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Greedy: Freier leben

Bernhard Kempen 


Als ich auf dem Raumhafen Schönefeld lande, gießt es in Strömen. Die Fähre, die mich von der Orbitalstation auf die Erde bringt, taucht über Berlin in eine dicke, graue Wolkendecke ein, unter der ein schummriges Zwielicht herrscht, das mir sofort aufs Gemüt schlägt. Ich habe mich schon während des ganzen Fluges vergeblich gefragt, was hinter dem merkwürdigen Auftrag stecken mag, der mich ausgerechnet nach Deutschland geführt hat. Doch als ich nun einen unmittelbaren Eindruck von den klimatischen Verhältnissen dieser Erdregion erhalte, wird mir schlagartig klar, daß sich jeder, der hier aufgewachsen ist, einfach nach den sonnigen Hügeln meines Heimatplaneten Arkadia sehnen muß.
Nachdem ich den bürokratischen Spießrutenlauf von der Einreisekontrolle bis zur Zollabfertigung hinter mich gebracht habe, trete ich

 

Illustration von Klaus Brandt

endlich in die Empfangshalle - die künstlich beleuchtet werden muß, obwohl Dach und Wände zum größten Teil aus Glas bestehen und die Sonne hoch am Himmel steht, auch wenn davon nichts zu sehen ist.
"Ich wünsche Ihnen einen guten Tag", werde ich von einem
hübschen jungen Mann mit sportlichem Körperbau, aber ungesunder blasser Hautfarbe begrüßt.
"Guten Tag", erwidere ich ebenfalls auf deutsch und füge in Standard-Englisch hinzu: "Den Rest habe ich leider nicht verstanden."
"Deshalb bin ich hier", sagt er in tadellosem Englisch, das lediglich durch die Andeutung eines harten, konsonantenlastigen Akzents verunziert wird. "Mein Name ist Hermann Schulz. Ich bin Ihr Dolmetscher."
"Und ich bin Greedy", sage ich und schüttele die Hand, die er mir hinstreckt. Ich hatte in den letzten Jahren häufig genug mit verklemmten Erdbewohnern zu tun, um mich inzwischen an diese recht zurückhaltende Begrüßungssitte gewöhnt zu haben. "Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, während des Fluges ein paar Brocken Ihrer Sprache zu lernen. Aber dann bin ich an diesem abartigen Keuchlaut in der deutschen Entsprechung von ,Gute Nacht‘ verzweifelt." Ich blicke zum tristgrauen Himmel hinauf, der nicht etwa heller, sondern noch dunkler zu werden scheint. "Sind Sie sicher, daß man bei diesen Lichtverhältnissen noch von einem Guten Tag sprechen kann?"
"Ich habe mich ein wenig über Arkadia sachkundig gemacht", sagt Hermann und lächelt verlegen. "Ich hoffe, es fällt Ihnen nicht allzu schwer, sich bei uns einzugewöhnen."
"Ich kann nur hoffen, daß Sie nicht an meinen Eigenarten verzweifeln", erwidere ich, "so wie die deutschen Beamten, die nicht wußten, ob sie meinen Namen in das Feld für den Vor- oder den Nachnamen oder in beides eintragen sollen. Auf meinem Einreisedokument werde ich nun als Fräulein Greedy Greedy geführt."
Hermann schüttelt bedauernd den Kopf, als er einen Blick auf die Urkunde wirft. Sie besteht aus altertümlichem Papier und ist mit einem Computerstempel versehen, der einen zu Tode erschrockenen Raubvogel darzustellen scheint. "Seien Sie froh", bemerkt Hermann, "daß wir hier nicht mit einer Germanisierungssoftware arbeiten - wie zum Beispiel im Nationalstaat Bayern - sonst müßten Sie sich für die Zeit Ihres Aufenthalts an den Namen Fräulein Gierig gewöhnen."
"War Bayern nicht die einzige Nation der Erde, die jemals versucht hat, aus der Gemeinschaft der UNO auszutreten?"
"Das konnte glücklicherweise verhindert werden, als die Erdregierung damit drohte, die Entwicklungshilfe für verarmte landwirtschaftliche Regionen zu streichen."
"Ich habe die geschichtlichen Holos leider nur bis zu den Bauernkriegen studieren können", gebe ich zu. "Aber seitdem scheint sich nicht allzuviel verändert zu haben."
"Das mag sein", sagt Hermann und blickt sich um, als würde er mit einem unverhofften Angriff rechnen. "Aber Sie sollten es in Gegenwart von Deutschen niemals erwähnen."
"Ich werde es mir merken", beruhige ich ihn. "Wie muß ich Sie übrigens anreden - mit Herr oder Herrlein Schulz? Oder wäre Hermännchen passender?"
Er lacht. "Eine spezielle Anrede für unverheiratete Männer konnte sich trotz der verschiedenen Versuche einer deutschen Sprachreform nie durchsetzen", sagt er. "Einfach nur Hermann wäre mir am liebsten, wenn ich dich weiterhin Greedy nennen darf."
"Kein Problem."
"Wenn wir deutsch sprechen würden", meint Hermann, "wären wir jetzt vermutlich vom ,Sie‘ zum ,du‘ übergegangen."
"Sind das diese zwei Anredeformen, die davon abhängen, ob man jemanden sympathisch oder unsympathisch findet?"
"So ungefähr", sagt Hermann lachend. "Genau diese Feinheiten sind der Grund, warum mein Beruf trotz hochentwickelter Computerprogramme immer noch nicht ausgestorben ist."*Danach fliegen Hermann und ich mit dem Gleitertaxi - einer Luftdroschke, wie sich ein solches Gefährt auf deutsch nennt - in die Stadt. Der Raumhafen liegt ein Stück außerhalb von Berlin, innerhalb der Region Brandenburg, die zur Gemeinschaft des Deutschen Bundes gehört. Unter dieser Bezeichnung haben sich all die Regionen zusammengeschlossen, die nicht zu den größeren Nationen wie Bayern, Friesland oder Alemannien gehören.
Hermann stammt aus Potsdam, wie er mir unterwegs erzählt, einer Kleinstadt in der Nähe von Berlin. Potsdam war vor zweihundert Jahren recht berühmt, weil sich dort ein großes Studio für Flachfilme befand, aber dann hat man dort den Anschluß an die Entwicklung des Holofilms verschlafen, so daß heute nur noch Heimatfilme für den einheimischen Markt produziert werden.
Sobald Hermann volljährig geworden war, hatte er seine deutsche Nationalität abgelegt und war ins Internationale Territorium Berlin gezogen. Hier herrschen nicht so strenge Gesetzgebungen wie in den verschiedenen deutschen Nationen und Regionalbünden. Das ist übrigens auch der Grund, warum ich mich in Berlin mit den Vertretern der Touristikfirma treffe, die ihren Sitz in einer der konservativeren Provinzen des Deutschen Bundes hat. Der Versuch, eine Aufenthaltsgenehmigung für eine außerirdische Angehörige der arkadischen Anarchie zu erwirken, hätte ein unvorhersehbares Ausmaß an bürokratischen Komplikationen heraufbeschworen.
Allmählich verstehe ich, warum es nur noch etwas über zehn Millionen echte Deutsche gibt. Natürlich leben in den Internationalen Territorien Frankfurt, Ruhrstadt oder Berlin noch wesentlich mehr Schulzes, Schmidts oder Müllers. Aber seit die UNO zu Anfang des 21. Jahrhunderts als globale Regierung anerkannt worden war und jede kulturelle Gemeinschaft den Nationalstatus beantragen konnte, war es zum sogenannten Dörrpflaumen-Effekt gekommen. Während die Reste der alten irdischen Nationen sich immer stärker auf ihre traditionellen Werte konzentrierten, war ihre Bevölkerung im gleichen Maße durch die Landflucht weltoffenerer Geister geschrumpft, bis schließlich nur noch eine zähe, braune Masse rund um den harten Kern übrig geblieben war.
Erst als die Luftdroschke zur Landung ansetzt, kann ich undeutlich einige Gebäude der Stadt durch die vom prasselnden Regen verschlierten Fenster erkennen. Der Pilot, der während des ganzen Fluges nur mürrisch drei oder vier Worte gebrummt hat, setzt das Gefährt mit einem recht unsanften Ruck auf dem Dach des gewaltigen Hotelkomplexes ab, der vom chinesischen Xing-Konzern betrieben wird und diesen Teil der Innenstadt dominiert. Hermann und ein burmesisches Zimmermädchen im "Dirndl-Kleid" (eine weibliche Nationaltracht, die besonders stark entwickelte Brüste und Hüften vorgaukelt) bringen mich auf mein Hotelzimmer, wo ich mich sofort meiner ungewohnten Kleidung entledige - doch bevor ich mich für meine Unbesonnenheit entschuldigen kann, haben die beiden Erdenmenschen bereits die Flucht ergriffen.*Natürlich bin ich wieder sittsam bekleidet, als ich zwei Stunden später den Konferenzraum betrete. Ich habe mich für eine leichte Toga im pseudorömischen Stil entschieden, weil ich mich als geborene Arkadierin immer noch nicht an Sachen mit Ärmeln oder Hosenbeinen gewöhnen konnte. Eigentlich sieht es die Mode vor, daß man unter einem solchen Gewand züchtige Unterwäsche wie Höschen und BH trägt, aber ich kann mich einfach nicht dazu durchringen, meinen Körper einer solchen Tortur auszusetzen.
Die drei Herren, die sich bei meinem Eintreffen artig von ihren Sitzplätzen erheben, tragen dunkelgrüne Hosen und Jacketts mit kompliziert genähten Revers und darunter gerüschte Hemden. Da ich dergleichen noch nie zuvor gesehen habe, vermute ich, daß es sich dabei um eine deutsche Nationaltracht handelt.
"Guten Tag, Fräulein Greedy", begrüßt mich der Mann in der Mitte. "Willkommen in Deutschland." Da er einen deutschen Dialekt mit weichen Konsonanten und dumpfen Vokalen spricht, brauche ich ein paar Sekunden, bis ich rekonstruieren kann, was er gesagt hat - und ich begreife, daß er eine Standard-Begrüßungsfloskel benutzt hat, die für meine bescheidenen Deutschkenntnisse im Grunde gar kein Problem darstellt. Wenn dieses Volk schon eine so komplizierte Sprache benutzt, könnte es sich wenigstens auf eine einheitliche Aussprache einigen.
"Und ich möchte Ihnen die Grüße der Gemeinschaft von Arkadia überbringen", erwidere ich höflich. Ursprünglich wollte ich diesen Satz in deutscher Sprache aufsagen, weil ich grundsätzlich zu höflichen Gesten bereit bin, aber meine Sprechorgane waren einfach nicht in der Lage, die seltsamen Lautfolgen nachzubilden, die mir der Computer vorgekrächzt hat.
Zum Glück tritt nun Hermann als Dolmetscher in Aktion und stellt mir die Vertreter der Firma Licht- und Luft-Reisen DGmbH aus einem Städtchen namens Finsterwalde vor - Herrn Hartmut Stein, den "Beauftragten für internationale Handelsbeziehungen", Herrn Klaus Wetter, den "Leiter der Ferien-Konzept-Entwicklung", und Herrn Manfred Eiche, den "Rechnungsprüfer des Sekretariats Investitionen". Irgendwie habe ich das Gefühl, daß die Leute sich diese wortreichen und offenbar wohlklingend gemeinten Titel nur zu unseren Verhandlungsgesprächen zugelegt haben, aber ich traue den Deutschen mittlerweile zu, daß in ihrer Firmenhierarchie tatsächlich solche Posten existieren.
Nachdem wir uns eine Weile mit diversen Nettigkeiten überhäuft haben, kommt Stein zur Sache. "Ich vermute, die Behörden von Arkadia haben sich inzwischen ausführlich mit unserem Projekt Freier leben beschäftigt", sagt er. "Haben Sie schon eine Entscheidung getroffen, oder möchten Sie zunächst über einzelne Punkte verhandeln?"
"Bevor wir über Details reden", erwidere ich, "würde ich gerne von Ihnen hören, wie Sie auf die Idee gekommen sind, ein solches Projekt ausgerechnet auf Arkadia realisieren zu wollen."
"Wir Deutschen waren schon immer ein reiselustiges Volk", beginnt Stein, und lehnt sich zurück, damit er genügend Platz für die ausladenden Gesten hat, mit denen er seinen Vortrag dekoriert. "Und wir lieben die Sonne und das Leben in der unberührten Natur. Nach getaner Arbeit wollen wir freier leben - und die Natur frei erleben. Man könnte Deutschland sogar als ein Ursprungsland der Nudisten von Arkadia bezeichnen, denn insbesondere die Deutschen sind schon seit Jahrhunderten begeisterte Anhänger der
Freikörperkultur."Hermann braucht eine Weile, um mir das Wortspiel mit dem Projektnamen und den unübersetzbaren deutschen Begriff mit den vielen Knack- und Knarrlauten zu erklären. Offenbar haben viele Deutsche dieselben Probleme wie ich, da dieses Wortungetüm häufig mit dem handlichen Kürzel "FKK" wiedergegeben wird - was in meinen Ohren allerdings einen viel obszöneren Klang hat.
"Wenn das so ist", sage ich anschließend, "verstehe ich nicht, warum dann so wenige Deutsche nach Arkadia ausgewandert sind. Ich kenne nur eine einzige Arkadierin, von der ich zufällig weiß, daß ihre Eltern aus Deutschland stammen."
"Es liegt mir natürlich fern, die sehr freizügige Lebensweise auf Ihrem Heimatplaneten zu kritisieren", sagt Stein. "Aber wir betrachten den Nudismus ausschließlich als Freizeitvergnügen. Es widerspräche geradezu der Grundidee der Freikörperkultur, sie auch im Alltag oder gar im Arbeitsleben durchzusetzen. Da wir in erster Linie ein arbeitsames und ordnungsliebendes Volk sind, legen wir in diesem Zusammenhang größten Wert auf körperliche Hygiene und moralische Sittsamkeit."
Unwillkürlich frage ich mich, warum die Deutschen dann eine so unbedeutende Rolle in der interstellaren Wirtschaft spielen. Angeblich sollen sie sogar die ersten Raketen erfunden haben, für militärische Zwecke, wenn ich mich recht entsinne, doch an der anschließenden friedlichen Erkundung des Weltraums haben sie sich kaum noch beteiligt.
Außerdem ist mir nicht ganz klar, was dieser Stein mit seiner Ansprache bezweckt. Wenn er mich als Vertreterin der arkadischen Gesellschaft auf diese Weise beleidigt, wird es ihm nur schwerlich gelingen, mich für sein Projekt zu begeistern.
"Dann sollten Sie ihren Freizeitpark vielleicht an einem anderen Ort errichten, wo die Gefahr geringer ist, daß Ihre Urlauber durch undeutsche Untugenden verdorben werden."
"Unsere Planung, die Ihnen zumindest in groben Zügen vertraut sein müßte, Fräulein Greedy, sieht vor, die Kontakte zwischen unseren Gästen und der einheimischen Bevölkerung von Arkadia auf ein Mindestmaß zu reduzieren. Die Freizeitangebote unserer Ferienanlage sind so vielfältig angelegt, daß es für den Urlauber von der Erde keinerlei Veranlassung gibt, das Gelände zu verlassen."
"Wenn ich Sie richtig verstehe, wollen Sie Ihre Urlaubsnudisten völlig von den arkadischen Vollzeit-Nudisten isolieren", fasse ich zusammen. "Warum bauen Sie dann nicht eine Raumstation oder kaufen sich eine unbewohnte Insel auf Terra Nova oder einem anderen Kolonialplaneten? Damit würden Sie jegliches Restrisiko vermeiden."
"Ich glaube, Sie haben unsere Philosophie immer noch nicht richtig verstanden, meine Gute", sagt Stein. "Es ist der Reiz des Exotischen, der Hauch von Abenteuer, der unsere deutschen Gäste in Scharen nach Arkadia locken wird. Wer viel Geld für seinen Urlaub bezahlt, will perfekte Illusionen und keine wirklichen Gefahren erleben. Unsere Gäste sollen einen Hauch der arkadischen Freiheit und Unbeschwertheit mitnehmen, aber sie sollen keinen Kulturschock erleiden."*Diesen Schlag in die Magengrube muß ich erst einmal verdauen. Daher bitte ich um ein wenig Bedenkzeit, worauf wir uns einigen, die weiteren Verhandlungen auf morgen zu vertagen.
Etwas später sucht Hermann mich in meinem Hotelzimmer auf, weil wir uns für den Abend verabredet haben, um gemeinsam die Stadt zu erkunden.
Als er eintritt, zuckt er sichtlich zusammen, da ich mich in meinen eigenen vier Wänden natürlich so verhalte, wie ich es als Arkadierin gewöhnt bin.
"Wir haben den ganzen Tag lang über Freikörperkultur geredet, und wenn du plötzlich einem nackten Körper gegenüberstehst, bekommst du einen Schreck", sage ich lachend und streichele seine Wange. "Du bist süß!"
"Wir Deutschen waren schon immer Meister in der feinen Unterscheidung von Theorie und Praxis", erwidert Hermann schlagfertig.
"Und was sagst du zu den nackten Tatsachen?" frage ich, während ich die Arme unter meinen Brüsten verschränke und ihn ansehe.
Hermann mustert mich skeptisch, bevor er antwortet. "Theoretisch scheinst du eine ausgesprochen hübsche Frau zu sein, auch wenn deine völlige Haarlosigkeit etwas irritierend wirkt. In praktischer Hinsicht bist du mir entschieden zu weiblich. Ich stehe mehr auf muskulöse Schultern und schmale Hüften, falls du verstehst, was ich damit andeuten will."
Natürlich habe ich ihn verstanden. Ich hatte bislang noch nicht genauer über diesen Punkt nachgedacht, aber schon während unserer Begrüßung am Raumhafen hatte ich den Eindruck, daß Hermann mich offenbar ganz nett fand, daß aber der gewisse Funke ausgeblieben war, der fast immer überspringt, wenn ich einem männlichen Wesen begegne - daß Hermann gar nicht her man, sondern his man ist.
"Schade", sage ich mit einem lässigen Achzelzucken und beginne, mir die Kleidung anzuziehen, die ich auf dem Bett bereitgelegt habe. "Aber ich denke, daß wir trotzdem einen netten Abend miteinander verbringen können."*Bevor es in Deutschland völlig dunkel wird, zeigt mir Hermann verschiedene Berliner Sehenswürdigkeiten: die zu großen Teilen wiederrichtete Mauer in der Innenstadt, die Ruinen von Gedächtniskirche und Europa-Center, die historische Meile des Kurfürstendamms, die ganz im Stil des späten 20. Jahrhunderts gehalten ist, die holographische Projektion des Stadtschlosses, das nach der Zerstörung in einem der zahlreichen deutschen Kriege nie wiederaufgebaut wurde, den Erlebnispark "Kleine DDR", der nach dem Einsturz des Fernsehturms im 21. Jahrhundert auf dem verwüsteten Alexanderplatz angelegt wurde, und vieles mehr. Danach suchen wir eine typische Berliner Kneipe auf, doch die penetranten Männer mit den dicken Bäuchen widern mich ebenso an wie die Speisekarte, auf der ausschließlich die Überreste von getöteten Tieren zum Verzehr angeboten werden.
Ich mache Hermann klar, daß ich für diesen Tag mehr an deutscher Exotik und barbarischen Gebräuchen erlebt habe, als ich zu ertragen bereit bin, worauf er mich ins chinesische Restaurant des Xing-Kempinski führt, das von sämtlichen Reiseführern einhellig als kulinarischer Höhepunkt dieser Stadt gelobt wird.
Nachdem uns die kultivierten Köstlichkeiten der neuen chinesischen Cuisine auf der Zunge zergangen sind, lasse ich mich von Hermann in sein erklärtes Lieblingslokal einladen. Da es nicht weit entfernt ist und es inzwischen zu regnen aufgehört hat, gehen wir zu Fuß zum Tuntentheater des Westens, einem ehemaligen Schauspielhaus, dessen pseudoklassische Fassade von knallbunt bemalten Skulpturen und anderen architektonischen Spielereien geziert wird.
"Ist es mir als weiblichem Wesen überhaupt erlaubt, diese heiligen Hallen der Homosexualität zu betreten?" fragte ich meinen herrmännlichen Begleiter.
"Natürlich", antwortet er. "Solange du niemandem unsittliche Anträge machst ..."
"Ich werde mich zusammenreißen", verspreche ich, "aber ich kann für nichts garantieren, wenn die Männer hier genauso schnuckelig wie du sind."
"Dann könnte es gefährlich werden", sagt Hermann grinsend. "Denn genau aus diesem Grund komme ich so gerne hierher."
Er hat nicht zuviel versprochen. Denn im Tuntentheater tummeln sich keineswegs nur Transvestiten, wie der Name anzudeuten scheint, sondern die gesamte Spannweite männlicher Versuchungen. Von zarten Jünglingen in keuscher Toga bis zu drahtigen Kerlen in knallengem Macho-Kunstleder ist alles vertreten, doch am besten gefallen mir die Kellner, die mit nichts außer einem prall gefüllten Slip zwischen den Beinen herumlaufen. Meine arkadischen Überzeugungen drohen ins Wanken zu geraten, denn ich muß zu meiner Verblüffung feststellen, daß die geschickt angebrachte knappe Bekleidung extrem reizvoll ist, weil sie meine Phantasie auf Hochtouren bringt.
Zu schade, daß all diese Prachtburschen für meine ansonsten recht überzeugenden weiblichen Argumente unempfänglich sein dürften. Aber während ich mich von Hermann überreden lasse, eine einheimische Spezialität namens Bier zu probieren, und ich seine breiten Schultern und sinnlichen Lippen bewundere, kommt mir eine verwegene Idee ...
Unter normalen Umständen halte ich mich mit solchen Manipulationen sehr zurück, aber in diesem Fall kann ich dem Drang einfach nicht widerstehen, mit meinen Möglichkeiten zu spielen. Was soll schon passieren? Schlimmstenfalls mache ich mich lächerlich, was für mich noch nie ein Hinderungsgrund war.
Also beginne ich damit, mein Vorhaben in die Tat umzusetzen - was natürlich eine Weile dauert. Nach dem vierten Bier suche ich eine Toilette auf, um mich mit eigenen Augen von meinen Fortschritten zu überzeugen. Außerdem besitzt das deutsche Nationalgetränk die Eigenschaft, nur für kurze Zeit im menschlichen Körper zu zirkulieren. Die Sitte des Biertrinkens dient offensichtlich nur dem Zweck, in geselliger Runde große Flüssigkeitsmengen aufzunehmen, um sie dann ebenfalls in Gesellschaft wieder auszuscheiden, wobei begonnene Gesprächsthemen ohne Unterbrechung weitergeführt werden können. All der Aufwand soll offenbar auf geschickte Weise verschleiern, daß während des Biertrinkens eine beträchtliche Menge Alkohol ihre Wirkung im Gehirn entfaltet. Für mich ist es jedoch eine der leichteren Übungen, diese Psychodroge nicht zu absorbieren, sondern mit dem Urin abzugeben.
"Hallo, Greedy", ruft Hermann, als er mich zurückkommen sieht. "Wo warssu so lange?"
Der übermäßige Genuß von Bier wirkt sich außerdem nachteilig auf die Artikulationsfähigkeit aus, worauf mir einige Eigenarten der deutschen Sprache etwas verständlicher werden.
"Ich habe mit den Jungs auf der Toilette ein Wettpinkeln veranstaltet", erwidere ich.
Hermann lacht sich schlapp. "Und wer hat gewonnen?" fragt er.
"Ich natürlich", entgegne ich grinsend, als ich mich wieder neben ihn setze.
"Du scheinss wirklich ne ganze Menge ssu vertragen", sagt Hermann schleppend. "Du wirkst eigentlich kein bißchen betrunken."
Ich winke lässig ab. "Ich bin sozusagen seit Geburt gegen solche Gifte immun", erkläre ich ihm. "Ich kann die Wirkung ohne besondere Mühe unterdrücken."
"Echt?" staunt Hermann und runzelt nachdenklich die Stirn. "Dann entgeht dir ja der ganze Spaß!"
"Oh, ich amüsiere mich trotzdem prächtig", erwidere ich und schaue sehnsüchtig einem knackigen Hintern nach.
"Dabei fällt mir auf ... bin ich schon völlig blau, oder siehst du irgendwie anders aus?"
"Findest du?" frage ich unschuldig zurück.
"Ja ... als hättest du plötzlich abgenommen, diese weichen wabbeligen Fettpölsterchen verloren."
"Gefalle ich dir so besser?" frage ich und rücke ein Stückchen näher an ihn heran.
"Ich verstehe nicht ..."
Hermann hat natürlich keine Ahnung, was geschehen ist, aber jetzt scheint der richtige Augenblick gekommen zu sein, ihn damit zu überraschen. "Ich würde dir gerne etwas zeigen", sage ich und nehme seine Hand.
"Was hast du vor?"
Ohne weitere Erklärung ziehe ich seine Hand noch näher heran und führe sie unter meine Toga. Ich spüre, wie seine Finger zunächst zurückzucken, als sie das Ergebnis meiner Metamorphose berühren. Dann wagen sie sich noch einmal vor und erkunden es neugierig, während Hermanns Augen im gleichen Maße größer werden wie das Ding zwischen meinen Beinen.
"Wie kann das sein ...?" stammelt Hermann fassungslos. "Was hast du gemacht?"
"Du bist nicht der erste, den ich mit meinen verborgenen Talenten verblüffen konnte", erwidere ich.*Es ist nicht zu übersehen, daß Hermann mit widerstrebenden Gefühlen kämpft. Auf der einen Seite steht seine geistige Blockade, weil er mich zuvor mit dem Stempel "weiblich - uninteressant" versehen hat, und auf der anderen die Unsicherheit, weil ich plötzlich sein sexuelles Weltbild durcheinandergebracht habe. Doch dann überwiegen seine Neugier und Abenteuerlust, und als wir schließlich wieder in meinem Hotelzimmer gelandet sind, ist er gar nicht mehr so deutsch und keusch wie zuvor, sondern erforscht mit einer Mischung aus Mißtrauen und Faszination jeden Zipfel und jede Ritze meines Körpers, als könne er immer noch nicht fassen - oder als müsse er genau erfassen - was mit mir geschehen ist.
Für mich ist ein solches Kunststück eigentlich gar keine große Sache. Im Grunde ist es genau dasselbe, was die Medizin im Verlauf einer genetischen Geschlechtsumwandlung bewirkt. Schließlich ist der biologische Unterschied zwischen Weiblich und Männlich viel kleiner, als unsere auf A oder B geeichte Menschenwahrnehmung uns einreden will. Ich muß nur die Fettreserven schrumpfen lassen, vor allem in Oberschenkel, Po und Brust, und schon gewinnt meine Figur männlichere Attribute. Den größten Teil dieser Biosubstanz wandle ich in Muskelmasse um, während nur ein winziger Teil nötig ist, um meine Klitoris um ein paar Kubikzentimeter anschwellen zu lassen und die gedehnten Schamlippen mit zwei eiförmigen Wucherungen auszustatten. Diese Veränderungen finden ausschließlich an der Oberfläche statt, da ich im Innern eine Frau geblieben bin und natürlich auch eine bleiben will. Auf jeden Fall ist Hermann mit dem Ergebnis meiner Bemühungen sichtlich zufrieden.*Nach diesem Ausgleich der exotischen Eindrücke des ersten Tages durch die erotischen Erkundungen der Nacht bin ich ausreichend für die zweite Verhandlungsrunde gewappnet, die wesentlich unproblematischer als die erste verläuft. Natürlich haben wir auf Arkadia zuvor ausführlich über die Vorschläge der Deutschen diskutiert (und uns köstlich über ihre verrückten Vorstellungen amüsiert), aber von unserer Seite aus hat es keine entscheidenden Einwände gegeben. Wenn sie die empfindliche Ökologie unserer Welt in Ruhe lassen und sowieso die meiste Zeit in ihrer isolierten Anlage bleiben, ist es uns ziemlich egal, auf welche Weise sie dort freier zu leben versuchen. Das überzeugendste Argument ist ohnehin die stattliche Summe, die sie für die Nutzung einiger Quadratkilometer arkadischen Bodens zu zahlen bereit sind.
Es gelingt mir sogar, zwanzig Prozent mehr als vorgesehen auszuhandeln. Ich weiß nicht, ob das irgend etwas mit der Tatsache zu tun hat, daß ich unter meiner oberflächlich neutralen Toga immer noch mit männlichen Attributen ausgestattet bin. Angeblich sollen Männer ja durchsetzungsfähiger als Frauen sein, obwohl ich in meiner gewohnten weiblichen Gestalt schon mehr als einen Kerl über den Tisch gezogen habe.
Ich werde ein wenig mißtrauisch, als Stein darauf besteht, daß wir einen auf echtem Papier gedruckten Vertrag handschriftlich unterzeichnen. Aber obwohl ich das Dokument von allen Seiten mustere, kann ich keinen Hinweis auf irgendwelche illegalen Tricks entdecken. Was soll’s? Im Streitfall entscheidet sowieso nur der elektronische Vertrag, ganz gleich, welche Geschäftspraktiken in diesem Land üblich sein mögen.
Nachdem wir in die Hotelbar umgezogen sind, um mit einem Bier auf unseren erfolgreichen Geschäftsabschluß anzustoßen, machen sich die Herren Stein, Wetter und Eiche bald auf den Rückweg, um nicht mehr Zeit als nötig im Sündenbabel Berlin verbringen zu müssen, wie sie sich ausdrücken. Ich wage mir gar nicht vorzustellen, welche Eindrücke ich von diesem Land gewonnen hätte, wenn wir uns nicht auf Internationalem Territorium, sondern auf urdeutschem Boden getroffen hätten.

 

Illustration von Klaus Brandt

"Ich glaube, ich hatte gestern nacht einen ziemlich verrückten Traum", sagt Hermann, als wir nach dem offiziellen Teil des Tages erstmals die Gelegenheit zu einem Privatgespräch haben.
"Wenn du willst, können wir ihn heute nacht noch einmal träumen", sage ich. "Ich habe meine maskuline Maskerade noch nicht wieder abgelegt."
"Heißt das, ich war gar nicht so betrunken, daß ich mir alles nur eingebildet habe?"
"Ich hatte den Eindruck, daß ich sehr reale Spuren an deinem Körper hinterlassen habe", erwidere ich. "Trozdem wäre es mir sehr lieb, wenn du es nicht weiterzählst. Ich möchte nicht als wissenschaftliche Sensation in irgendeinem Labor dahinvegetieren."
Hermann betrachtet mich eine Weile schweigend, weil er offenbar einige Zeit braucht, um sich zu seiner nächsten Frage durchzuringen.
"Könntest du so etwas auch mit mir machen?"
Zunächst schweige ich ebenfalls, weil ich mir genau überlegen muß, wie ich ihm antworte.
"Wenn ich richtig informiert bin, müßtest du in jeder besseren Klinik der Erde eine Geschlechtsumwandlung durchführen lassen können. Oder ist so etwas in Deutschland verboten?"
"Das meine ich gar nicht", sagt Hermann. "Wie soll ich es erklären? Ich habe einige recht unangenehme Erfahrungen gemacht, wenn ich an die falschen Männer geraten bin. Es wäre sicherlich einfacher für mich, wenn ich in solchen Situationen als Frau auftreten könnte."
"Ich glaube, du stellst es dir etwas zu einfach vor", sage ich. "Ich wäre zwar in der Lage, dich in eine Frau oder auch etwas anderes zu verwandeln, aber meine Fähigkeit der Verwandlung kann ich dir leider nicht mitgeben, weil ich selbst nicht weiß, wie ich dazu gekommen bin. Du müßtest dich schon für eine Möglichkeit entscheiden."
"Warum kann es nicht mal etwas anderes sein als immer nur A oder B?" klagt Hermann verzweifelt.
"Genau das habe ich dir gestern klarzumachen versucht. Es spielt überhaupt keine Rolle, ob jemand Mann oder Frau oder sonstwas ist - wir können in jedem Fall Spaß miteinander haben."
"Leider ist das Leben nicht immer so spaßig, wie es sein könnte", erwidert Hermann.
"Wem sagst du das ..."
"Könntest du mich wenigstens für eine Nacht zur Frau machen?" fragt Hermann.*Ich habe ihm seinen Wunsch erfüllt. Wenige Stunden nach dem Kuß der Zauberfee haben seine umprogrammierten Körperzellen die Verwandlung vollzogen, und Hermann, der nun Herr-Frau geworden ist, besteht darauf, daß ich all das mit ihm mache, was Männer mit Frauen machen. Er genießt das Kribbeln empfindlicher Brustwarzen unter meinen Händen, und erlebt, wie ich immer tiefer in seinen Leib eindringe. Und nachdem meine Zunge ihn zu einem Höhepunkt jenseits männlicher Vorstellungskraft gekitzelt hat, liegt er eine ganze Weile ermattet und nach Luft schnappend da.
"Hast du dich entschieden", frage ich, als sich der Himmel über Berlin allmählich von Schwarz nach Dunkelgrau aufhellt.
"Am liebsten würde ich mich gar nicht entscheiden", murmelt er, der vorübergehend sie ist, schläfrig zurück.
"Wenn ich den Zauber nicht mit einem zweiten Kuß aufhebe", sage ich, "bleibst du für den Rest deines Lebens eine Frau."
"Wie habe ich dir am besten gefallen?" will er wissen.
"Ich selbst bin am liebsten eine Frau, das ist für mich überhaupt keine Frage. Auch wenn ich mich als Frau rätselhafterweise mehr zu Männern hingezogen fühle, finde ich Frauen im allgemeinen viel attraktiver und ästhetischer als Männer."
"Wollen wir es noch einmal als Frau und Frau miteinander versuchen?" schlägt Hermann vor.
"Ich glaube, diese Variante können wir uns ersparen. Als Frau-Weibchen bist du im Grunde nicht mehr als eine Karikatur, als Herr-Männchen warst du wesentlich überzeugender. Mehr du selbst. Herrlicher und männlicher."*Letztlich hat sich Hermann von mir überzeugen lassen und wandelt nun wieder so durch deutsche Lande, wie ihn der Herrgott oder Mutter Natur - je nachdem, welche Perspektive man oder frau bevorzugt - erschaffen hat. Einige Monate später habe ich von ihm eine Nachricht erhalten, in der er mir schildert, daß er es inzwischen auch ein paarmal mit Frauen ausprobiert hat. Wenn wir uns irgendwann wiedersehen, würde er gerne eine Nacht mit mir in dieser Konstellation verbringen, in unserer wahren Gestalt - wozu mein kurzer Aufenthalt auf der Erde uns keine Zeit mehr gelassen hat. Als er mir seine heterosexuellen Erlebnisse beschreibt, kommt er mir fast wie die deutschen Nudisten auf Arkadia vor, die sich gelegentlich aus ihrer Ferienanlage wagen und feststellen, daß die richtigen Arkadier trotz gewisser Unterschiede auch nur Menschen sind, um sich nach diesem Abenteuer wieder in sichere Gefilde zurückzuziehen.
Trotzdem wurde die FKK-Anlage auf Arkadia inzwischen wieder geschlossen, nachdem die Firma Licht- und Luft-Reisen Konkurs anmelden mußte. Die Besucherzahlen ließen sehr zu wünschen übrig, da die meisten Urlauber es bei einem einzigen Besuch bewenden ließen, während ein kleiner, aber immer noch besorgniserregend großer Anteil sich das Ticket für den Rückflug erstatten ließ, um ein neues, wirklich freieres Leben auf Arkadia zu beginnen.
Seitdem konnte ich bei diversen Besuchen auf meinem Heimatplaneten zu meiner Überraschung feststellen, daß es außer Hermann auch noch viele andere nette Deutsche gibt. Wer hätte das gedacht?

Copyright Bernhard Kempen 2000

 

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