dass für eine schnelle Nummer gut ist.
So schizophren es auch klingt, wollte ich aber ausgerechnet mit ihr mein erstes Mal haben, warum auch immer. Vielleicht, weil ich in ihr was Besonderes sah und auch in sie verliebt war, jedenfalls dachte ich das.
Ich hatte auch kein Problem, an sie rann zu kommen. Sprüche wie "Kenny ist ein notgeiles Arschloch" und "Ich weiß, wie du dich fühlst" reichten vollkommen aus.
Natürlich glaubte sie mir nicht, dass ich auch nur im Entferntesten nachvollziehen konnte, wie sie sich fühlte. Aber als ich ihr erzählte, dass gewisse Mädchen in mir nicht anderes als ein aufwertendes Statussymbol sehen, in das man gewisse Erwartungen steckt, erkannte sie mich als ihr männliches Pendant.
Von da an waren wir so gut wie unzertrennlich, verbrachten unsere gesamte Freizeit miteinander, vom Fußball mal abgesehen. Wir unterhielten uns über Literatur, gingen in Museen oder fuhren in andere Städte. Wir küssten uns auch, und dieses Mal fühlte es sich auch richtig an.
Für die Schule war dies natürlich ein gefundenes Fressen: Die beiden Meistbegehrtesten waren ein Paar, das Traumpaar schlechthin.
Und dann kam der besagte Abend.
Ihre Eltern waren nicht da, doch das wusste ich nicht. Das ganze Haus war nur mit Kerzen erleuchtet, Gott alleine wusste, wie lange sie dafür gebraucht hatte. Darüber hinaus gab es ein wunderbares Abendessen, und doch ließ alles nur aufs Eine hinaus.
Auch das hatte sie bis ins kleinste Detail ausgearbeitet. Sie hatte sogar Handschellen bereitgelegt, nur für den Fall, dass ich auf so etwas stehen würde. Ich lachte und fragte sie, was sie denn von mir dachte. An ihrem Gesicht erkannte ich jedoch, dass sie alles tun wollte, nur um mir zu gefallen und bloß nicht zu prüde zu wirken.
Und dann passierte es. Wir schliefen miteinander, und es war eine der schönsten Erfahrungen, die ich je gemacht hatte, denn sie brachte mir Klarheit.
An diesem Abend schlief ich auf der einen Seite des Bettes ein... und wachte auf der anderen Seite des Bettes wieder auf. Auf der Seite, die uns Fräulein Hochstätten offenbart hatte. Ich war schwul, das wusste ich jetzt.
Es war so klar, wie es selten in meinem Leben bisher gewesen war. Jede Faser in meinem Körper unterstützte mit einer Überzeugungskraft diese Erkenntnis, dass ich mich vollkommen lebendig fühlte. Nicht einmal verspürte ich Besorgnis oder gar Angst. Es war alles einfach klar.
Auch Annabell hatte in dieser Nacht etwas herausgefunden:
"Mein Erlebnis mit einem Mädchen, damals in den Ferien, war doch kein Ausrutscher. Tut mir Leid, dass ich dich dafür benutzt habe, dies herauszufinden. Aber du warst so lieb zu mir, dass ich dachte, wenn ich es bei dir nicht fühlen würde, dann..."
Ich musste laut loslachen. Was für eine Ironie: Zwei Suchende trafen sich, um sich endlich über ihre Sexualität im Klaren zu werden. Besser hätte es nicht laufen können, denn nur mit ihr, davon bin ich überzeugt, konnte ich diese wunderbare Erfahrung machen.
Als ich ihr meine Reaktion erklärt hatte, lagen wir noch lange aneinander gekuschelt da. Das Ganze hatte etwas von einer Reinheit, die nicht zu beschreiben ist, und ich kann nur hoffen, dass andere, nein, jeder, wenigstens einmal eine solche Erfahrung gemacht hat.
Annabell wurde meine größte Verbündete auf meiner neuen Identitätssuche und ich ihrer. Ich meine, ich las viel, holte mir jetzt auch diese Teenie-Zeitschriften, aber die brachten keine neuen Erkenntnisse. Da halfen schon eher Filme, die aber meistens wie "Ein Käfig voller Narren" waren, in denen ich mich so gar nicht wieder fand. Im Gegenteil, ich fand das ständige Gezicke und Gekreische des Hauptdarstellers nur blöde. Überhaupt fand ich diese Art von Schwulen, die meinen auf weiblich machen zu müssen, also dies so genannten Tunten, mehr als nervend. Das war meine Meinung, bis ich Albert traf, der ebenso veranlagt war, aber dafür supernett, die Güte Gottes in Person. Da merkte ich, dass ich nichts gegen Tunten, sondern nur gegen bestimmte Menschen etwas hatte, ganz egal ob schwul oder nicht.
Jedenfalls fand Annabell im Gegensatz zu mir ziemlich schnell eine Freundin und lange Zeit war ich der Einzige, der davon wusste. Manche glaubten sogar, dass ich es jetzt mit Zweien treiben würde.
Ihrer Familie von ihrer gefunden Identität zu erzählen, stellte sich als nicht allzu einfach heraus. Es gab viel Heulen und Zähneknirschen, und es sollte danach noch Jahre dauern, bevor ihre Eltern dies akzeptieren konnten. Aber sobald Annabel ihr erstes Kind bekam, waren ihre Eltern wie ausgewechselt. Selten hatte die Geburt eines Kindes so viel Frieden und Glück in eine Familie zurückgebracht.
Bei mir hingegen lief alles ganz anders. Ich kann nicht berichten, dass meine Eltern bei meiner Eröffnung zusammenbrachen. Vielleicht lag das auch nur daran, dass ich im Gegensatz zu Annabell mit keinem Partner aufwarten konnte und meine Eltern schon immer eher realitätsnah und bodenständig waren. Meine Mutter meinte nur: "Das erklärt seine Vorliebe für Fußball und warum er Stürmer wurde."
Mein Vater grinste. "Ja, wenn er da ein Tor schießt, werfen sich die Jungs ihm reihenweise an den Hals. Und das freiwillig."
Sie lachten, aber wahrscheinlich war es nur ein befreiendes Lachen. Ich aber dachte zuerst, sie würden mich nicht ernst nehmen. An diesem Abend erfuhr ich, dass mein Cousin auch schwul und sein Arbeitskollege, der immer mitkam, mitnichten nur sein Arbeitskollege war.
Seitdem ist viel Zeit vergangen und eigentlich bin ich noch immer auf der Suche nach meiner Identität. Auch hier an der Uni halten sich die Erkenntnisse in Grenzen, denn auch hier heißt schwul-sein, exotisch-sein. Es nimmt zwar keiner Anstoß und niemand ist geschockt, aber ich habe das Gefühl, dass schwul zu sein bedeutet, dass man "auf der Höhe der Zeit ist", dass man "hipp ist".
Eine Erfahrung, die ich aber vorher noch nicht gemacht hatte, war, dass mir irgendwie jeder auf die Nase zusagen konnte, dass ich schwul sei. Und dies stürzte mich in die Sinnkrise, in der ich mich momentan befinde. Nämlich: Was bedeutet es eigentlich, schwul zu sein?
Was macht das Schwulsein aus?
Und warum ist mein Leben so viel interessanter als das Leben der anderen?
Wieso macht der Umstand, dass ich schwul bin, mich zum perfekten Frauenverstehen, als den ich hier offenbar gesehen werde? Ich habe doch keine zusätzlichen weiblichen Hormone oder fühle gar wie sie. Ich kann mich auch nicht wirklich in die weibliche Psyche hineinversetzen. Vielmehr versetze ich mich in die Lage eines Menschen und überlege, wie ich behandelt werden möchte. Dazu muss man aber nicht schwul sein.
Störend finde ich auch, dass so mancher meine Nähe nur sucht, weil ich schwul bin. Das ist genauso wie als ich noch wegen meinem Aussehen begehrt wurde: demütigend.
Auch das ständige Beobachten, dass ich was typisch schwules tue, geht mir auf den Geist. Nur aus Spaß spreizte ich mal beim Kaffeetrinken meinen kleinen Finger ab. Danach entbrannte direkt eine Diskussion über Homosexualität und was dazugehört. Nur zur Anmerkung: Keiner der restlichen Anwesenden war auch nur im Entferntesten schwul oder lesbisch, redeten aber darüber fast zwei Stunden, so dass ich schon darüber nachdachte, mein Hauptfach zu wechseln und Psychologie zu studieren, wobei ich meine Examensarbeit über eine Studie über "Die Auswirkungen der Homosexualität auf den geistigen Zustand von Heterosexuellen" schreiben würde.
Besonders erwähnenswert, und als Indiz für meine Homosexualität, sahen meine dortigen Kommilitonen ihrer Meinung nach meinen Hang, mich gut zu kleiden. Herrgott, nur weil ich etwas darauf achte, wie ich aus dem Haus gehe, bin ich gleich schwul? Soll wohl heißen, dass kein Hetero-Mann sich richtig kleiden kann. Glaube ich nicht, und habe ich auch noch nicht so gesehen.
Jedenfalls nehmen mich besonders die weiblichen Kommilitonen gerne auf ihre Shoppingtouren mit, da ich ja auch sehe, was zu ihnen paßt, was deren Meinung nach natürlich deutlich schwul ist.
Am Anfang ärgerte mich dies alles sehr, da ich in eine Richtung gedrängt wurde, aus der ich nicht kam. Laut den Heteros denken Schwule anders, handeln sie anders, leben sie anders.
Ich habe mir noch nie ein Kleid angezogen oder den Drang danach verspürt. Ich kleister mein Gesicht nicht mit Make up voll und trage keine rosa Söckchen. Ich schreie nicht schrill auf, wenn ich eine Maus sehe, und wackle nicht unnatürlich mit dem Arsch, wenn ich gehe. Ich verstelle meine Stimme nicht und habe auch keine ausladenden Bewegungen. Aber ich bin schwul.
Ich muss auch nicht überall verkünden, dass ich schwul bin, oder gar ständig darüber reden, als hätte ich deswegen Redebedarf wie beim Psychiater. Ich fühle mich auch nicht ausgegrenzt oder diskriminiert. Ich kann mit Männern zusammen sein, ohne dass ich daran denke, sie ins Bett zu bekommen, denn nur weil sie Männer sind, stehe ich nicht auf sie.
Auf der anderen Seite bedeutet mein Schwulsein nicht, dass ich noch nicht die richtige Frau gefunden habe. Das Gegenteil ist der Fall. Mit Annabell hatte ich die perfekte Frau gefunden, deswegen weiß ich ja, dass ich wirklich schwul bin!
Und doch weiß ich nicht, was das Schulsein ausmacht.
Mit der Zeit bin ich auf andere getroffen, die schwul sind, und hatte sogar ein paar Freunde. Der sexuelle Aspekt war für mich überraschenderweise kein Problem, ich fand mich damit schnell zurecht. So dachte ich, dass der einzige Unterschied darin liegt, dass ich Männer liebe und mit ihnen meine Sexualität teilen möchte. Die Gesellschaft jedoch geht noch von anderen Aspekten aus.
Ich fragte also diejenigen, die schon länger wussten, dass sie schwul sind, was sie darüber dachten, was zum Schwulsein gehöre. Komischerweise klammerten sie die gleichgeschlechtliche Sexualität vollkommen aus. Es ging eher dorthin, dass es sich dabei um eine Lebenseinstellung handelte. Jemand nannte es auch die ultimative Freiheit, da man sich zu dem, was man ist, bekannte und es im Gegensatz zu anderen auch auslebte.
Was lebte ich denn aus? War ich mit meinem Schwulsein ein Rebell? Dann wäre das Schwulsein doch eine Entscheidung, oder nicht?
Nein, das alles glaube ich nicht, ich finde mich darin auch nicht wieder. Ich bin was ich bin. Gott hat mich so gemacht und ich war schon so bei meiner Geburt. Ich habe mich nicht entschieden "Also, ich bin jetzt mal schwul, yeah", sondern bin es immer schon gewesen. Ich brauchte jedoch noch den gewissen magischen Augenblick, um dies zu erkennen.
Vielleicht ist das auch nur bei mir so und bei allen anderen läuft es "normal" ab, keine Ahnung. Ich fühle mich gut und erfuhr zu Glück keinen wirklichen Widerstand. Wenn es doch so gewesen wäre, vielleicht wäre es anders gekommen, wer weiß.
Aber im Augenblick bin ich auf dieser Seite des Bettes vollkommen zufrieden.
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