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Eine Frage des Fetisch

Zora DeJeanne 

Es ist nicht leicht, einen derartigen Fetisch zu haben. Vor allem nicht für mich. Mein Leben ist nicht auf Sinnenfreuden ausgerichtet, mein Leben ist dem Geld gewidmet. Doch seit ich mit diesem Fetisch lebe, muss ich mich ständig vorsehen – dass mir keines begegnet. Es ist mir schon passiert, dass während ich einen Vortrag hielt und zur Entspannung kurz aus dem Fenster sah, unerwartet eines meinen Blick streifte. Der Rest meines Vortrags war im wahrsten Sinne des Wortes keiner Rede mehr wert.
Sogar einen Großauftrag hat mir dieser verfluchte Fetisch bereits versaut. Ich saß mit einem potenziellen Kunden, dem Geschäftsführer eines großen Unternehmens, ein richtig fetter Fang, auf dem Terrassen-Séparée eines Cafés. Die Verhandlung lief auf vollen Touren, ich war absolut konzentriert, meine Zähne knirschten leise im Mund, denn ich wusste: Ich habe ihn an der Angel, er beißt gleich zu! Und dann? Plötzlich, auf der Straße, ich sehe zufällig hin, um mich für den finalen Schlag zu sammeln, rollt eines vorbei, und noch ehe es sich wieder entfernt hat, sitze ich wie paralysiert auf meinem Kaffeehausstuhl. Ich war abgeschaltet, das Geschäft war vorbei, mein Gehirn leer, alle Energie im Unterleib.
Die Verwandlung von Dr. Jekyll in Mr. Hyde ist Kindergarten gegen das, was ich mitmache. Jedes Mal tobt ein Krieg in meinem Körper. Es ist nur eine Frage von Minuten, bis ich mein Bewusstsein verliere. Ich kann mir solche Aussetzer nicht leisten. Ich bin erfolgreiche Geschäftsfrau. Ich sitze im Vorstand einer millionenschweren Aktiengesellschaft. Dieser Fetisch bedroht meine Karriere. Sie können mir glauben, freiwillig habe ich ihn nicht gewählt. Tatsächlich erlebte ich damals einfach nur den besten Sex, den ich mir wünschen konnte.

Ich sah den Taxistand schon von Weitem, direkt nachdem ich das Flughafengebäude verlassen hatte, doch er war einen gehörigen Fußmarsch entfernt. Die Architekten dieses Flughafens mussten Alkoholiker gewesen sein. Geschäftsleute haben keine Zeit für dämliche Spaziergänge. Schon gar nicht weibliche Geschäftsleute, die klug genug sind, ihr größtes Kapital zu nutzen und daher auf Sexual Selling setzen. Jeder Meter zu Fuß ist Schikane, wenn der Bleistiftrock um die Knie zerrt und die Wadenmuskulatur über den High Heels schmerzt. Tatsächlich waren es unsägliche dreihundert Meter. Doch ab dem ersten wusste ich, welcher Taxifahrer meiner sein würde. Mit berufseigener Witterung hatte er mich als Fahrgast identifiziert und blickte mir unverwandt entgegen. Außerdem hatte er sich mit typisch männlicher Reviergebärde neben seinem Wagen aufgebaut und signalisierte: Ich bin dran.
Auf gewisse Weise war da bereits alles entschieden, denn mein Ziel schickte sich an, mir zu gefallen. Ich stöckelte wachsamen Auges auf ihn zu, er fixierte mich, ich spannte meine Beinmuskulatur und mimte den Laufsteg, er straffte sich und gab den Jäger, der sein Wild ausspäht.
Sie sollten wissen, dass so etwas Routine für mich ist. Ich bin durchaus ein Fan von kurzen, unverbindlichen Begegnungen. Und ich weiß um meine Wirkung. In Momenten wie diesen spult sich in meinem Kopf folgendes Programm ab: Erstens: Material checken, zweitens: mögliche Orte in Erwägung ziehen, drittens: Zeitplan nach Lücken abscannen. Wenn alle Faktoren positiv bewertet werden können, nehme ich mein Opfer ins Visier. Dass Männer sich selbst bei diesem Spiel grundsätzlich in der Jäger-Position wähnen, macht die Sache einfach. Männer sind umso durchschaubarer und manipulierbarer, desto sicherer sie sich glauben. Männer im Jäger-Modus sind meine liebsten Opfer, sie sind Knetmasse in meinen Händen.
Diese Art Begebenheiten sind die geheimen Freuden in meinem Leben, kleine Inseln im Business, rein körperlicher Natur. Mit Emotionen kann ich nichts anfangen. Probleme danach gibt es nie. Kein Mann kommt mit der Opfer-Rolle klar, wenn er erst einmal kapiert hat, dass ich den Spieß umgedreht habe. Einige zicken rum, fangen an zu jammern, schwafeln etwas von verletzten Gefühlen, während ich in Gedanken schon wieder beim bevorstehenden Meeting bin. Doch was kümmert mich das, es ist ihr Problem, ich muss Prioritäten setzen. Bei diesem Taxifahrer allerdings war alles anders. Er wusste sich unterzuordnen, ohne zur Memme zu werden. Das war ein Jahrhundertgeschenk und ich wollte es mir nicht entgehen lassen. Es dauerte keine zweihundert Meter, bis ich erkannte: Er ließ sich erlegen.
Die nächsten neunzig Meter verschafften mir das sichere Gefühl, auf einem lohnenden Weg zu sein. Dieser Mann präsentierte sich geradezu. Neben seinem Wagen stehend, auf mich wartend, grinste er mich auf direkte, doch unaufdringliche Art an. Seine Beine stemmten sich in den Boden, als hätten sie Wurzeln geschlagen. Sein Oberkörper unter dem Shirt, die muskulösen Arme, entspannt herabhängend, schienen gemacht für körperliche Arbeit. Er stand absolut aufrecht, was für eine kräftige Rückenpartie sprach. Auf die Substanz hinter dem Reißverschluss seiner Jeans verschwendete ich keine Aufmerksamkeit. Nur Teenager glauben an die Aussagefähigkeit nicht-erigierter Größe.
Das Gesamtresultat meiner Prüfung während der letzten zehn Meter fiel zu hundert Prozent überzeugend aus. Ein Mann, der zupacken konnte. Ich bevorzuge den bodenständigen Typus. Um Intellektuelle mache ich einen großen Bogen, die meisten kennen Leidenschaft höchstens aus dem Duden, das Risiko einer Fehlinvestition ist viel zu groß.
Als ich seinen Standplatz erreichte, postierte ich meinen Koffer direkt vor ihm und forderte ihn
mit typisch weiblichen Lächeln auf, sich um mein Gepäck zu kümmern, was er ohne Zögern tat. Ich stieg hinten ein, rutschte bis zur Mitte der Rückbank und wartete, bis er seinen Platz hinter dem Steuer einnahm. Er tat es wortlos und lächelte, meine Order abwartend, in den Rückspiegel. Tiefbraune, fast schwarze Augen, markante Züge. Die Finger seiner rechten Hand schlossen sich dienstfertig um den Zündschlüssel. Dunkel behaarte Unterarme, milchkaffeebraune Haut. Ich tippte auf türkische oder griechische Abstammung. Sehr gut, Mittelmeervölker wissen zu spielen.
Meine Entscheidung war gefallen. Ich erwiderte seinen Blick im Rückspiegel, ließ aber einige Sekunden verstreichen, um seine volle Aufmerksamkeit zu erlangen. Dann verriet ich ihm mein Ziel und fügte mit direktem Blick in den Spiegel hinzu: »Die Strecke ist mir bekannt. Sie benötigen nicht mehr als zwanzig Minuten. Ich habe insgesamt fünfzig Minuten Zeit, die verbleibenden dreißig würde ich mich gerne vergnügen. Ist Ihnen auf der Strecke eine Lokalität bekannt, die über ein uneinsehbares Hinterzimmer verfügt, zu dem Sie Zugang haben?« Während ich die Frage stellte, zog ich meinen Rock über die Knie und öffnete leicht meine Beine. Dieses Signal versteht jeder Mann. Auch er hatte es, während er mich über den Rückspiegel ansah, im Augenwinkel vernommen. Sein Oberkörper schnellte herum und er blickte mir direkt in die Augen. Er war nicht erschrocken, er wollte sich nur vergewissern. Ich nickte und sagte: »Sie haben mich richtig verstanden.«
Er lachte fein. Er drehte sich zurück zum Steuer, überlegte einen Moment und startete den Wagen mit angemessenem Tempo. Nach etwas mehr als der Hälfte der Fahrt parkte er vor einem Restaurant und bat mich kurz zu warten. Er kam nach ein oder zwei Minuten zurück, öffnete mir galant die Tür zum Aussteigen und bot mir seinen Arm an. Während ich diese Geste im Geschäftsleben grundsätzlich ignoriere, nahm ich hier gerne an. Er führte mich erst durch die Gasträume, dann durch den Hinterhof, schließlich in ein Rückgebäude mit mehreren Türen, von denen er eine mittels Schlüssel öffnete. Wir traten in einen Raum, der aussah wie in einem dunklen Film. Fensterlos, Geruch nach Zigarettenqualm, doch offenbar regelmäßig genutzt und
sauber. In der Mitte des Raumes stand ein Tisch. Ich dachte an illegale Pokerspiele, vielleicht auch mehr.
Dieser Ort passte mir gut. Der Taxifahrer stand in der offenen Tür und wartete auf ein Zeichen des Einverständnisses. Ich nickte und streckte die Hand nach dem Schlüssel, welchen er ohne Zögern hineinlegte. Dann versperrte ich die Tür von innen und ließ den Schlüssel in meine Handtasche sinken. Auch dieses Vorgehen ist Routine für mich. Dass er nicht ansatzweise widersprach und mir die Kontrolle überließ, war allerdings neu. Ich nahm seine Contenance mit großem Wohlgefallen auf.
Ich ahnte nicht, dass das, was folgen würde, mich noch weit mehr erstaunen würde. Ich muss gestehen, mir fehlen die Worte, um zu beschreiben, mit welcher Leichtigkeit er meinen Anweisungen folgte, mit welch stolzer Willigkeit er tat, was ich von ihm verlangte. Ja, es fiel mir fast ein wenig schwer, mich auf meinen persönlichen Genuss zu konzentrieren, weil mich seine Fähigkeit, zuzuhören und umzusetzen, schier umwarf.
Der Fick war unglaublich. Ich bebte, als ich kam. Und ich kam schnell. Ein gewaltiger Orgasmus schüttelte mich. So, wie ich es gefordert hatte, kam er erst nach mir. Er besaß großes Stehvermögen und eisernen Willen. Die meisten Männer schaffen das nicht. Schon nachdem er das Kondom übergestreift hatte, stand er weiterhin wie eine Eins. Gewöhnlich fangen sie hier an zu zetern, doch dieser Punkt ist nicht diskutierbar. Erstens bin ich nicht auf Krankheiten scharf, zweitens kann ich es nicht gebrauchen, wenn später in einem Meeting Reste von Sperma in meinen Slip tropfen. Kondome gehören zur Basisausstattung meiner Handtasche. Bei Erektionsproblemen verbeiße ich mir abfällige Bemerkungen – allerdings aus reiner Rücksicht auf meinen Zeitplan.
Der Taxifahrer jedoch zickte nicht im Mindesten herum. Er kam meinen ersten Anweisungen nach, öffnete meine Bluse nur oben, hob meine Brüste aus dem BH und stimulierte meine Nippel mit Fingern und Zunge, während ich selbst meinen Rock hochschob und mich meines Slips entledigte. Danach forderte ich ihn auf, sich mit Fingern und Zunge um meine Möse zu kümmern, was er wirklich mit Bravour meisterte. Allein damit machte er mich dermaßen scharf, dass ich ziemlich schnell nach seinen Schwanz griff und um dessen Einsatz bat.
Ja, tatsächlich, ich bat darum. Eine Sache, die ich normalerweise nie tue. Ich wunderte mich selbst, doch die Art, in der er meine dominante Position akzeptierte, machte das gefahrlos möglich. Je weniger Zank es um die Position gibt, desto partnerschaftlicher kann das Ganze ablaufen. Das Ding war, ich hatte noch nie erlebt, dass es keinen Zank gab.
Danach fickte er mich von vorne, von hinten, auf den Knien, im Stehen, auf dem Tisch. Und er tat es verdammt gut, besser als jeder andere vorher. Schweißperlen liefen an seinem Körper herab, die Muskeln zuckten und arbeiteten, sein Gesicht verzerrte sich auf animalische Weise, er durchlief die Metamorphose zum Tier auf so großartig leichte und konsequente Art, dass ich meine Augen nicht von ihm lassen konnte. Auch das ist etwas, was ich normalerweise nicht mache. Die Kerle waren mir gewöhnlich ziemlich egal. Ich wählte sie nach gewissen Attraktivitätskriterien aus, das schon, doch danach konzentrierte ich mich in der Regel auf meinen Körper, meine Befriedigung. Ich empfand Männer lediglich als Werkzeug, welches es richtig zu nutzen galt.
Als wir uns wieder anzogen, wirkte er auffällig zufrieden und entspannt. Er verhielt sich mir zugewandt, doch er erwartete nichts. Normalerweise werden Männer an spätestens diesem Punkt lästig. Sie reden blödsinniges Zeug, nicht selten kommt die dämlichste Frage aller Fragen: War ich gut? Üblicherweise setze ich hier klare Grenzen, mache unmissverständlich deutlich, dass jegliche Gemeinsamkeit ab sofort beendet ist. Im Zweifel fordere ich sie auf, sich zu entfernen. In diesem Fall ging das natürlich nicht, er musste mich noch zu meinem Meeting fahren. Tatsache ist aber, dass es bei ihm gar nicht notwendig war. Er schien aus den gleichen dunklen Tiefen wie ich emporsteigen zu müssen und stellte keinerlei Ansprüche. Er war eindeutig entweder gut erzogen oder ein Naturtalent.
Den Rest der Fahrt nutzte ich, urn die energetische Kraft, die so eine spontane Vögelei in meinem Körper entstehen lässt, zu kanalisieren, sie nutzbar zu machen für die geschäftlichen Gespräche, die bevorstanden. Ein ordentlicher Fick zwischendrin ist für mich, was für diese Esoterikfreaks der Besuch ihres Kraftortes ist. Direkt nach solch einem Intermezzo hatte ich in der Vergangenheit bereits so manchen Verhandlungspartner verbal zerlegt. Die zuvor genutzten Manner waren zu diesem Zeitpunkt bereits aus meinem Gedächtnis gefallen. Ich vergesse sie immer, sie sind unwichtig.
Dass die Sache mit dem Taxifahrer anders gelagert war, wurde mir erst einige Tage später klar. Ich befand mich auf dem Heimweg von einem äußerst unerquicklichen Meeting, während dem ich meine Führungsetage wegen grottenschlechter Quartalsergebnisse zusammengestaucht hatte.
Ziemlich mies gelaunt fahre ich also nach Hause, parke den Wagen vor meinem Haus, schnappe meine Tasche, steige aus, schlage die Tür zu und drücke auf die Fernbedienung. Ich drehe mich zur Strafe, um sie zu überqueren, sehe nach dem Verkehr, sehe ein Taxi, denke noch, dass ich danach rübergehen werde, und plötzlich passiert es das erste Mal: Ich fange an zu zittern, mein Atem wird hektisch, der Schweiß bricht aus sämtlichen Poren, ich habe das Gefühl, einen der vorbeigehenden Manner anfallen zu müssen, klammere mich, um das zu vermeiden, an die Dachreling meines Wagens, mein Unterleib beginnt dennoch zu pulsieren, ich spüre meine Klitoris anschwellen und breche vor Angst, hier auf der Straße einen Orgasmus zu kriegen, fast zusammen.
Man kann nur von Gluck sagen, dass ich damals direkt vor meinem Haus stand. Irgendwie, fragen Sie mich nicht wie, habe ich es reingeschafft. Nachdem ich die Tiir hinter mir schließen konnte, bin ich direkt dahinter auf den Boden gesackt und habe masturbiert. Der Orgasmus war erlösend und unvergleichlich in seiner Intensität. Ich war nie vorher in derartig atemberaubender Geschwindigkeit gekommen. Danach war ich nicht mehr in der Lage, mich zu erheben. Ich fühlte mich wie betäubt, wie nicht auf dieser Welt. Ich habe keine Ahnung, wie lange ich auf dem Boden hinter meiner Eingangstür lag. Es müssen Stunden gewesen sein. Mitten in der Nacht kroch ich auf allen Vieren in mein Bett und fiel in tiefen Schlaf.
Das Ganze ist inzwischen ein halbes Jahr her. Seither überfällt mich zuverlässig ein sexueller Drang von irrsinnigem Ausmaß, sobald ich irgendwo ein Taxi sehe. Ganz egal, wo es passiert, ich gerate außer Kontrolle. Ich warte auf den Tag, an dem ich mich nach so einem Anfall in polizeilichem Gewahrsam wiederfinde, weil ich irgendeinen Mann auf offener Strafe vergewaltigt habe. Zum Glück ist das noch nicht passiert, aber ich gestehe, so oder ähnlich sind die Träume, die mich nachts heimsuchen. Und egal, wie sie ablaufen: Der Mann, der sich wie ein Geist vor meinem inneren Auge platziert, sieht immer gleich aus. Immer wie der Taxifahrer von damals.
Offen gesagt, ich weiß mir keinen Rat mehr. Alles mögliche habe ich schon versucht. In meiner Verzweiflung war ich sogar schon bei einer von diesen Seelenklempnern, einer Diplom-Psychologin. Ich gehe nicht mehr bin. Sie werden nicht glauben, was sie gesagt hat. Sie behauptete doch allen Ernstes, ich hätte gar keinen Fetisch. Sie sagte, ich sei verliebt. Verliebt! Dass ich nicht lache. Ich und verliebt! Es ist doch wirklich nicht zu fassen. Wo zum Geier hatte diese inkompetente Frau nur ihren Job erlernt?

 

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2 Kommentare

07.01.2012 20:07 Hanro W.
Herrlich, einfach herrlich! Total direkt und provokativ und amüsant. You made my day! DAnke :))

03.10.2011 22:11 zurwick
coole frau. coole erzählung. gefällt mir!!!


 

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