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Fingerspitzengefühl
EINE GESCHICHTE AUS DER WIRKLICHKEIT, NAHE AN DER WAHRHEIT
Und wieder saß sie neben ihm, ihm, der wohl jede Sekunde ihres momentanen Lebens beeinflusste. Besonders ihre Träume. Ihre ganz speziellen Träume.
Und nun sah sie wieder neben ihm und sah Fern. Nein, im Grunde sah sie nicht Fern, sie wusste nicht einmal wirklich, was sie da sah, denn ihre Gedanken schlugen Purzelbäume und ihr Blut kochte.
Sie hatte mal gelesen, dass, wenn Männer scharf werden, Blut in ihre Genitalien schoss und somit die Schwellung erzeugten. Das Blut, was dann in ihren Lenden für Entzückung sorgte, fehlte aber somit an entscheidender Stelle und zwar im Gehirn, weswegen das mehr als merkwürdige Balz- oder Paarungsverhalten der männlichen Spezies erklärt wäre. Nur im Augenblick fragte sich Tatjana, ob dies nicht auch fürs weibliche Geschlecht stimmen würde, da sie schon merkte, wie sich ihre Lenden immer mehr erhitzten, während ihr Kopf zu keinem richtigen Gedanken fähig war. Sie wünschte sich nichts sehnlicher, als das Björn – blau-graue Augen, kurze dunkelbraune Haare, einen Körper wie Adonis und eine sexuelle Leistungsfähigkeit, die ihres gleichen suchte – ihren mehr als willigen Körper, den sie durch regelmäßige Tanzstunden in Form gebracht hatte, endlich an den seinen riss, sie an den langen, schwarzen Haaren packte und ihr die Kleider vom Körper zerren würde. Schon bei diesem Gedanken musste sie sich auf die Lippen beißen, war er doch zu schön um wahr zu sein.
Sie und Björn kannten sich schon lange, sehr lange, zu lange. Sie kannten sich so lange, dass sie schon eine gemeinsame Beziehung hinter sich hatten, die durch äußerst guten Sex, aber nicht unbedingt durch ein gutes gegenseitiges Verständnis geprägt gewesen war, so dass es letztendlich entzwei ging. Doch so ganz hatte man sich eben nicht aus den Augen verloren, versuchte eine Freundschaft aufrecht zu erhalten. Versuchte, das war das richtige Wort, denn im Augenblick hatte Tatjana nicht gerade freundschaftliche Gedanken. Von Natur aus nicht gerade die Personifikation der Keuschheit und Schüchternheit war der Gedanke, hier und jetzt mit Björn animalischen, schweißtreibenden Sex zu haben, ein wahrlich verführerischer, nichts lieber als das. Doch es gab da ein klitzekleines Problem. Ben.
Ben war nicht Tatjanas neuer Freund oder so, er war ihr "Seelenklempner", ihre "Kummertante", "die Stimme des Sorgentelefons" und im Augenblick ihr "schlechtes Gewissen". Im Grunde liefen die Dinge zwischen ihnen so: etwas ging in Tatjanas Leben schief, besonders beziehungstechnisch, und sie rief darauf Ben an. Der hörte zu, versuchte sie zu trösten und analysierte das Gesagte, deutete aber auch schmerzlich auf Denkfehler hin, denn nur zu gerne machte sich Tatjana was vor, die trotz ihres Pessimismus ihre mitunter naive Hoffnung nicht verlohr. Viel zu oft versuchte sie Björns Eskapaden weiß zu reden, doch Ben ließ das nicht zu. Klar, Schattierungen in Grau waren auch ihm kein Geheimnis, aber er ließ sie bei den Dingen, die zwischen ihr und ihrem Liebsten passierten, nicht zu. Es gab nur ein Richtig und eben ein total Falsch, aber nichts in Grau, never.
Er war auch einer der Ersten, der aufatmete, als sich das mit ihr und Björn dem Ende näherte, da es ihm schon ziemlich auf die Nerven ging, wenn sie wieder einmal über Björns Verständnislosigkeit und sonstige Klöpse berichtete, nur um dann wieder mit ihm den Putz auf das Bett der Nachbarn rieseln zu lassen. Und das passierte oft.
Nun, damit sollte ja jetzt vorbei sein, auch wenn Ben erst glaubte, dass Tatjana ihn verarschen wollte, als sie meinte, dass sie nach allem, was Björn so angestellt hatte, doch noch mit ihm befreundet sein wollte, denn so etwas erschien ihm mehr als unmöglich, nicht bei Tatjanas Libido, die vor allem – oder nur – von Björn so richtig entfacht wurde.
Egal, sie gab darum nichts und beschloss, es zu versuchen. Lief auch alles gut. Bis jetzt. Wo Björn begann, ihr den Nacken zu kraulen. Ihren Nacken. Der doch so empfindlich war, so dass sie sofort eine Gänsehaut bekam und eben das Blut aus ihrem Kopf sich in untere Regionen aufmachte und dort nun Tango tanzte.
Tatjana war durchaus nicht als "willig" zu bezeichnen, bei ihr landete noch nicht jeder, eigentlich fast keiner. Sie suchte sich ihre "Spielkameraden" aus, nicht umgekehrt. Aber Björn war eben die Ausnahme, die ihren Kopf zu schmelzen brachte, so dass an denken nicht zu denken war. Genau, wie jetzt.
Bitte nicht!, dachte sie bei sich. Doch im selben Moment: Doch, ja, und etwas tiefer.
Am liebsten hatte sie ihre Bluse aufgeknöpft, um einerseits sich etwas Luft zu verschaffen, denn der Raum kam ihr mit einem Mal richtig überhitzt vor, und andererseits, um ihm einen Blick auf ihre perfekt geformten Brüste zu gewähren, die in einem schwarzen Spitzen BH gut zur Geltung gebracht wurden. Ihr erschien das durchaus als schizophren, aber, Herrgottnochmal, das war ja auch Björn.
Nicht den Rücken runter. Bitte nicht den Rücken runter.
Björns Finger glitten ihren Rücken herunter und in Tatjanas Kopf schien ein ganzes Universum neu geboren zu werden.
Und doch hörte sie dort eine kleine Stimme, die Stimme von Ben.
Was soll das? Du wirst doch wohl nicht in Extasen verfallen, nur weil man Dir mal den Rücken krault. Halt gefälligst Deine Beine geschlossen! Darf doch wohl nicht wahr sein!
Ja, die Stimme war wohl da, aber das wunderbare Gefühl von Björns Hand auf ihrem Rücken übertönte sie ohne Probleme. Und dabei war zwischen seinen Fingern und ihrem Rücken noch der Stoff ihrer Bluse. Wenn der nicht da wäre, dann würden seine Finger ihre nackte Hau...
Oh, nein, nicht dran denken, wie es wäre, wenn er meine nackte Haut berührt. Und ganz normal atmen. Aber es fühlt sich doch so gut an. Nur nicht aufhören. Oh, Gott.
He, Mädel, das ist nur ein Typ und Du leidest bloß an Abstinenz. So klasse ist der auch nicht und die ganzen sexuellen Kunstgriffe hast Du ihm beigebracht. Wenn ich Dich so streicheln würde, würdest du auch um mehr betteln.
Das bezweifelte Tatjana doch stark. O.k., wenn sie sich vorstellen würde, Ben sei Brad Pitt, dann wäre eine klitzekleine Möglichkeit da, dass eventuell, vielleicht, möglicherweise, aber im Endeffekt, nee. Sie hatte zwar ein gutes Vorstellungsvermögen – wie es jede Frau haben sollte, um sich von den männlichen Unzulänglichkeiten während des Aktes abzulenken -, aber soo gut war es dann doch nicht!
Der Typ ist doch ein Pseudolant und will doch nur das Eine.
Lass ihn doch, denn ich will es doch auch.
Weiber!
Spielverderber!
Björns Finger krabbelten den Rücken herunter und wieder rauf. Tatjanas Sinne konzentrierten sich vollkommen auf jede seiner Berührungen, am liebsten hätte sich vergnügt aufgeschrieen, aber sie wollte sich keine Blöße zeigen. Nun, das war nicht ganz wahr, denn am liebsten hätte sie sich ihm ganz bloß, also nackt, gezeigt, um sich alsdann auf seinem Schoß niederzulassen und ihren Lenden durch eine wilden Ritt Kühlung zu verschaffen.
Schamloses Weib!
Lass mich doch! Wann hatte ich das letzte mal Spaß?
Ja, und morgen rufst Du mich wieder an und bist am heulen, weil das Danach das Davor überschattet.
Das muss doch nicht so sein.
Träum weiter.
Das tat sie ja. Und was für Träume es waren. Der beste Sex seit langem, und das alles nur, weil seine Finger über ihren Körper wanderten. Was würde erst passieren, wenn sie so richtig dran wären, wenn sie ihre Phantasie freien Lauf lassen konnte, ungehemmt von irgendwelchen Ängsten über das Danach. Nein, an das Danach wollte sie gar nicht erst denken, auch nicht an die Zukunft, nur an das Jetzt, und das war wunderschön.
Beschwer Dich nicht bei mir, wenn’s schief geht!
Ach, such Dir doch selbst was zum Vögeln und lass mich in Ruhe.
Was man sich hier so alles bieten lassen muss!
Als Björns Hand wie aus Versehen unter Tatjanas Bluse rutschte und somit ihre Haut berührte, war es mit ihrer Zurückhaltung vorbei. Sie spürte – oder glaubte zu spüren -, dass auch er mehr wollte.
Natürlich, er ist ein Mann und Du seine willige Konkubine. Der muss Dich nur betatschen und Du springst ihm auf den Schoß. Einfacher geht’s wahrlich nicht.
Verschwinde endlich!!!
Jetzt waren Björns Finger an ihren BH.
Öffne Ihn! Oh, bitte, öffne ihn!
Björn öffnete ihn.
Und damit begann wieder einer Nacht voller Leidenschaft, auch wenn Björn danach wenig Fingerspitzengefühl zeigte und die Telekom sich freuen durfte.
Copyright Nicolas DeChambre 2002
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