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Überraschung, Die
Ein Päckchen wurde Carolin am Samstagvormittag vom Briefträger überreicht, es war schwarz eingepackt, wog fast nichts, klackte seltsam dumpf, wenn man es bewegte. Es kam von Simon, sie öffnete es neugierig. Was hatte er denn da geschickt? Verwundert hielt sie einen schwarzen Strapsgürtel in Händen, das zarte Gewebe ornamental durchbrochen und mit verspielten Rüschen besetzt. So etwas hatte sie noch nie angehabt, es nur manchmal in einem Schaufenster betrachtet und sich gefragt, was die Männer daran so reizvoll fanden. Eine Packung schwarzer Strümpfe mit üppigem Spitzensaum lag anbei und eine kleine Schatulle aus durchsichtigem Kunststoff, darin zwei metallene Kugeln, etwas kleiner als Tischtennisbälle, verbunden durch eine rote Kordel, von ihnen stammte das Klacken. Scheu hielt Carolin sie in Händen, ahnte wohl, welchem Zweck sie dienten, die Ahnung weckte bange Scham, dazu ein wohliges Kribbeln. Auf einem gelben Blatt standen einige Zeilen, von Simon mit blauer Tinte in wenig lesbarer Schrift geschrieben. Sie las, dass er sie morgen Abend bei sich zu Hause erwarte, sie solle sein Geschenk tragen und die Kugeln in sich haben. Er könne ihr eine Überraschung versprechen. Angefügt war seine Adresse, er wohnte in einem östlichen Außenbezirk der Stadt, wenige Autominuten von ihr entfernt.Nervös legte sie am folgenden Abend nach der Dusche den Strapsgürtel um, streifte die seidigen Strümpfe über die Beine, befestigte sie umständlich an den metallenen Klemmen, fühlte sich hurenhaft, es war befremdlich und nicht ohne Reiz. Hurenhaft, ja, dazu passten die Regeln, die ihr Höschen und BH verboten, zum Glück waren die Brüste fest genug, brauchten keine Stütze. Sie zog ein schwarzes knielanges Kleid über, im seitlichen Schlitz blitzte der Spitzensaum der Strümpfe hervor, es würde Simon vermutlich gefallen. Und die Kugeln? Jetzt gleich? Sie waren ebenso Drohung wie Verlockung, die verbotenen Äpfel im Paradies, einige Male war sie nahe daran gewesen sie auszuprobieren, hatte sie einmal schon in der Hand gehalten und doch wieder weggelegt, sie sollten Lust für Simon wecken, nicht für sie selbst. Carolin verstaute sie in der schwarzen Umhängetasche, zog eine kurze Jacke über, war bereit zu fahren.
Simons Wohnung zu finden war dank der Wegbeschreibung sehr einfach, nur Parkplätze waren rar, sie musste das Auto ein ganzes Stück entfernt abstellen. In der Nähe gab es ein Restaurant, einen Griechen, die Straßen wurden gesäumt von Reihenhäusern und Bungalows mit gepflegten Vorgärten, Simon wohnte in einer besseren Gegend als gedacht. Es war noch hell, aber zum Glück gab es kaum Passanten, niemand sah, wie sie die Kugeln aus der Tasche nahm, ihre Hand unter den Rock glitt und sie in den empfänglichen Schoß drängte. Aufwühlend füllten sie die Höhle aus und bei der geringsten Bewegung kullerten die kleinen Kugeln in ihrem Innern gegen die metallene Außenhaut, brachten sie zum Schwingen, schufen sinnliche Wellen, die sie im ganzen Körper spürte. Vorsichtig stieg sie aus dem Auto aus, blieb einen Moment reglos stehen, konnte ein hervorquellendes Seufzen nicht unterdrücken und ging mit behutsamen kleinen Schritten zum zweigeschossigen Reihenhaus mit der Nummer sechzehn. Ein jüngerer Mann kam ihr entgegen, noch ehe sie den Eingang erreichte. Er streifte sie mit einem verwunderten Blick. Ob er etwas bemerkte, die Sinnlichkeit in ihrer Miene las? Wortlos ging er vorüber und tief atmend drückte sie auf den Klingelknopf neben Simons Namen. Das Summen des Öffners erklang im fast gleichen Moment und sie betrat ein helles Treppenhaus. Simon wohnte im oberen Stock, sie musste einige Stufen erklimmen, fand die Wohnungstür oben einen Spalt weit geöffnet. Aufgewühlt betrat sie eine blau getünchte Diele, sah zwei Türen, die eine geschlossen, die andere halb offen.
»Simon?«
»Komm hier herein, nur zu.« Auffordernd klang seine Stimme durch den Türspalt heraus.
Es war ein seltsamer Empfang. Simon saß in einem großen Wohnzimmer auf einem Sofa. Er trug eine schwarze Jeans und ein rotes Shirt, drehte sich eine Zigarette. Das Zimmer war sparsam eingerichtet mit einem dunklen Schrank, einem Fernseher, einem Computer, einer kleinen Stereoanlage, dem Sofa, zwei Sesseln, einem niedrigen Tisch; einsam stand ein altmodischer Stuhl mit hoher Rückenlehne und rötlich braunem Sitzpolster mitten im Raum. Simon blieb auf dem Sofa sitzen, benahm sich wie ein Pascha, begrüßte sie mit einem kleinen Lächeln und sagte, dass sie doch so nett sein solle, den Wein und die Gläser aus der Küche zu holen, das Wort »bitte« kam dabei nicht von seinen Lippen. Hatte sie es nötig, sich wie eine Dienerin behandeln zu lassen? Anscheinend ja, da sie nicht wusste, wie sie sich gegen seinen Wunsch wehren sollte, und es zudem für ihren Gehorsam eine Belohnung gab, nämlich ein abgrundtief finsteres Kribbeln. Auf der Anrichte stand ein Tablett mit einer Flasche Rotwein, zwei Gläsern, einem Korkenzieher; sie trug es hinaus, stellte es auf den Tisch, entkorkte die Flasche und schenkte ein. Simon beobachtete jede ihrer Bewegungen, las die Zeichen der Erregung in ihrer Miene wie in einem aufgeschlagenen Buch. Platz bekam sie nicht angeboten, sie prostete ihm im Stehen zu, nahm einen Schluck.
»Haben dir meine Geschenke gefallen?«
Carolin nickte.
»Du hast Lust darauf, sie mir zu zeigen, nicht wahr?«
Ja, sie hatte Lust darauf, nickte erneut, sah sein amüsiertes Lächeln. Natürlich, es war mit der Theorie nicht getan. Sie legte die Jacke ab, griff nach dem Reißverschluss am Rücken des Kleides mit verrenkten Armen, zog ihn herab, streifte die Träger von den Achseln und ließ es zu Boden sinken, zeigte ihm seine Geschenke, dazu das Geschenk, das sie ihm machte, sich selbst, die runden Brüste mit den dunklen Höfen und steifen Knospen, die schmale Taille, den dunkel behaarten Schoß, den festen Po.
»Du siehst gut aus.« Es war ja das erste Mal, dass er sie nackt sah, fiel ihr ein. Komisch, dabei war ihr, als sei ihm ihr Körper vertrauter als jedem andern. »Ein bisschen hurenhaft und sehr lüstern, wirklich reizvoll.« Ein solches Kompliment hatte ihr noch niemand gemacht, aber es hatte sie ja auch noch niemand so gesehen mit Strapsen an wie eine Hure und erfüllt von Kugeln, die für ihre Lüsternheit sorgten. Was machte dieser Mann nur aus ihr, weshalb ließ sie es mit sich geschehen, gern sogar, als gäbe es nichts Aufregenderes? Es ging ein unwiderstehlicher Zauber von ihm aus, der ihre geheimsten Wünsche offenbarte, sie konnte sich dagegen nicht wehren, wollte es nicht.
Simon stand auf und führte sie zum Stuhl, der wenig bequem aussah und nur auf sie zu warten schien. Sie ließ sich nieder und schaute zu Simon auf. Er blickte direkt in ihre Augen und mahnend klang seine Stimme: »Weißt du nicht mehr, wie du vor mir zu sitzen hast?«
Doch, sie wusste es, erinnerte sich genau an seine Anweisung, hatte sich nur nicht dazu überwinden können. Nun aber öffneten sich ihre Knie, immer weiter, bis Simon zufrieden nickte. »Bist ein artiges Mädchen.« Leise und gedämpft klackten die Kugeln, von ihren Muskeln umspielt, und ihr angeregtes Seufzen stieg zur Decke. Simon trat hinter sie, entschwand ihrem Blick. Sie hörte, wie eine Schublade des Schrankes geöffnet wurde, sah durch das Fenster das Nachbarhaus und den Himmel, geduldig kreiste ein Habicht mit ausgebreiteten Schwingen unter den dunklen Wolken – dann wurde die Welt schwarz, eine Augenbinde raubte das Licht, sanft wurden die Enden am Hinterkopf verknotet. Ein leises Klirren erklang, etwas Kühles berührte ihren Unterarm, eine Kette, die ihre rechte Hand an den Stuhl fesselte, gleich auch die linke. Eine zweite Kette fesselte ihre Füße außen an die Stuhlbeine, spreizte die Schenkel. Musik erklang, kühler Jazz. Wenn Simon doch nur etwas sagen würde. Ins klagende Saxophon mischten sich ihre tiefen Atemzüge, wie unergründlich reizvoll es war, hilflos auf dem Stuhl zu sitzen, nicht zu wissen, was mit ihr geschehen würde. Befand sich Simon überhaupt noch im Zimmer, hörte sie nicht das leise Quietschen einer Tür? Aber nein, er hatte sie nicht verlassen, er war da, ein Schauer rieselte über ihre Haut, da etwas Warmes an ihre Brüste stupste, sein Penis vermutlich, er streichelte ihre Knospen, ließ sie zittern. Aber es war wohl doch ein Finger, denn der Penis berührte ihre Lippen, schob sich in ihren Mund, während die Brüste noch immer betupft und bestrichen wurden. Sie lutschte zärtlich am schwellenden Fleisch, liebkoste es innig; der magische Stab des Zauberers, der unbekannt aufregende Gefühle weckte. Sie spürte ihn zucken, spürte, wie er sich aufbäumte, empfing das salzige Sperma wie ein Kompliment, er fand ihren Mund reizvoll genug, sich darin zu ergießen, glücklich schluckte sie seine Gabe hinunter. – War er tatsächlich ein Zauberer? Kaum hatte er sie verlassen, begehrte er ein zweites Mal Einlass, kraftvoll schwellend schon wieder, als habe es das erste Mal nur in ihrem Traum gegeben. Erneut liebkosten ihn ihre Lippen, wieder wurde ihr Mund von seiner warmen klebrigen Flut überschwemmt.
»Sie ist ein Engel, nicht wahr?«
Zu wem sprach er denn da, hörte sie seine Stimme nicht hinter sich? Die Augenbinde wurde gelöst, verwirrt hob sie den Blick – und schaute in ein unbekanntes hageres Gesicht mit braunen Augen, die vor ihr zur Seite wichen, der Penis in ihrem Mund war der eines Fremden. Er stahl sich davon wie ein Eindringling aus verbotenem Terrain, kreisend leckte ihre Zunge seine zähen Spuren von den Lippen.
Simon erschien in ihrem Blickfeld, lächelte sie an. »Ich versprach dir eine Überraschung. Wenn ich vorstellen darf: das ist Johann, ein Freund von mir.«
Johann war jünger als Simon, ein Mann Mitte dreißig, hager, langes braunes Haar, schlecht rasiert, nicht unsympathisch. Er schaute scheu zu ihr herab, zuckte mit den Achseln, als wolle er um Nachsicht für seine Zudringlichkeit bitten. Gar nicht scheu waren hingegen seine Hände, sie streichelten ihre Brüste so selbstverständlich, als hätten sie das Recht dazu, ließen wohlige Seufzer von ihren Lippen perlen, glitten tiefer, schoben sich zwischen ihre Beine, entfachten loderndes Feuer, wonnig zerrte sie an den Ketten.
»Wenn du gewusst hättest, dass du Johann empfängst und nicht mich, hättest du es dann auch getan?«
»Ich weiß nicht (« Doch, sie wusste es, sie hätte ihn ebenso zärtlich liebkost und ebenso gerne empfangen. Es war wunderbar aufregend, von Simon einem Freund überlassen zu werden, und es war sehr reizvoll, diese fremde Hand zu spüren, vor der es keinen Schutz gab, keine Möglichkeit, sie abzuwehren, es war der Ausflug in ein verwunschenes Schloss, dessen Fürst sie das Fühlen lehrte.
Sanft streichelte Simon ihr Haar und sie wurde in seinen Blick getaucht. »Du hättest ihn nicht verschmäht, nicht wahr, mein Weib?« Sie blieb die Antwort schuldig, da sie der Lehre des Fürsten lauschte und sich in ihren Gefühlen verlor. Simon betrachtete sich versonnen, wie Johanns Hand sie zum Höhepunkt trieb, sie sich auf dem Stuhl aalte, der Welt entrückt ( Nach und nach kehrten die Sinne zurück wie Raben vom weiten Flug, das Zimmer, die Männer, sie selbst, es war wie ein Traum. Sie wurde von den Ketten befreit und in die Küche geschickt, um auch für Johann ein Glas zu holen. Nicht einen Moment dachte sie daran, sich der Anweisung zu widersetzen, denn Simon zu gehorchen war ihr Los und ihr Glück. Ins Zimmer zurückgekehrt, durfte sie sich neben Johann aufs Sofa setzen und wie von alleine öffneten sich ihre Knie, ohne dass Simon sie dazu auffordern musste. Noch immer lag ihr Kleid auf dem Boden, eine verlorene Hülle, die niemand brauchte. Sie ließen die Gläser aneinander klingen und der rote samtene Wein spülte den Mannesgeschmack aus Carolins Mund, was sie ein bisschen bedauerte. Draußen senkte sich die Dämmerung vom Himmel, die Schreibtischlampe verbreitete gelbes Licht, keine Gardine verwehrte die Sicht, hoffentlich schaute niemand vom Nachbarhaus herein. Johann tätschelte ihre Schenkel. Jetzt, da sie seine Hand hätte abwehren können, tat sie es nicht, ließ ihn gewähren. Er streichelte über ihre glatten Strümpfe, befühlte die Spitzen des Saums und die straff gespannten Strapse, die nackten Schenkel, den glühenden Schoß, fühlte die Kugeln, die sie noch in sich trug, spielte mit der roten Kordel wie mit einem Mechanismus, der sie in die Arme der Lust trieb, lauschte ihrem wonnigen Seufzen.
Simon hatte in einem Sessel Platz genommen mit übereinander geschlagenen Beinen, betrachtete sie wohlwollend wie ein Künstler seine gelungene Schöpfung. »Schön, dass du Freude an anderen Männern findest. Johann wird nicht der einzige meiner Freunde sein, den du kennen lernst.«
Sie hob den Blick, schaute ihn an, die Antwort kam von ihrem Körper, von den Brüsten, die sich in Johanns Hand schmiegten, vom Schoß, der sich um die Kugeln wiegte, von den geöffneten Lippen ( Ja, wenn Simon es so wollte, würde es gut für sie sein …
Copyright Jürgen B. Greulich 2004
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