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Trost der Gezähmten, Der

Jürgen B. Greulich 


Ein Mädchen nach dem andern wurde im Abstand einiger Minuten von den Auf­sehern aus dem Raum geholt, zuerst die mit dem rötlichen Haar und dem dunklen Teint, die Nicole hieß, dann Christine, die Schlanke mit dem kurzen blonden Haar, danach war Madeleine an der Reihe. Wohin man sie wohl brachte und was mit ih­nen ge­schah? Carolin musste an Simons Worte denken: Es wird dir nichts ge­sche­hen, was du dir nicht im Grunde deines Herzens wünscht. — Aber sie konnte sich das, was man hier mit ihr anstellte, doch unmöglich wünschen. Oder doch? Warum gab es kei­ne Auflehnung in ihr, keine innere Rebellion, keine Verzweiflung, warum konn­te sie sich so geduldig in ihr Schicksal fügen, fast erwartungsvoll? Man hätte mei­nen kön­nen, dass Simon sie besser kannte als sie sich selbst …
Wieder erklangen draußen die Schritte der Männer, die Tür wurde entriegelt und schwang mit einem leisen Knarren auf, die beiden Aufseher erschie­nen. »Caro­lin.« Sie erhob sich mit pochendem Herzen vom Stuhl, wurde am Ober­arm gepackt und aus dem Raum geführt. Einer der beiden schob den Türriegel wie­der vor, dann brachten sie Carolin zum Ausgang des Gebäudes und hinaus auf den menschen­ver­lassenen Platz. Die Son­nen­schirme, die Stühle und die Mat­ten waren weg­geräumt, nur die Ketten hingen von den ei­ser­nen Ringen. Der Him­mel war stern­klar, die Luft noch immer warm und die Mauern strahlten die Hitze des Tages ab. Die Männer führten sie zum Haus, an des­­sen Ring sie gekettet gewe­sen war, zu »ih­­rem Haus« also, und dort in ein großes Zimmer, in dem sich nie­mand befand. Auf einem Tisch standen einige Flaschen Wein, Mi­­ne­ral­wasser und ver­schiedene Glä­ser. Einer der Aufseher, der größere, der offen, fast einnehmend wirkte, legte ihr einen me­tallenen Gürtel um, der sich an einem Scharnier aufklap­pen und nur mit ei­nem Schlüssel wieder öffnen ließ. Eng spannte er sich um ihre Tail­­le. Drei Ringe wa­ren an ihm befestigt, zwei seitlich vorne, an die ihre Arm­bän­der ge­ket­tet wur­den, so dass sie die Hände nur noch halb ausstrecken konnte, und ei­ner hin­­ten in der Mitte. Die beiden Ketten, die von ihm herabbaumelten, wurden an ih­ren Fuß­­bän­dern angeschlossen, und das so kurz, dass sie halb in die Knie ge­zwun­gen wur­de. Die beiden nickten zufrieden und der größere gab ihr einen ne­cki­schen Klaps auf den Po, ehe sie den Raum verließen.
Da stand sie nun im schummrigen Licht zweier Stehlampen in dieser ebenso un­be­que­men wie unwürdigen Haltung, mit nichts als den Sandaletten an, und noch im­mer baumelte von ihrem Halsband die schwarze Leine herab. Nein, so hatte sie sich ihren Urlaub nicht vorgestellt. Die Tür wurde geöffnet und drei Herren in dunk­­­len Anzügen kamen herein. Drei! Sie wich einen halben Schritt zurück, aufge­spießt von funkelnden Blicken. Einer der dreien war der Stiernackige, den sie heute Nachmittag kauernd am Bordstein empfangen hatte; mit einem breiten Grinsen, das an die unwürdige Szene erinnerte, paffte er an einer dicken Zigarre. Der jüngs­te von ihnen, der ungefähr dreißig war, ein hellhäu­ti­ger, fein­glied­riger Künstlertyp, sagte einige Wor­­te zu ihr, von denen sie kein ein­zi­ges ver­stand. Der Stiernacken klärte ihn of­fen­bar auf, denn aus seinem Vortrag hörte sie das Wort »Allemande« her­aus. Er­freut zog der Feingliedrige die Augen­brau­en hoch. »Ah, Allemande?« Sie nickte und versuchte sein Lächeln zu erwidern, denn es war weniger herablassend als die der anderen beiden, fast lie­be­voll. Der Drit­te im Bunde, ein schmächtiger äl­te­rer Herr, der so aufrecht ging, als hät­te er ei­nen Stock verschluckt, griff nach ihrer Leine und sie folgte ihm mit trip­peln­den Schrit­ten zum Tisch, begleitet vom Klir­ren der Ketten. Seine Geste sagte ihr, was er von ihr wollte, und sie streckte die ge­fes­sel­ten Hände so weit wie möglich aus, griff nach einer schon entkorkten Flasche Rot­­wein und schenk­te umständlich ein Glas für ihn voll, ebenso für die ande­ren bei­­den. Die Männer ließen die Gläser an­­ein­an­der klingen und nahmen ein Schlück­chen; wie beiläufig glitt die Hand des Stier­nacki­gen an ihre Brüste. Auch der Stock­stei­fe begann ihren Körper zu erkun­den, zielstrebig schob sich sei­ne Hand zwi­schen ihre Beine. Carolin hielt still, denn sie durften das, ja sicher, sie durften alles, denn sie waren die Herren und hatten die Peitsche als Verbündete. Der Fein­glied­rige wollte ihr ebenfalls nicht fern blei­ben und die Hände schlängelten sich in alle Winkel ihres Körpers, der ihnen zu antworten begann, sich ihnen anschmiegte. Un­möglich, die aufsteigenden erregten Seufzer zurückzuhalten.
»Elle est lascif«, hörte sie den Stocksteifen sagen, während er mit ihren steifen Brustwarzen spielte. Lascif. Dieses Wort verstand sie wohl. Sie ist geil. Ja, das war sie al­lerdings, aber war das ein Wunder? Um es unter den herausfordernden Hän­den nicht zu sein, hätte sie frigid sein müssen. Der Stiernackige setzte ihr ein Glas Mi­neralwasser an die Lippen. Warum nur bekam man als Sklavin, dann also, wenn man ihn am meisten brauchen könnte, nie Alko­hol zu trinken? Als sei sie ein klei­nes Kind — oder ein Tier. Sie nahm einige Schlückchen, dann griff der Mann nach der Leine und führte sie zum roten Ledersofa an der Wand; halb in den Knien folg­te sie ihm mit ihren trippelnden Schritten. Sie musste vor dem Sofa niederknien und das Gesicht auf die Sitzfläche betten. Seine Hände pack­ten ihre Hüften, zerrten ihren Unterleib em­por, sein Penis drängte an ihren Hintern, suchte nach dem Ein­gang, fand ihn und durchbrach ihn mit einem harten Stoß, der einen erstickten Schrei von ihren Lippen trieb. Tief kam er in sie, dick und mächtig, pfählte sie, als hät­te sie es nicht besser verdient, und ergoss sich in sie, als sei sie zu nichts ande­rem hierher ins fremde Land gekommen. Schnau­bend zog sich der Mann aus ihr zurück. Eine Hand an ihrem Haarschopf zog sie sanft hoch, sie kam seufzend auf die Beine, fühlte das Sperma des Mannes über ih­re Lenden kriechen und spürte ein zärt­­liches Streicheln des Feingliedrigen an der Wan­ge. Er führte sie in den Raum ne­benan, in dem es eine Toilette gab, die sie sogar benutzen durfte. Danach musste sie sich auf dem Bidet niedergelassen und wurde von warmem Wasser für den nächs­­ten Herrn rein gewaschen.
Als sie ins Zimmer zurückkamen, war eines der Fenster geöffnet, um die stickige Luft und den dicken Zigarrenqualm hinauszulassen, eine gute Idee. Das schien auch der Feingliedrige zu finden, denn er lächelte und führte sie dorthin, als wolle er ihr die Aussicht zeigen. Mit sanftem Druck beugte er ihren Ober­körper nach vorn und sie stützte sich auf der Fensterbank ab, schaute auf den ver­lassenen Platz, den eine Stra­ßenlaterne in gelbes Licht tauchte, und sah direkt neben sich an der Haus­wand den eisernen Ring mit »ihrer« Kette daran. Aus dem mitt­leren Haus gegen­über klan­gen undeutliche Laute, waren es etwa die qualvol­len Schreie ei­nes Mäd­chens? Vorsichtig, als wolle er ihr nicht weh tun, drängte der Pe­nis des Fein­glied­rigen in ih­ren Hintern, fand leichten Zugang, schob sich tiefer und tiefer, spieß­­te sie gefühl­voll auf, be­weg­te sich einfühlsam in ihr. Auf­gelöst keuchte und stöhnte sie ihre Lust in die Nacht hinaus. Wenn er doch nur in ihren Schoß kom­men würde, der sich nach ihm sehn­te … Als er sich aus ihr zurückzog und seine Näs­se in ihr hin­ter­ließ, wa­ren die Lau­­te von gegenüber verstummt. Vielleicht wa­ren es ja doch kei­ne Schreie ge­wesen.
Dreimal noch in dieser Nacht nahm Carolin auf dem Bidet Platz, dann hatten die Her­ren genug von ihr. Der Stocksteife nahm ihr die Ketten und den Gürtel ab, der Stiernackige sprach einige Worte in ein rotes Telefon und der Feingliedrige saß ver­träumt auf dem Sofa. Ein drahtiger schnurrbärtiger Aufseher, den sie noch nicht ge­sehen hatte, holte sie ab. Auch er packte sie wie seine Kollegen am Oberarm. Beim Hin­ausgehen begannen sich die Herren miteinander zu unterhalten, tauschten sich wohl über ihre Qualitäten aus.
Sie wurde in die Villa gebracht und dort zur Dusche, unter der schon Claire stand, von der Tür aus von einem muskulösen Aufse­her beobachtet, den Carolin ebenfalls zum ersten Mal sah. Offenbar war Schichtwechsel gewesen. Carolin ge­sellte sich zu Claire unters erfrischende Wasser und sie tauschten ein müdes Lä­cheln. Gleich wandte Claire den glanz­losen Blick wieder ab, sicherlich hatte man auch sie ziemlich strapaziert. Gemeinsam wurden sie von beiden Aufsehern eine Trep­­­pe hinauf und oben ins letzte Zimmer des Korridors geführt. — Oh. So also schlie­­fen die Mädchen? An jeder Wand standen drei Käfige, gut zwei Meter lang, kaum einen Meter breit und hüfthoch, ausgestattet mit einer Matratze und einer rosa­­farbenen Decke. Drei von ihnen waren noch leer. Auf allen vieren krochen Ca­ro­­lin und Claire in den zugewiesenen Käfig, Carolin in den letzten links, Claire in den mittleren rechts. Die Aufseher verschlossen die Gittertüren und verließen den Raum, das trübe gelbe Licht verlosch.
Seufzend breitete Carolin die dünne Decke über sich und schloss die Augen. Wirklich ruhig war es hier nicht. Eines der Mädchen schnarchte, eine andere drehte sich von einer Seite zur anderen, irgendeine seufzte schwer. Vor Carolins Augen tauchten die Bilder des Tages auf. Unglaublich, was man hier mit ihr tat, unglaub­licher noch, dass sie das alles ertragen konnte. Und sogar mehr als nur ertragen … Keiner der Männer war in ihren Schoß gekommen, als sei das hier ein Tabu, alle hat­ten Lust geschürt, ohne sie zu stillen, und nun, da Carolin mit sich alleine war, wurde das Begehren in ihr fordernder und quälender, je länger sie sich auf der Mat­rat­ze wälzte. Das letzte der Mädchen, Christine, wurde hereingebracht und in den Kä­fig gesperrt, wieder verlosch das Licht und bald waren Christines gleichmäßigen Atemzüge zu hören. Alle schliefen, nur Caro­lin nicht … Wie von alleine glitten die Hände über ihren Bauch, die Schenkel, zwischen die Beine. Sie versuchte das woh­lige Seufzen zu zügeln, damit niemand aufwachte und sie bei ihrem Treiben er­tappte. Als hätte sie hier einen guten Ruf zu verlieren … Sie zerfloss in der Er­lösung, die wie eine Welle des Trostes über sie schwappte; der Käfig wurde zum Himmelbett …
Die kommenden Tage verrannen im gleich bleibenden Rhythmus. Den Nachmit­tag verbrachten die Mädchen draußen auf dem Platz, den Abend in »ihren« Häu­sern, aber mit stets wechselnden Männern. Auch das Wetter änderte sich nicht, strahlend blau war der Himmel, von keinem Wölkchen getrübt, fast hätte man mei­nen können, er sei nicht echt, sondern eine riesige, über die unwirkliche Kolonie gestülpte Glocke. Zwei der Mädchen, Nicole und Claire, wurden durch neue er­setzt. Erstaunlich, dass man immer wieder neue Opfer fand. Aber na ja, gar zu schwierig war es wohl nicht … Wie das Wetter, so blieben auch Carolins Gefühle gleich. Scham gehörte dazu und die Furcht vor der Peitsche, der sie dank ihres tadel­­losen Gehorsams aber entging. Schwester der Furcht war die Ohnmacht, das Wis­­sen, dass es hier auf diesem Hügel keine Rettung vor den Wünschen der Her­ren gab, den unumstrittenen Herrschern der kleinen Welt, die keine andere, keine gro­­ße Welt neben sich duldete. Sehnsucht nach Simon und danach, endlich wieder wie ein Mensch behandelt zu werden, nicht wie ein Tier, gehörten der Skala der Gefühle an, eben­so die tiefe, unbegreifliche Lust, die treu bei ihr blieb. Noch kei­ner ih­rer bis­heri­gen Urlaube war so empfindungsreich gewesen …
Eines Morgens, als sie aus dem Käfig kroch, wurde sie nicht mit den anderen Mäd­chen in den Frühstücksraum geführt wie gewohnt, sondern musste an der Sei­te des kleineren der Aufseher warten, bis sie alle den Raum verlassen hatten. Dann zog er einen kleinen Schlüssel aus der Westentasche und öffnete die Schlösser ihrer Bän­der, nahm ihr eines nach dem anderen ab. War es wirklich schon vorbei? Das aber war doch nicht der richti­ge Gedanke! Endlich war sie erlöst. Sie durfte zur Toi­let­te gehen, ohne Beobachtung wie ein richtiger Mensch, und als sie wieder ins Zim­mer kam, lag das weiße Kleid bereit, mit dem sie vor unendlich langer Zeit in den Lieferwagen gestiegen war. Es roch nach Weichspüler, war offenbar frisch ge­waschen. Sie streifte es über und wunderte sich, dass ein Sommerkleid so dick und schwer sein konnte. Der Mann winkte nach ihr und sie folgte ihm hinaus, war ja ge­wohnt, ihm zu gehorchen. Ohne sie am Oberarm zu packen führte er zum Hin­ter­­ausgang der Villa und zu einem kleinen Kabrio. Wollte er sie etwa den ganzen wei­­ten Weg zu ihrer Ferienwohnung im Norden fahren? Das Auto rollte eine kurvige Straße den Hügel hinab und gelangte nach einigen hundert Metern zu einem hohen schmie­deeisernen Tor. Eine Steinmauer, mehr als zwei Me­ter hoch, schirmte das Grund­stück von der Außenwelt ab, es gab ja auch eine Men­ge zu ver­ber­gen. Drau­ßen park­te im Schat­ten eines Baumes ihr Auto, daneben stand Simon, winkte ihr zu. Wie von Geisterhand bewegt schwang das Tor einen Spalt weit auf und sie schlüpf­te hinaus, schmiegte sich in Simons Arme. Zärtlich strei­chelte er ihr Haar und sie sah aus den Augenwinkeln heraus das Kabrio des Aufsehers wenden und zum Dorf zurückfahren. Ihr Auto war mit dem kompletten Urlaubsgepäck voll bepackt. Simon hielt die Beifahrertür für sie auf. »Fahren wir nach Hause.« Sie ließ sich in den Sitz sinken und Simon setzte sich ans Steuer, lenkte das Auto die schma­le Straße hinunter, auf der ihnen kein Wagen entgegenkam. Hoch stand die Sonne am Himmel, es war schon fast Mittag.
Forschend schaute Simon zu ihr herüber. »Wie war’s denn?«
Sie winkte ab. »Ziemlich seltsam.«
Er lächelte verstehend und seine Hand legte sich auf ihr Knie. »Man sag­te mir, dass es in dieser Siedlung etwas un­ge­wöhn­lich zugehe.«
Sie nickte. »Man mag dort Prinzessinnen nicht.« Seine weiteren Fragen verloren sich in ih­rer Leere. Als der Wagen auf die Autobahn fuhr, war sie eingeschlafen …

Copyright Jürgen B. Greulich 2005

 

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