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For the very first time

Nicolas DeChambre 


EINE GESCHICHTE AUS DER WIRKLICHKEIT, NAHE AN DER WAHRHEIT

Wann weiß man, dass man jemanden liebt?
Was muss geschehen, damit der Verstand erkennt, was das Herz längst weiß?
Und wie dann damit umgehen? Besonders, wenn es die beste Freundin ist, in die man sich verliebt hat.
Diese Gedanken gingen Sascha durch den Kopf, als er jetzt neben Lisa lag und sie betrachtete. Er hatte schon öfter neben ihr geschlafen, sie in verschiednen Schlafaufmachungen gesehen, wobei auch einige neckische Dinge darunter waren, keine Frage. Aber nie war ihm ernsthaft der Gedanke gekommen, dass...
Verdrängung, dachte er jetzt bei sich. Was nicht sein darf, kann auch nicht sein. So einfach war das.
Wie immer war er bei Lisa aufgetaucht und direkt zum Arbeiten verdonnert worden. Er war es gewöhnt und tat es gerne. Dabei musste er darauf achten, auch Lisas Anforderungen genauestens zu erfüllen, denn sie hatte ganz spezielle Vorstellungen, die keine Kompromisse duldeten, schließlich stand sie vor einer wichtigen Prüfung und da musste alles perfekt sein.
Er und Lisa kannten sich schon recht lange, hatten beide gemeinsam die Ausbildung zu Erzieher begonnen und waren über die Zeit recht eng aneinander gewachsen. Sie telefonierten fast täglich und gerade Sascha war in so ziemlich alle Aktivitäten von Lisa eingebunden. Sie waren wahrlich unzertrennlich.
Dabei war dies vom Anfang an gar nicht mal so klar, da sie sich erst an andere Gruppen banden. Aber mit der Zeit, keiner konnte mehr sagen wann und wie, bildeten sie eine Arbeitsgemeinschaft, die schließlich zu einer Freundschaft wurde, sehr eng sogar.
Lisa schien immer die Probleme anzuziehen. Das war schon in ihren Kindertagen so, denn diese waren im Gegensatz zu denen von Sascha nicht sehr schön. Trotzdem war sie mit der Zeit zu einer sehr schönen jungen Frau herangewachsen, die mit ihren langen roten Haaren und blauen Augen, sowie der kurvenreichen Figur ein wahrer Blickfang war. Da sie es zudem liebte, ihren Körper gekonnt zu verpacken, war ihr so manche männliche Aufmerksamkeit sicher. Nur waren es immer irgendwie die falschen Männer, und trotz besseren Wissens hielt sie sich nicht von ihnen fern. Das führte häufig zu Verletzungen und Zurückweisungen.
Warum sie irgendwann Sascha davon erzählte, wusste er eigentlich nicht wirklich. Er konnte sich nicht daran erinnern, irgendetwas herausragendes getan zu haben, was diese Offenheit ihm gegenüber rechtfertigte. Und doch schien er seine Sache richtig zu machen, denn sie wendete sich immer wieder an ihn. Und so wurde er zu ihrem Vertrauten, auch wenn er nicht dem Klischee Mann entsprach, mit dem Lisa sich sonst abgab: er war nicht athletisch, hatte das Gegenteil von schwarzen Haaren, trug eine Brille und wusste sich auch nicht richtig zu kleiden. Vielmehr hatte er die Tendenz, in Lisas Augen immer wieder modetechnisch zu versagen. Ihrer Meinung nach machten Kleider eben Leute. Dass die Typen, mit denen sie sich abgab, sich unbestritten kleiden konnten, dafür sich aber immer als menschliche Versager entpuppten, störte sie dabei wenig.
Aber das war auch egal, kam es doch darauf bei ihrer Beziehung nicht an.
Jedenfalls nicht bis heute.
Schon oft Sascha miterlebt, wie sich Lisa für einen Typen herausputzte. Er wusste, wie viele Anstrengungen sie in ihr Äußeres investierte, doch bisher hatte er nie darüber nachgedacht. Jetzt, wo er so neben ihr lag, wünschte er sich, dass sie sich mal für ihn so rausputzen würde, nur ihm zu gefallen.
Er war wieder über Nacht geblieben, was hieß, dass er neben ihr in ihrem Bett schlafen würde. Wie gesagt, war das nichts ungewöhnliches. Doch dieses Mal war etwas anders.
Als sie aus dem Bad trat und ein altes, sehr kindlich anmutendes Nachthemd trug, auf denen sich Elefanten tummelten, war es wie ein Schlag ins Gesicht, der ihm die Augen öffnete. Sie hatte ihr Make-up abgewischt und stand dort vor ihm in ihrer natürlichen Schönheit und lächelte ihn an. Und er konnte nur dastehen und ansehen.
Zu seinem Glück merkte sie nichts von seinem Erstraunen, noch weniger von seinem Gedanken, der ihn durch den Kopf ging: er wollte unbedingt mit ihr schlafen!
Ihm war das schon fast peinlich, kam es ihn doch etwas primitiv vor. Aber es war eine ganz natürliche Reaktion. Und bei Sascha kam noch ein Aspekt hinzu: er schlief nie mit einer Frau, die er nicht liebte! Als sich also der Gedanke, mit Lisa schlafen zu wollen, in seinem Hirn manifestierte, war ihm im nächsten Moment klar, was dies bedeutete: er liebte Lisa!
"Scheiße", stieß er unwillkürlich aus und Lisa blickte ihn fragend an.
"Was?"
Sascha riss sich zusammen. Bloß nichts anmerken lassen.
"Oh, nichts. War nur..." Er winkte ab. "War nichts."
Lisa sah an sich runter.
"Nun, das Ding ist wirklich alt. Aber du machst dir ja nichts aus Klamotten", lächelte sie süffisant und ging dann ins Bett.
Sascha sah ihr nach. Auch er sollte ihr ins Bett folgen, so wie immer, doch jetzt kam ihn der Gedanke merkwürdig fremd vor. Sich neben sie zu legen, neben ihren wunderbaren, berauschenden Körper...
Er nahm seine Sachen auf und ging ins Bad. Dort blickte er erst einmal in den Spiegel und wiederholte, was er eben schon sagte: "Scheiße!". Nur leiser.
Langsam, aber nicht zu langsam, zog er sich um, putzte sich die Zähne, wobei er sein Spiegelbild nicht aus den Augen ließ. Tausend Gedanken rasten ihm durch den Kopf, ohne dass er einen hätte greifen können. Er wusste nur, dass er gleich zu Lisa müsste, sich neben sie legen würde und doch nichts lieber täte, als sich mit ihr in Leidenschaft zu vereinen.
Aber das würde nicht passieren. Er war nur ein Freund. Nur ein Freund. Und doch wusste er, dass er sie wohl schon seit langem geliebt hatte, aber es sich, wie so vieles, nicht eingestehen wollte.
Was wollte sie auch mit ihm? Sie stand ganz klar auf andere Typen, wobei er sich fragte, was an diesen mitunter arroganten Egomanen so tolles sein sollte. Aber das war jetzt auch nicht so wichtig. Wichtig war nur, dass er diesem Bild nicht entsprach, und sein Herz wurde bei diesem Gedanken schwer.
Wie er sich so im Spiegel betrachtete, kam er sich richtig widerlich und abstoßend vor, obwohl er vorher nie ein größeres Problem mit seinem Aussehen gehabt hatte. Vielleicht lag es daran, dass er durch seinen Beruf viel mit Kindern zu tun hatte, und die urteilten nicht in der Kategorie, was jemand trägt, sondern wie jemand ist. Und in dieser Kategorie hatte er Weißgott mehr zu bieten als so manch anderer. Aber das zählte jetzt hier nicht. Es zählte nur, dass er den gewünschten äußerlichen Vorgaben nicht entsprach.
Traurig ging er ins Schlafzimmer und war froh, dass es dort so dunkel war, dass Lisa einen niedergeschlagenen Gesichtsausdruck nicht sehen konnte.
Vorsichtig kletterte er über sie rüber, um auf seine zugewiesene Seite des Bettes zu kommen. Dabei zögerte er nur für den Bruchteil eines Augenblicks, um ihren Duft einzuatmen. Sie roch wundervoll und in Saschas Herz stieg die Sehnsucht auf, sie zu küssen, seine Lippen auf die ihren zu pressen und mit den Zungen einen wundersamen Tanz der Leidenschaft aufzuführen. Doch stattdessen rollte er sich zur Seite, zog seine Decke über den Körper und tat nichts.
"Was hast du?" fragte Lisa, ohne sich zu ihm umzudrehen.
Hatte sie doch etwas bemerkt?
Sicher, er war ruhiger als sonst. Was sollte er auch sagen? Tut mir Leid, aber ich habe gerade festgestellt, dass ich dich schon seit einer Weile liebe? Wohl kaum.
Stattdessen meinte er nur: "Nichts."
"Na gut."
Damit schien für Lisa das Thema beendet und sie kuschelte sich wieder in ihr Kissen.
Sascha blickte sie lange an. Mit der Zeit gewöhnten sich seine Augen an die Dunkelheit und er konnte deutlich ihre Konturen erkennen.
Mit jedem Augenblick stieg in ihm mehr die Sehnsucht auf, sie zu berühren, es war ein unglaublich starkes Verlangen, das keinen Aufschub duldete. Und doch tat er nichts. Er konnte nicht.
Plötzlich drehte sich Lisa zu ihm um, rückte ganz nah an ihn heran, legte ihr Kissen auf seine Brust, bevor sie sich an ihn kuschelte.
"Gute Nacht", meinte sie nur.
Sascha konnte nichts sagen. Sein Hirn schien zu explodieren. Freude und Schmerz paarten sich zu einem unheimlich intensiven Gefühlscocktail, der sein Innerstes zu sprengen drohte.
Unwillkürlich musste er die Augen schließen, als der Schmerz in seinem Herzen überhand nahm. Er konnte nur daliegen, Lisa im Arm, und es geschehen lassen.
Krampfhaft war er darum bemüht, die Tränen zurückzuhalten, die ihm in die Augen schossen, als ihm die Ausweglosigkeit seiner Situation bewusst wurde. Er lag hier mit dem Mädchen seines Herzens, alles könnte so wunderbar sein, aber es würde nie so werden.
Sie so nah zu spüren, ihre Wärme, ihren Duft, war überwältigend. Er betete darum, dass sie nicht merkte, wie sein Herz vor Aufregung schlug, als wollte es durch seine Brust springen. Doch Lisa rührte sich nicht, ihr Atem ging gleichmäßig.
Mit jeder Sekunde, die verstrich, wurde sich Sascha Lisas Körper auf seinen immer mehr bewusst, und in ihm stieg das Verlangen auf, sie zu berühren, ihren Körper zu erkunden, erst mit den Fingern, mal leicht nur mit den Spitzen, den ganzen Körper entlang, jeden Zentimeter ihrer Haut erkundend. Dann auch mit seinem Mund, mit den Lippen, sie küssend, schmeckend, nichts auslassend.
Er wollte ihr das Nachthemd abstreifen, ihren Rücken streicheln, ihren Bauch küssen und ihre Brüste liebkosen.
Mit seinen Zähnen wollte er ihren Hals erkunden, zärtlich, aber auch energisch, an ihm knabbern, saugen, dies auf ihren ganzen Körper wiederholen, dabei immer tiefer gleiten, bis er zwischen ihren Schenkeln angelangt wäre. Dort würde er sie durch ihren Slip küssen, sie wieder sanft mit den Fingerkuppen berühren, bevor er ihr das letzte Textil abstreifen würde, um sich dann ihr vollends zu widmen.
Er wollte seinen Kopf zwischen ihre Schenkel legen, sie dort küssen und liebkosen, nichts ersehnte er sich mehr. Und irgendwann würde sie ihn zu sich hochziehen und er sich auf sie legen, damit sie sich entgültig vereinten.
Aber dazu würde es nicht kommen. Nicht dazu und schon gar nicht zu den anderen Seiten einer Beziehung. Keine Leidenschaft. Keine Liebe. Niemals.
Saschas Herz wurde immer schwerer. Und je schwerer es wurde, umso mehr wusste er, wie stark seine Liebe für Lisa war. Es war so, als entluden sich alle Gefühle, die sich über die Zeit für Lisa aufgestaut hatten, auf einmal und er war ihnen wehrlos ausgeliefert.
Lisas ruhiger, gleichmäßiger Atem, die Wärme ihres Körpers, ihr Duft machten es nur schwerer.
Und so tat er das Einzige, was er tun konnte.
Vorsichtig ließ er ihren Kopf von seiner Brust gleiten. Lisa war schon so fest am schlafen, dass sie sich einfach zur Seite rollte und sich wieder einkuschelte.
Sascha sah sie lange an. Dann streckte er seine Hand aus und berührte Lisas Schultern, ganz sacht ließ er seine Fingerkuppen über ihren Arm und dann ihren Rücken wieder raufgleiten bis zu ihrem Hals. Ihrem wundervollen Hals. Nichts war anziehender. Seine Zunge fuhr unwillkürlich über seine Lippen. So musste sich ein Vampir fühlen.
Langsam, aber stetig, rückte er näher an sie heran, auf jede ihrer Bewegungen achtend. Mit jedem Atemzug zog er ihren Duft in seine Lungen, der seine Sinne zu berauschen schien. Schon war er ihr ganz nah, nah bei ihrem Hals.
Sachte strich er Lisa das Haar aus dem Nacken, so dass nun ihr Hals vollkommen bloß vor ihr lag. Seine Fingerkuppen strichen über die zarte Partie bis zur Schulter. Seine Zähne sehnten sich danach, ihr Fleisch zu schmecken. Keine Begierde. Sehnsucht.
Doch bevor seine Lippen ihre Haut berührten, zog er sich zurück. Dann kletterte er vorsichtig über sie herüber, verweilte noch einmal, und verschwand endgültig aus dem Bett und dem Schlafzimmer.
Im Wohnzimmer suchte er seine Sachen zusammen, ging ins Badezimmer und zog sich um, bevor er seine Tasche aufhob und zur Wohnungstür ging. Dort verweilte er und blickte ins Schlafzimmer, das genau gegenüber der Tür lag. Neben dem Telefon fand er einen Zettel und einen Stift. Er schrieb nur drei Worte, die er dann neben Lisa auf dem Nachtschränkchen platzierte.
Als er sie so liegen sah, beugte Sascha sich runter und küsste sie auf die Stirn.
Dann verließ er die Wohnung für immer.

Copyright Nicolas DeChambre 2004

 

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