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Greedy: Der Duft der Orangen

Bernhard Kempen 


Wenn Sie regelmäßig die interstellaren Nachrichten verfolgen, haben Sie vielleicht davon gehört, daß die Kayloner vor kurzem das Problem der drohenden Überbevölkerung ihres Planeten lösen konnten. Es
wird natürlich noch ein paar Jahre dauern, bis sich die Senkung der Geburtenrate allgemein bemerkbar macht, aber nach bisherigen Erfahrungen hat sich das neue Verhütungsmittel CS/O 66-0 als durchschlagender Erfolg erwiesen.

 

Illustration von Klaus Brandt

Vermutlich haben Sie sich gedacht, daß irgendwelche fleißigen Biologen nach jahrelanger Forschungsarbeit endlich den Durchbruch erzielt haben - falls Sie sich überhaupt etwas dabei gedacht haben. Aber wie so viele Dinge im Leben sieht die Wahrheit ganz anders aus. Diese Entdeckung haben die Kayloner nämlich nur dem Zufall zu verdanken, der sich beinahe zu einer Katastrophe entwickelt hätte. Ich weiß, wovon ich rede, denn ich, Greedy, war dabei.
Die Geschichte beginnt im Erdorbit, genauer gesagt im Abfertigungsbereich des Raumdocks, wo ich gerade mein Raumschiff, die Darling, mit neuer Fracht beladen hatte, die ich im Auftrag von Polonius Enterprises zur Kolonialwelt New Terra bringen sollte. Ich wartete nur noch auf die Abfluggenehmigung und sehnte mich schon danach, an Bord meines kleinen Frachters endlich den unbequemen Raumfahreroverall ausziehen zu können, ohne daß ich ständig von verklemmten Erdenmännern wie das neunte Weltwunder bestaunt wurde. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch - ich habe überhaupt nichts dagegen, wenn sich Männer für mich interessieren, im Gegenteil, aber ich mag es nicht, wenn sie zuerst große Augen machen und dann feige den Schwanz einziehen.
An dieser Stelle sollte ich vielleicht erwähnen, daß ich eine Arkadierin bin. Wie alle Menschen, die auf diesen Planeten ausgewandert oder wie ich dort geboren sind, fühle ich mich am wohlsten, wenn ich auf jede Art von Kleidung verzichten kann. Obwohl ich schon seit einigen Jahren im Weltraum unterwegs bin, fällt es mir immer noch schwer, mit der zwiespältigen Einstellung der Erdenmenschen zum Sex und anderen körperlichen Dingen zurechtzukommen. Ich spüre genau, daß vor allem die Männer beim Anblick meines kräftig gebauten und völlig haarlosen Körpers an fast nichts anderes mehr denken können, aber wenn ich sie darauf anspreche, reagieren sie sehr irritiert, als hätte ich sie bei einer Steuerhinterziehung oder einem ähnlich verwerflichen Tun ertappt.
Während ich also das Kommen und Gehen an Bord des Raumdocks beobachtete und zu erraten versuchte, was die Erdenmenschen unter ihrer abwechslungsreichen Kleidung verstecken, bemerkte ich, daß zwei Außerirdische zielstrebig in meine Richtung marschiert kamen. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich noch nie leibhaftig einem Kayloner begegnet. Aber da ich selbstverständlich die entsprechenden Holoprogramme kannte, gab es für mich keinen Zweifel, daß es sich um zwei Vertreter dieser Spezies handelte.
Wie Sie vielleicht wissen, sind die Kayloner aufgrund ihres äußerst gelenkigen Knochenbaus zu den tollsten Kunststückchen in der Lage. Aber diese beiden beschränkten sich darauf, die hinteren vier ihrer insgesamt sechs Gliedmaßen zum Laufen und die vorderen zwei zum Tragen verschiedener Gepäckstücke zu benutzen. Als sie dann direkt vor mir stehenblieben, hätte es mich fast aus den Socken gehauen - wenn ich jemals so etwas wie Socken tragen würde.
Natürlich hatte ich schon davon gehört, daß menschliche Nasen recht empfindlich auf die Nähe von Kaylonern reagieren können, aber es war etwas ganz anderes, tatsächlich mit dem muffigen Geruch ihres zottigen grauen Fells konfrontiert zu werden. Der Gestank erinnerte frappierend an nassen Hund oder feuchte Wolldecken, die wochenlang in einer dunklen Ecke vor sich hingegammelt hatten. Mir wurde schlagartig klar, warum sich die Kontakte zwischen unseren beiden Zivilisationen im allgemeinen auf das absolut notwendige Mindestmaß beschränkten.
"Mrs. Greedy?", sagte einer der beiden in tadellosem Oxford-Akzent. "Mein Name ist Late Storm, und das ist meine Partnerin Fair Breeze. Wir haben schon überall nach Ihnen gesucht."
Mist! Und ich hatte gehofft, die beiden wollten mich nur nach dem Weg fragen!
"Angenehm", erwiderte ich, nachdem ich mich dazu durchgerungen hatte, die Gepflogenheiten der interstellaren Höflichkeit zu achten. "Was kann ich für Sie tun?"
Ich hatte wirklich keine Ahnung, was die beiden von mir wollten, da die "Mimik" eines Kayloners für Menschen nur sehr schwer zu entschlüsseln ist. Man kann in ihrem Fall nicht einmal von einem richtigen "Kopf" sprechen, da man sich unter dieser Bezeichnung normalerweise ein kompaktes Etwas mit verschiedenen Ein- und Ausstülpungen vorstellt. Auf der "Schulter" eines Kayloners - in der sich übrigens auch die Mundöffnung befindet, die auschließlich zur Nahrungsaufnahme gedacht ist - sitzt ein Büschel aus verschiedenen Organen, die sich am besten mit einem bunt gemischten Blumenstrauß vergleichen lassen. Die drei Augenstiele waren ständig in Bewegung, während die ähnlich geformten, aber dickeren Tentakel offenbar die Infrarotfühler darstellten. Daneben gab es zwei Hörtrichter und drei bis vier Blasebälge mit horizontalen Lamellen, die zum Atmen und Sprechen dienten. Ich hatte gehört, daß sie damit nahezu jede irdische Sprache akzentfrei artikulieren können.
"Von der Passagiervermittlung haben wir erfahren, daß Sie in Kürze mit Ihrem Frachtraumschiff zur Kolonie New Terra aufbrechen werden", kam es aus den Sprechlamellen des Kayloners. "Da es von dort nur noch fünf Lichtjahre bis Kaylo sind, könnten Sie uns einen großen Gefallen erweisen, wenn Sie uns mitnehmen würden."
Sie können mir glauben, daß ich unter normalen Umständen die letzte wäre, die eine einmalige Gelegenheit ausschlagen würde, Aliens näher kennenzulernen. Aber der Reiz des Exotischen dürfte sehr schnell verfliegen, wenn man vier Wochen lang auf engstem Raum mit müffelnden und mißgelaunten Kaylonern zusammenleben muß. Die Geschichte der Kontakte zwischen Menschen und Kaylonern war eine einzige Abfolge von diplomatischen Mißverständnissen und Tritten ins Fettnäpfchen. Es herrschte zwar keine offene Feindschaft zwischen unseren Völkern, aber beide Seiten hatten im Laufe der Zeit stillschweigend akzeptiert, daß man am besten miteinander auskam, wenn man einen möglichst weiten Bogen umeinander machte.
"Meinen Sie nicht, daß Sie an Bord eines Passagierraumers wesentlich komfortabler reisen könnten?" entgegnete ich diplomatisch. "Meine Darling ist nicht gerade eine Luxusyacht, wissen Sie, und ich bin überhaupt nicht auf außerirdische Gäste eingerichtet."
"Wir sind bereit, gewisse Einschränkungen in Kauf zu nehmen", sagte der Kayloner namens Storm. "Wir haben es nämlich sehr eilig, und mit Ihrem Schiff hätten wir im Augenblick die schnellste Verbindung."
Das konnte ich mir durchaus vorstellen, da die Passagierschiffe unterwegs in mehreren Systemen Station machten und eine Reise von der Erde nach New Terra somit gute zwölf Wochen dauern konnte.
"Sie sind unsere einzige Hoffnung, Mrs. Greedy", sagte Fair Breeze, offensichtlich eine kaylonische Frau, die sich äußerlich jedoch überhaupt nicht von ihrem Partner unterschied. "Ich habe an der Universität von Kaylo ein wenig terranische Psychologie und Verhaltenskunde studiert. Wir werden uns alle Mühe geben, Ihnen keine Schwierigkeiten zu machen"
Aus Höflichkeit verzichtete ich natürlich auf einen Kommentar zum Ruf dieser "Universität". Doch allmählich konnte ich mich mit der Vorstellung anfreunden, die lange Reise sinnvoll zu nutzen und dieses merkwürdige Völkchen etwas näher kennenzulernen. Und schon jetzt begann ich, mich an ihren Körpergeruch zu gewöhnen. Außerdem schienen die beiden wirklich ganz verträglich zu sein. Und sie waren bestimmt bereit, ein nettes Sümmchen für die Passage springen zu lassen. Wenn ich den Frachttarif für meine Ladung hinzurechnete ...
"Moment mal!" sagte ich, als mir etwas einfiel, an das ich bislang noch gar nicht gedacht hatte. "Sie können auf gar keinen Fall in der Darling mitfliegen!"
Beide Kayloner drehten gleichzeitig ihre Augenstiele herum und blickten sich an.
"Diese Bemerkung überrascht mich ein wenig", sagte die Kaylonerin. "Der Mitarbeiter in der Passagiervermittlung sagte uns, daß er Sie recht gut kennt. Und er hat uns ausdrücklich versichert, daß Sie bestimmt keine Vorbehalte gegen Außerirdische hegen."
"Das ist auch nicht das Problem", erwiderte ich, während ich überlegte, wie ich mich wegen dieser kleinen Gemeinheit an Takeo rächen konnte. Natürlich wußte er, daß ich schon häufiger die unterschiedlichsten Gäste in der Darling mitgenommen hatte, aber daß er mir ausgerechnet Kayloner auf den Hals schickte, ohne mich vorher zu fragen, ging etwas zu weit.
"Der allerseits geschätzte Takeo Hashima hat es offensichtlich versäumt, einen Blick in meine Frachtpapiere zu werfen", erwiderte ich und versuchte, meine Erleichterung nicht zu offen zu zeigen, daß ich mich jetzt auf elegante und völlig saubere Weise aus der Affäre ziehen konnte. "Dann hätte er Sie nämlich darauf hinweisen müssen, daß ich ausgerechnet Orangen nach New Terra transportieren soll."
Es überraschte mich nicht, daß die beiden Kayloner daraufhin unübersehbar zusammenzuckten. Nicht umsonst besagt eine stehende Redewendung des Raumfahrtzeitalters, daß jemand genauso allergisch auf etwas reagiert wie ein Kayloner auf Orangen.
"Davon hat man uns wirklich nichts gesagt", entgegnete der männliche Kayloner mit sichtlicher Enttäuschung. "Das ist natürlich eine äußerst unangenehme Tatsache ... aber der Frachtraum ist doch sicherlich vom Wohnbereich Ihres Schiffes isoliert, oder?"
"Das schon ..." sagte ich. "Trotzdem wäre es ein ziemlich großes Risiko. Man wird mich für völlig übergeschnappt halten, wenn ich zwei Kayloner an Bord eines Orangenfrachters mitnehme! Wie soll ich das meiner Versicherung erklären, falls es doch zu Schwierigkeiten kommt?"
"Wenn Sie uns bitte für einen Augenblick entschuldigen würden ..." sagte der Kayloner, worauf die beiden sich angeregt in ihrer eigenen Sprache unterhielten, von der ich natürlich kein Wort verstand - falls darin überhaupt so etwas wie Wörter vorkamen.Ein Angestellter des Raumdocks kam zu mir und gab mir meine Kreditkarte zurück. "Wir haben jetzt alle Formalitäten abgewickelt", sagte er, während er sich kurz zu den Kaylonern umblickte und offensichtlich versuchte, nur durch den Mund zu atmen. "Sie können jetzt an Bord gehen und in fünfzehn Minuten abfliegen."
"Besten Dank", erwiderte ich und steckte die Karte in eine Tasche meines Overalls.
"Wir sind bereit, das Risiko einzugehen", sagte der Kayloner daraufhin. Oder war es die Kaylonerin? Ich hätte es nicht bemerkt, wenn die beiden während ihrer Unterredung die Seiten getauscht hätten. "Der Geruch dieser terranischen Frucht soll zwar äußerst unangenehm für uns sein, a
er es ist nicht bekannt, daß er sich schädlich auf unseren Organismus auswirkt."
"Sie können sich vielleicht vorstellen", sagte ich, "daß ich nur ungern mit einer Zeitbombe durchs All düse, die mir jederzeit unter dem Hintern explodieren kann ..."
"Wir werden die volle Verantwortung übernehmen", erwiderte der Kayloner. "Und für den Notfall haben wir ohnehin Atemmasken dabei, die wir an Bord Ihres Schiffes ständig in Griffweite halten werden."
Als er mir dann die Summe nannte, die er zu zahlen bereit war, kamen mir alle bisherigen Bedenken plötzlich äußerst unbedeutend vor. Ich sagte mir, daß ich Arkadia schließlich nicht verlassen hatte, um ein ruhiges und sicheres Leben zu führen. Außerdem konnte ich jetzt davon ausgehen, daß dieser Flug bestimmt nicht langweilig werden würde. Aber etwas mulmig war mir schon zumute, wenn ich ehrlich bin ...*Zu meiner Erleichterung erwiesen sich Late Storm und Fair Breeze als recht angenehme Passagiere. Übrigens sind ihre Namen stark vereinfachte Übersetzungen aus dem Kaylonischen, die sehr detailliert die klimatischen Bedingungen zum Zeitpunkt ihrer Geburt beschreiben. Die beiden waren äußerst anpassungsfähig und rücksichtsvoll und nahmen nicht den geringsten Anstoß daran, daß ich mich splitternackt in der Schwerelosigkeit des Überlichtfluges aalte. Wahrscheinlich war mein völlig unbehaarter Körper für sie genauso unerotisch wie ihr zottiger Pelz für mich. Sie baten nur darum, daß ich ihre gemeinsame Kabine als Privatsphäre respektierte, was mir keinerlei Schwierigkeiten bereitete. Es hätte mich schon interessiert, was das Pärchen hinter der verschlossenen Tür trieb, aber ich erhielt den deutlichen Eindruck, daß es ihnen überhaupt nicht gefallen hätte, dabei gestört zu werden.
Ansonsten waren die beiden sehr gebildete Personen, und wir verbrachten viele Stunden damit, uns gegenseitig mit den Eigenarten von Kaylonern und Menschen beziehungsweise Arkadiern vertraut zu machen. Natürlich legte ich großen Wert darauf, mich von gewöhnlichen Erdenmenschen zu distanzieren. Schließlich wollte ich nicht für künftige Mißverständnisse verantwortlich sein, wenn die Kayloner von mir auf die Bewohner des Planeten Erde schlossen.
Storm und Breeze hatten sich in den vergangenen Wochen mit verschiedenen irdischen Fachleuten getroffen, um über soziologische Modelle zu diskutieren, mit denen die Kayloner möglicherweise ihre vielen Probleme in den Griff bekommen konnten. Wie Sie vielleicht wissen, hat dieses merkwürdige Völkchen in den letzten Jahrzehnten eine sehr wechselhafte Geschichte durchlebt. Zum Zeitpunkt ihrer Entdeckung vor knapp einhundert Jahren streiften nur wenige von ihnen als steinzeitliche Jäger und Sammler durch die Eissteppen von Kaylo. Das irdische Erkundungsraumschiff hätte den unscheinbaren, trostlosen Planeten damals beinahe übersehen. Als man beschloß, die Kayloner an den Segnungen der Zivilisation teilhaben zu lassen, fiel ihnen nichts Besseres ein, als ihre neugewonnenen Kenntnisse zur Herstellung möglichst gemeiner und tödlicher Waffen zu verwenden, mit denen sie sich beinahe an den Rand der Ausrottung brachten.
Dieser Krieg tobte fast ein ganzes Jahrzehnt, bis es den terranischen Diplomaten gelang, die Kayloner zur Vernunft zu bringen. Seitdem setzen sie ihre Waffen gegen die aggressive Tierwelt von Kaylo ein, bauen feste Häuser statt Festungen und treiben Handel statt Krieg. Doch schon bald schlug das Pendel zur anderen Seite aus. Denn zum Ausgleich für die rauhen und unerbittlichen Lebensbedingungen ihres Heimatplaneten wurden die Kayloner von der Natur mit einer phänomenalen Fruchtbarkeit ausgestattet. Bereits nach dreißig Jahren hatte die Bevölkerung wieder ihren früheren Stand erreicht. Und weitere dreißig Jahre später hatten die Kayloner ein neues Problem, nämlich zu viele Kayloner.
Unter der Last des schlechten Gewissens versuchte die irdische Regierung mehrfach, dem Planeten großzügige Hilfsprogramme aufzudrängen, die entweder bereits im Ansatz scheiterten oder von den Kaylonern als unrealistisch abgelehnt wurden. Mir wurde allmählich klar, daß es noch lange dauern würde, bis ihre Gesellschaft den Sprung von der Steinzeit ins Raumfahrtzeitalter vollzogen hatte.
Irgendwann kam natürlich auch die Geschichte zur Sprache, wie vor etwa siebzig Jahren die kaylonische Botschafterin bei ihrem ersten Besuch auf der Erde einen Tobsuchtsanfall erlitt, als man ihr neben anderen irdischen Speisen und Getränken auch ein Glas Orangensaft vorsetzte. Die späteren Äußerungen der Botschafterin liefen darauf hinaus, daß es sich für kaylonische Riechorgane um einen absolut widerwärtigen Gestank handeln mußte. Genaueres war nicht bekannt, und auch meine beiden Gäste hatten natürlich keine Ahnung, wie Orangen für sie rochen, da sie selbstredend niemals damit in Berührung gekommen waren.
Die Tatsache, daß sich nur wenige Dutzend Meter hinter dem kugelförmigen Wohnbereich der Darling tonnenweise frische Orangen für die ausgehungerten Siedler von New Terra stapelten, verursachte den beiden bestimmt das kaylonische Äquivalent einer Gänsehaut, aber sie waren durchaus dazu in der Lage, diese unheimliche Vorstellung mit kleinen Scherzen zu überspielen.
Eines Abends - natürlich halte ich an Bord der Darling einen gewohnten arkadischen Tag- und Nachtrhythmus ein, dem sich meine Gäste mühelos anpaßten - eines Abends also hatte ich routinemäßig die Kontrollzentrale aufgesucht, um mich persönlich davon zu überzeugen, daß in technischer Hinsicht alles seinen gewohnten Gang ging. Ich hatte wieder einmal eine angeregte Diskussion mit Darling - so nenne ich auch den Bordcomputer und die "Seele" meines Schiffes - weil sie mir zu diesen Anlässen regelmäßig vorwirft, ich würde ihren Fähigkeiten nicht genügend Vertrauen entgegenbringen. Ich arbeite im allgemeinen viel lieber mit organischen Computern als mit reinen Blechkisten, aber die Vorteile werden manchmal dadurch aufgewogen, daß der Umgang mit ihnen wesentlich mehr Geduld und Einfühlungsvermögen erfordert.
Nachdem die unvermeidlichen Diskussionen ausgestanden und meine Checks abgeschlossen waren, machte ich mich auf den Weg zu meiner Kabine, um noch etwas zu lesen und dann zu schlafen. Als ich durch den Hauptkorridor des Wohnbereichs schwebte und dabei auch an der Kabine der beiden Kayloner vorbeikam, hätte ich mir plötzlich vor Schreck beinahe in die Hose gemacht - wenn ich eine Hose getragen hätte.
Denn durch die nicht ganz luftdicht verschlossenen Ritzen der Kabinentür drang eine intensive Duftmischung hervor. Der Geruch nach kaylonischem Zottelfell, den ich normalerweise kaum noch wahrnahm, war beißend wie pures Ammoniak geworden, doch wesentlich beunruhigender war die zweite Note - denn es handelte sich unverkennbar um den Duft von frischen Orangen! Gleichzeitig hörte ich undefinierbare Geräusche aus der Kabine - ein abgehacktes Zischen und dumpfe Stöße.
Meine Panik wuchs ins Unermeßliche. Hätte ich mich nur nicht breitschlagen lassen, Kayloner in meinem Schiff mitzunehmen! Kayloner und Orangen - das konnte einfach nicht gutgehen! Ich hatte keine Ahnung, wie es hatte passieren können, aber jetzt war es passiert! Die Katastrophe war eingetreten - und das Schlimmste war, daß ich sie geradezu herausgefordert hatte!
In diesen Sekundenbruchteilen gingen mir die schrecklichsten Vorstellungen durch den Kopf, während ich hektisch in der Schwerelosigkeit herumstrampelte, um meinen Flug durch den Korridor zu stoppen. Endlich hatte ich es geschafft, die Kabinentür zu erreichen, und hämmerte verzweifelt auf den Öffnungskopf an der Wand.
"Gib die Sperre frei, Darling!" schrie ich verzweifelt. "Das ist ein Notfall, verdammt nochmal!"
Darling mußte sofort begriffen haben, daß ich es ernst meinte, den sie verzichtete sogar auf ihren obligatorischen Kommentar, als sie die Tür entriegelte.
Ich zog mich am Türrahmen in die Gästekabine und war zumindest wieder soweit bei Verstand, mir zunächst einen Überblick zu verschaffen, bevor ich etwas Unbedachtes unternahm.
Im Gegensatz zu meiner ersten hektischen Reaktion schien der nun folgende Augenblick eine halbe Ewigkeit zu dauern. Ich brauchte wirklich sehr lange, bis ich begriff, was hier vor sich ging. Wenn ich daran zurückdenke, weiß ich immer noch nicht, ob ich mich darüber kaputtlachen soll oder ob mir die Schamesröte ins Gesicht steigen müßte - auch wenn meine Freunde von der Erde behaupten, ich wäre zu einer solchen Reaktion überhaupt nicht fähig.
Was ich in der Kabine der Kayloner vorfand, war zunächst einmal - keine einzige Orange. Storm und Breeze hatten sich nicht heimlich Zugang zu den Frachträumen verschafft, sie waren nicht von einer perversen Neugier auf den geheimnisumwitterten Orangengeruch getrieben worden und wider besseres Wissen in ihr Verderben gerannt. Und es hatte sich auch keine einzige Orange auf anderen unerfindlichen Wegen in die Kabine der Kayloner verirrt, um hier Chaos und Verwirrung zu stiften. Was ich vorfand, waren einige halb ausgepackte Gepäckstücke und die zwei Kayloner - mehr nicht.
Aber diese zwei Kayloner befanden sich tatsächlich in äußerst aufgeregter Stimmung - oder in erregter Stimmung, wie ich wohl besser sagen sollte. Sie umklammerten sich mit ihren sechs Gliedmaßen, ihre Atemlamellen gaben zischende Geräusche von sich, und sie schienen alles um sich herum vergessen zu haben. Wenn ich in diesem Augenblick nicht einen leisen, aber deutlich hörbaren Schrei der Überraschung ausgestoßen hätte, wäre es vermutlich dabei geblieben. Aber so ruckten die Augenstiele der beiden plötzlich zu mir herum, und jetzt waren sie es, die ein entsetztes Geschrei ausstießen.Nun gab es nichts mehr zu beschönigen oder unter den Teppich zu kehren: Ich hatte die beiden beim Sex überrascht. Sie strampelten und versuchten sich voneinander zu lösen, was in der Schwerelosigkeit nicht so einfach war. Aber ich sah deutlich, wie der Kayloner einen orangefarbenen Rüssel aus einem ähnlichen, aber kürzeren und dickeren Organ seiner Partnerin zog, worauf diese beiden Gebilde zusehends schrumpften und wieder unter dem Pelz des Oberkörpers verschwanden, wo sie normalerweise ihr verborgenes Dasein führten. Zumindest ging ich in diesem Augenblick davon aus, daß das Verhältnis zwischen Männlein und Weiblein bei den Kaylonern genauso wie bei den meisten Völkern des bekannten Weltraums geregelt war - was sich im übrigen späte
bestätigte.
Ein Punkt, der mich immer noch maßlos irritierte, war der intensive Geruch nach Orangen, der die Kabine erfüllte.
"Was erlauben Sie sich!" brüllte der Kayloner, bevor ich weiter darüber nachdenken konnte. "Verlassen Sie sofort unsere Kabine!"
"Entschuldigen Sie, aber ..." Mehr fiel mir im Augenblick nicht ein, da ich wirklich keine Ahnung hatte, was ich dazu sagen sollte.
"Wir hatten Sie ausdrücklich darum gebeten, unsere Privatsphäre zu respektieren!" sagte die Kaylonerin pikiert.
Sie werden es vielleicht nicht glauben, aber mir fehlten immer noch die Worte.
"Das wird Folgen haben!" drohte der Kayloner. "Ich werde ..."
"Einen Augenblick, bitte", sagte seine Partnerin. "Wir sollten keine voreiligen Schlüsse ziehen. Vielleicht hat Mrs. Greedy eine Erklärung für ihr Verhalten."
Diese Äußerung war ein deutliches Indiz, daß auch bei den Kaylonern die Frauen wesentlich vernunftbegabter als die Männer sind.
"Eigentlich dachte ich, daß Sie mir eine Erklärung geben könnten", erwiderte ich.
"Wie darf ich das verstehen?" fragte der Kayloner.
"Sie scheinen wirklich keine Ahnung zu haben", sagte ich, während mir allmählich die Zusammenhänge klar wurden - vor allem, nachdem der Orangenduft in der Kabine allmählich schwächer geworden war.
"Wir werden die Sache jetzt ein für allemal klären", sagte ich entschieden. "Sobald ich zurück bin. Es wird nur ein paar Minuten dauern."
"Was haben Sie vor?" fragte die Kaylonerin irritiert.
"Warten Sie’s einfach ab!"*Schließlich kehrte ich mit einem kleinen Behälter in der Hand durch die mehrfach gesicherten Schleusen aus dem Frachtraum der Darling zurück. Die Tür zur Kabine der Kayloner stand immer noch offen, und die beiden diskutierten aufgeregt in ihrer Sprache, als ich vorsichtshaber an den offenen Türrahmen klopfte und anfragte, ob ich noch einmal ihre Privatsphäre verletzen dürfte.
"Ja, sicher", sagte die Kaylonerin. "Mrs. Greedy, wir sind uns bewußt, daß es in der Vergangenheit immer wieder zu unangenehmen Mißverständnissen zwischen unseren Völkern gekommen ist. Trotzdem müssen wir darauf bestehen, daß Sie uns den Grund für ihr Verhalten nennen, das wir als äußerst ... impertinent empfinden, wie Sie vielleicht verstehen können."
"Ich habe durchaus Verständnis für Ihre Reaktion, aber wie ich Ihnen angekündigt habe, dürfte sich das Mißverständnis in Kürze aufklären", erwiderte ich und ließ den Behälter, den ich mitgebracht hatte, zwischen uns dreien in der Schwerelosigkeiten hängen.
"Was ist das?" wollte Storm wissen.
Ich atmete einmal tief durch. "Das ist ein luftdicht versiegelter Kleincontainer", erklärte ich, "in dem sich eine Orange befindet."
"Wie bitte?" rief Breeze entsetzt. "Was hat das zu bedeuten?"
"Ich weiß, daß ich ein gewisses Risiko eingehe. Ich habe keine Ahnung, was geschehen wird, wenn ich diesen Behälter öffne. Aber ich möchte es trotzdem tun."
"Was versprechen Sie sich davon?" fragte Breeze.
"Es hat wenig Sinn, wenn ich es Ihnen mit Worten erkläre", sagte ich, "deshalb möchte ich es einfach darauf ankommen lassen. Sind Sie bereit?"
Die beiden wirkten unsicher und besprachen sich kurz. Schließlich wandten sie sich wieder mir zu. "Wir vertrauen darauf, daß Sie sicherlich nicht wissentlich unvernünftig handeln würden. Und wir gehen davon aus, daß uns dieses pflanzliche Produkt von der Erde zumindest keine unmittelbaren körperlichen Schäden verursacht."
"Das hoffe ich auch", sagte ich und meinte es wirklich so.
Dann griff ich wieder nach dem Container, der inzwischen ein wenig zur Seite gedriftet war, und legte meinen Daumen auf den Öffnungsmechanismus. Ich zählte stumm bis zehn, um die Spannung ein wenig zu steigern, und drückte dann auf den Knopf.
Mit einem leisen Plopp sprang der Verschluß des Containers auf. Ich zog ihn vorsichtig weg, so daß nun das frische, saftige Prachtexemplar einer terranischen Orange zwischen uns im Raum schwebte.
Storm und Breeze hatten instinktiv ihre Riechlamellen verschlossen, bevor ich den Druckknopf betätigt hatte. Nun bildeten sich winzige Schlitze in den Lamellen, die sich kaum merklich erweiterten, während ich gespannt auf die Reaktion der beiden wartete.
Zunächst einmal wäre festzuhalten, daß sie sehr unterschiedlich reagierten. - Inzwischen hatte ich einiges über kaylonische Gestik und Mimik gelernt, so daß ich die Bewegungen ihrer Kopforgane recht gut deuten konnte.
Wenn ich es in menschliche Mimik übersetzen soll, würde ich sagen, daß Breeze zunächst die Stirn runzelte. Dann riß sie fassungslos die Augen auf, während sich ihr Mund vor Ekel und Widerwillen verzog.
Storms Reaktionen waren nicht so einfach zu deuten, aber ich kann mit ziemlicher Gewißheit behaupten, daß nach der anfänglichen Verwirrung ein verzückter Ausdruck in seine Augen trat, bis ein geradezu seliges Lächeln seine imaginären Lippen umspielte.
Während Breeze langsam von uns wegtrieb, griff Storm plötzlich nach der Orange - geradezu gierig, wie ich hinzufügen möchte. Er hielt sie vor seine Riechlamellen und sog genießerisch ihren Duft ein.
"Late Storm!" schrie Fair Breeze entsetzt, worauf er einen Augenstiel zu ihr herumdrehte und mit dem anderen die Orange aus größerer Entfernung betrachtete. Der erste Augenstiel wandte sich abwechselnd der Frucht und seiner Partnerin zu, bis er sich wieder ganz auf das begehrenswerte Objekt in seinen Händen konzentrierte.
Dann schrie Breeze vor Entsetzen auf, als Storm plötzlich mit einem heftigen Ruck die Frucht auseinanderriß. Die Safttropfen trieben in alle Richtungen davon, während er sich je eine Hälfte der Orange an die Riechlamellen drückte.
Gleichzeitig konnte ich beobachten, wie sich das Fell an der bewußten Stelle auf seinem Oberkörper teilte und sein Rüssel erneut zum Vorschein kam.
"Storm, nein ...!" protestierte seine Partnerin, doch der Kayloner ließ sich davon nicht im geringsten beeindrucken. Seine Lamellen zogen sich zusammen, bis sein Atem mit zischenden Geräuschen hindurchging, während sein Rüssel krampfhaft zuckte.
Ich konnte nicht anders, ich starrte nur noch wie gebannt auf das Organ. Keine zehn Raumkreuzer hätten mich von diesem faszinierenden biologischen Vorgang weggebracht.
Dann schrien Fair Breeze und ich gleichzeitig auf, als der zuckende Rüssel plötzlich eine zähflüssige, gelbliche Masse abfeuerte - der ich im letzten Moment mit einem geschickten Salto ausweichen konnte, so daß die Suppe klatschend an der Wand landete.
Late Storm kam allmählich wieder zu Bewußtsein und blickte sich verwirrt um - zuerst auf die davontreibenden Orangenhälften, dann auf Fair Breeze und schließlich auf mich.
"Jetzt verstehe ich ..." sagte er leise.
"Ich auch", sagte ich.
Fair Breeze sagte nichts.*Zunächst einmal stand fest, daß wir einem unglaublichen Zufall der interstellaren Evolutionsgeschichte auf die Spur gekommen waren. Anders läßt es nicht erklären, daß der typische Geruch einer speziellen Frucht vom Planeten Erde chemisch nahezu identisch mit dem weiblichen Sexualduft einer intelligenten Spezies vom Planeten Kaylo ist. Nachdem sie ihren anfänglichen Schock überwunden hatten, waren Fair Breeze und Late Storm nun genauso an einer detaillierteren Klärung der Zusammenhänge interessiert wie ich. Aber es fiel ihnen sichtlich schwer, sozusagen ohne Blatt vor den Lamellen zu sprechen.
Im Gegensatz zu Menschen reagieren die Kayloner in sexueller Hinsicht überhaupt nicht auf optische Reize - was offenbar damit zusammenhängt, daß sich die beiden Geschlechter äußerlich fast gar nicht voneinander unterscheiden. Wenn sich ihre Sexualorgane in Ruhestellung befinden, ist dem Brustfell nicht anzusehen, ob sich Männlein oder Weiblein darunter verbirgt. Die Kayloner jedoch wittern sofort, wen sie vor sich haben. Die Männer müffeln ständig vor sich hin, um ähnlich wie ihre Kollegen von der Erde zu signalisieren, daß sie zum Zeugungsakt bereit sind. Die Frauen hingegen haben nur dann Lust auf Männer, wenn sie im Abstand von etwa zwei Monaten ihren Eisprung bekommen. Und genau dann sondern sie ihren Orangenduft ab.
Wenn ein Kayloner eine empfängnisbereite Kaylonerin wittert, verliert er den Verstand. Er kann nicht anders, er muß sie unverzüglich beglücken. Wenn mehrere Männer in der Nähe sind, kommt es natürlich zu gewissen Rangeleien, aber irgendeiner setzt sich schließlich durch. Der Frau ist es im Grunde ziemlich egal, von wem sie besprungen wird. Hauptsache, der Kerl müffelt gut und bringt sie damit in Stimmung. Und wenn die beiden bei der Sache sind, kann sie nichts oder höchstens ein schwerer Schock von ihrem Tun abbringen - zum Beispiel wenn ich unverhofft auf der Bildfläche erscheine.
Und genau das ist das große Problem der Kayloner. Menschen sind grundsätzlich in der Lage, ihre Triebe zu beherrschen, auch wenn es ihnen manchmal schwer fällt. Kayloner können das nicht. Sobald die verlockenden Düfte ihre Wirkung entfalten, gibt es kein Zurück mehr. Und deshalb verpufft jeder Appell zur Geburtenkontrolle ohne die geringste Wirkung.
Zwischen Zeugung und Geburt vergehen bei den Kaylonern im Schnitt elf Monate. Aber die Natur hat durch einen weiteren Trick dafür gesorgt, daß diese Zeitspanne keineswegs ungenutzt verstreicht. Denn die Kaylonerinnen sind nicht nur ständig, sondern auch mehrfach schwanger. In ihrem Fortpflanzungtrakt befinden sich stets mehrere Embryonen in unterschiedlichen Entwicklungsstadien. Dieser Trakt beginnt im Brustbereich, wo die Befruchtung stattfindet, dann wandern die künftigen Kayloner immer weiter nach hinten, wo sie schließlich das Licht ihrer Welt erblicken. Das bedeutet, daß eine Kaylonerin pro Erdenjahr mühelos ein halbes Dutzend Kinder bekommen kann.
Glauben Sie mir bitte, was ich Ihnen hier so beiläufig erzähle, habe ich den beiden Kaylonern in langer und mühsamer Arbeit aus den Sprechlamellen gezogen. Ihre Bereitschaft zu sexuellen Aktivitäten steht im umgekehrten Verhältnis zu ihrer Bereitschaft, darüber zu reden. Ich bin überzeugt, daß sämtliche terranischen Xenobiologen mir die Füße oder sonstwas geküßt hätten, um dabeisein zu dürfen.
Der neue Ansatz zur Lösung all dieser Probleme entwickelte sich erst im weiteren Verlauf unserer Gespräche. Ich glaube, Late Storm war der erste, der die Möglichkeiten erkannte, die in der Orange stecken. Fair Breeze war zunächst entsetzt, aber schließlich mußte sie widerstrebend einsehen, daß eine sinnvolle Bevölkerungskontrolle wichtiger als Prüderie ist.
Dazu sollte man sich einmal in allen Konsequenzen veranschaulichen, daß eine Orange für kaylonische Männer so etwas wie heftigste Pornographie darstellt. Ihr Geruch entspricht einer unmißverständlichen Aufforderung zum Sex. Und wie wir gemeinsam erlebt hatten, können sie dieser Verlockung einfach nicht widerstehen. Late Storm machte sogar einige Andeutungen, nach denen es mit einer Orange viel geiler als mit einer Kaylonerin ist. Aus diesem Grund hatte die kaylonische Botschafterin vor siebzig Jahren so entsetzt auf den Fruchtsaft reagiert. Wäre dieser Posten zu jener Zeit von einem männlichen Kayloner besetzt gewesen, hätte sich die Geschichte eines ganzen Planeten möglicherweise völlig anders entwickelt.
Wie im Fall meiner beiden Passagiere kommt es durchaus vor, daß sich unter Kaylonern partnerschaftliche Beziehungen entwickeln. Doch das menschliche Konzept der ehelichen Treue spielt darin aus naheliegenden Gründen nur eine untergeordnete Rolle. Fair Breeze mußte und konnte damit leben, daß ihr Partner eine andere Kaylonerin begattete, sobald sich die Gelegenheit dazu ergab. Schließlich konnte auch sie nicht vermeiden, daß etwa die Hälfte ihrer Nachkommenschaft von anderen Männern gezeugt wurde. Viel größere Schwierigkeiten bereitete ihr hingegen die Tatsache, daß eine schlichte Orange für ihren Partner wesentlich verlockender als ihr eigenes Aroma war.

 

Illustration von Klaus Brandt

Aber schließlich sah sie ein, daß sich die kaylonische Geburtenrate drastisch senken ließ, wenn die Männer gelegentlich an Orangen schnupperten. Der entscheidende Punkt dabei ist nämlich der, daß sie etwa eine Woche zum Nachladen brauchen. Das würde zwangsläufig dazu führen, daß nicht mehr jedes empfängnisbereite Weibchen begattet wurde.
Als wir New Terra erreichten, setzte ich mich sofort mit Marco Evans in Verbindung, um einen neuen Deal mit Polonius abzuschließen, der für alle Beteiligten äußerst profitabel war. In den Nachrichten hieß es, daß die erwartete Orangenlieferung leider unterwegs verdorben sei, während kurz darauf der durchschlagende Erfolg des neuen Verhütungsmittels CS/O 66-0 auf Kaylo bekanntgegeben wurde. Mit Citrus sinensis oder Orangen null Sex. Diese Verschlüsselung war übrigens Marcos Idee.
Natürlich freut es mich, daß ich mithelfen konnte, einen Planeten vor der Überbevölkerung zu retten. Aber daß ich mir nun einige dringend benötigte Ersatzteile für meine Darling und zwei Wochen Urlaub auf New Terra leisten konnte, war auch nicht zu verachten. Ich fürchte nur, daß sich inzwischen auch unter der dortigen Männerwelt herumgesprochen hat, was es bedeutet, wenn eine Arkadierin auf den Namen Greedy getauft wird. Aber diese Geschichte erzähle ich Ihnen vielleicht ein andermal.
Trotzdem hätte ich es mir niemals träumen lassen, daß ausgerechnet ich die Kayloner darin hindern würde, meiner Lieblingsbeschäftigung nachzugehen.

Copyright Bernhard Kempen 1998

 

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