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Feminismus für Männer 1
Sie steht vor dem Haus und schlichtet das Holz. Neben ihr steht ihr guter Geist, der das Holz hackt. Sie beide fahren dann mit der Scheibtruhe zum professionell gestylten Gefährt des jungen Mannes, um das darin eingelagerte Holz auszulagern. Die beiden schwitzen.
Die junge Frau ist dem Mann ergeben. Sie sieht ihn zwiespältig an, aber sie ist ihm verfallen. Zurück denkt sie an die Zeiten, da sie im gleichen Bette geschlafen hatten; da sie einander Zeit geschenkt hatten, um zusammen zu sein; um das Gefühl der Verschmelzung zu entdecken. Aber - und das weiß die junge Frau; insgeheim hat er doch nie mit voller Liebeskraft den Akt mit ihr vollzogen; insgeheim war er nur daran interessiert gewesen, selbst zu erleben; so wie viele (womöglich sehr viele!) Männer auch hatte er mit ihrer Hilfe masturbiert (anders kann es nicht bezeichnet werden, was sich im Bette abspielte). Sie ist ihm jedoch ergeben; sie lädt ihn ein zu sich nach Hause; sie schreit des Nachts nach ihm und sie sieht ihn ständig vor sich mit seinen unbändigen Haaren; seiner ungestillten Wissbegier; seiner steten intellektuellen Streitbarkeit; seinen starken Armen. Wie ein kleiner Gott denkt sie an ihn; es fehlt nur noch, dass sie zu ihm betet.
Er aber ist ein seltsamer Mann. Manchmal taucht er auf, wenn keiner darauf vorbereitet ist und stiftet Verwirrung. Er studiert oder auch nicht; redet mit eitler Stimmer oder auch nicht; kurz - er ist unberechenbar. Eine Familie will er nicht; auch keine Frau im Sinne der Ehe; nein; höchstens eine Frau, die er hie und da sehen könne, wenn er danach Lust hätte. Viele Jahre hatte er mit ihr im selben Bett geschlafen - und es ihr manchmal sogar recht machen können. Er war stets auf sich bedacht und war mehr in seinem Zimmer, das er sich eingerichtet hatte in ihrer Wohnung, als auf der Straße aufzufinden. Wie zufällig breitete er an bestimmten Abenden seine Arme aus und ließ das kleine Mädchen in sie hineinfallen. Er nahm sie dann bei der Hand und sie hoffte darauf, dass bald ein Kind zustande käme. Aber irgendetwas misslang; so sehr sie es auch darauf absah; es wurde nichts daraus!
Die Frau träumte. Sie träumte von einer Familie mit vielen Kindern, die sie schon recht christlich erziehen würde. Sie träumte von einem Mann, der sie nie verlassen würde; der ganz für sie da wäre. Da war aber dieser Schatten von Mann, der sie verfolgte; dem sie blind ausgeliefert war. Sie weinte bittere Tränen von Zeit zu Zeit; wissend, dass er nicht dazu bereit sei, eine Familie mit ihr zu gründen. Sie versteckte ihre Tränen oftmals; öfters geschah es, dass sie mitten auf der Straße einen Weinausbruch bekam und nicht zu beruhigen war. Sie ließ sich von niemandem helfen; ihr Leben war ganz danach ausgerichtet, vor sich zu verheimlichen, was ihr soviel Angst machte. Sie floh vor sich mit unbändiger Sturheit.
Andere junge Männer ließ sie überhaupt nicht an sich herankommen; es wäre sogar falsch zu sagen, daß sie ihn an sich herankommen ließ; ihn - den Einzigen! Selbst er nämlich wusste über wenig Bescheid im Seelenleben dieser jungen Frau; denn ihre Seele überstülpte sie mit dummen Gänseschnattern usw. Die Frau also war verloren.
Und es war kein Märchen. Es war kein Märchen, da er kein Prinz war, der ihr helfen könnte; der sie wachküssen könnte.
Es war einmal... Er lebt und stolziert über die Gassen; ist mal snobistisch, mal melancholisch; hat von sich so gut wie keine Ahnung. Immerhin jedoch versagt er vorzüglich. Er gesteht sich nicht ein, dass er wie Gift für sie ist; jedoch: Er ist wie eine Ratte, die einen Magen voll Rattengift ihr Lebtag mit sich herumschleppt und je nach Stimmung die eine oder andere Portion an die eine oder andere Person verteilt. Der gar nicht unhübschen jungen, kleinen Frau hat er das Rattengift - so scheint´s - in die Augen gestreut. Nur mit ihm kann sie tanzen; nur ihm kann sie irgendetwas von sich schenken, wenn es auch das Falsche ist! Unterhalten kann sie ihn nicht - und ebenso wenig wird sie unterhalten, denn sein Horizont erstreckt sich zwar weit, aber nimmt sie nicht mit auf die Reise. Er überschaut sie richtiggehend und sie steht klein neben ihm und gibt ihm unschuldig einen Kuss.
Aber dann wiederum ist sie wild. Sie möchte ihn am liebsten beißen, wie eine Schlange ihr Opfer beißt! Wild schlägt sie um sich und sie ist kaum zu beschwichtigen. Er lässt sie sich austoben, um sie dann zu nehmen und ihr vorzuheucheln, dass er sie nach wie vor gern hätte, aber es gäbe Grenzen...
Nun; diese Grenzen zeigt er in jeder Sekunde ihres Beisammenseins auf. Wie ein Tiger im Käfig schaut er sie durch die Gitterstäbe an, die ihn davor abhalten, ihr wohlgesonnen zu sein. Sie öffnet willig das Gitter und entlässt ihn aus seinem Gefängnis. Dann spazieren sie gemeinsam durch den Tierpark und eine weitere Versöhnung findet statt.
Die Scheibtruhe haben sie längst in den Schuppen gestellt; das Holz längst irgendwo verheizt. Jetzt haben sie Zeit, sich in ihre Wohnung zu begeben und das Nachtmahl zusammen zu essen. Sie macht sich schön für ihn; sie kocht ihm auf. Er spendet kein Lob, sondern redet bloß über seinen neuen Job; sein lächerliches Studenten-Dasein; dass er nicht wisse, ob er es aushalten könne, das Studium durchzustehen, wo es doch schon so schwer gewesen war, überhaupt soweit zu kommen. Sie redet ihm zu, wie sie ihm immer zugeredet hat und sie verschwindet im Schlafzimmer.
Sie kommt aus dem Schlafzimmer und steht in Reizwäsche vor ihm. Er empfindet fast überhaupt nichts bei ihrem Anblick, aber er nähert sich ihr. Er sagt, dass er jetzt keine Zeit hätte, denn er hätte zu tun. Sie schreit fürchterlich und reißt sich voller Wut alles vom Leib und trommelt mit ihren kleinen Fäusten auf seine Brust. Er beruhigt sie nicht, aber er lässt es geschehen und geht dann trotzdem. Er sagt ihr, dass sie ihn jederzeit erreichen könne; er sei ja abends meist zu Hause. Sie weint wieder in ihrer Verzweiflung und wendet sich an eine Vertrauensperson, die sie jedoch eher mit Schmutz bewirft, als dass sie sagte, was sie dächte. Aber sie hat ja manchmal alles gesagt; alles, was ihr am Herzen gelegen war. Sie hatte sich ja ausgeredet und ihr war dann leichter gewesen. Kein Entschluss war aus all dem entstanden; kein Entschluss, den falschen Märchenprinzen aus ihrem Leben zu streichen; sich anderen Männern gegenüber weniger entweder kindisch oder stolz zu verhalten.
Das Kind in ihr wartet. Ein paar Jahre noch und sie wird überrascht sein, dass sie umsonst hoffte; dass sie auf das falsche Pferd gesetzt hatte. Den Abschied verkraftete sie nicht. Sie hatte ihm ja längst dabei zugeschaut, dass er seine sieben Sachen zusammenpackte und zu seiner Mami zurückzog. Sie hatte es ja längst vor ihm ausgesprochen, dass er sie zerstöre, aber sie machte keine Anstalten, sich nicht weiter zerstören zu lassen. Wenn alles auch verbröselt war, was eine Beziehung hätte genannt werden können, so war doch eine seltsame Freundschaft zurückgeblieben; seltsam deswegen, da sie nach wie vor im Geiste eine Familie um ihn erdachte. Er übrigens war von der gar dummen Sorte, denn er tat nichts, um es ihr leichter zu machen. Er entschwand ihrem Leben nicht; im Gegenteil: wie ein unbrauchbarer Stein fand er sich dann und wann in ihren Händen und ließ sich streicheln.
Diese bittere Groteske!
Sie eilt auf die Straße hinaus, um ihrer Freundin zu begegnen. Und welch Zufall, dass sie sich in deren Wohnung findet und sich von ihr trösten lässt. Ja; die beiden sitzen beieinander; die Freundin streichelt dem kleinen Mädchen die Wange und küsst bald Tränen aus ihrem Gesicht. Die kleine Frau weint und weint. Der Mann aber blickt ungebrochen in ihre verzweifelten Augen und kann nicht verstehen, warum sie so einen zerbrochenen Eindruck macht.
Sie löst sich nicht von ihm - und dann und wann also umarmen sie sich usw. Aber durch ihn ist sie verloren; erst wenn sie ihn und seine eingebildete Liebe zu ihr aus ihrem Herzen streicht, wird sie zu neuem Leben erwachen können. Es kann ihr nur viel Glück gewünscht werden.
Copyright Jürgen Heimlich 2000
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