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Trost der Gezähmten, Der
Ein Mädchen nach dem andern wurde im Abstand einiger Minuten von den Aufsehern aus dem Raum geholt, zuerst die mit dem rötlichen Haar und dem dunklen Teint, die Nicole hieß, dann Christine, die Schlanke mit dem kurzen blonden Haar, danach war Madeleine an der Reihe. Wohin man sie wohl brachte und was mit ihnen geschah? Carolin musste an Simons Worte denken: Es wird dir nichts geschehen, was du dir nicht im Grunde deines Herzens wünscht. — Aber sie konnte sich das, was man hier mit ihr anstellte, doch unmöglich wünschen. Oder doch? Warum gab es keine Auflehnung in ihr, keine innere Rebellion, keine Verzweiflung, warum konnte sie sich so geduldig in ihr Schicksal fügen, fast erwartungsvoll? Man hätte meinen können, dass Simon sie besser kannte als sie sich selbst …
Wieder erklangen draußen die Schritte der Männer, die Tür wurde entriegelt und schwang mit einem leisen Knarren auf, die beiden Aufseher erschienen. »Carolin.« Sie erhob sich mit pochendem Herzen vom Stuhl, wurde am Oberarm gepackt und aus dem Raum geführt. Einer der beiden schob den Türriegel wieder vor, dann brachten sie Carolin zum Ausgang des Gebäudes und hinaus auf den menschenverlassenen Platz. Die Sonnenschirme, die Stühle und die Matten waren weggeräumt, nur die Ketten hingen von den eisernen Ringen. Der Himmel war sternklar, die Luft noch immer warm und die Mauern strahlten die Hitze des Tages ab. Die Männer führten sie zum Haus, an dessen Ring sie gekettet gewesen war, zu »ihrem Haus« also, und dort in ein großes Zimmer, in dem sich niemand befand. Auf einem Tisch standen einige Flaschen Wein, Mineralwasser und verschiedene Gläser. Einer der Aufseher, der größere, der offen, fast einnehmend wirkte, legte ihr einen metallenen Gürtel um, der sich an einem Scharnier aufklappen und nur mit einem Schlüssel wieder öffnen ließ. Eng spannte er sich um ihre Taille. Drei Ringe waren an ihm befestigt, zwei seitlich vorne, an die ihre Armbänder gekettet wurden, so dass sie die Hände nur noch halb ausstrecken konnte, und einer hinten in der Mitte. Die beiden Ketten, die von ihm herabbaumelten, wurden an ihren Fußbändern angeschlossen, und das so kurz, dass sie halb in die Knie gezwungen wurde. Die beiden nickten zufrieden und der größere gab ihr einen neckischen Klaps auf den Po, ehe sie den Raum verließen.
Da stand sie nun im schummrigen Licht zweier Stehlampen in dieser ebenso unbequemen wie unwürdigen Haltung, mit nichts als den Sandaletten an, und noch immer baumelte von ihrem Halsband die schwarze Leine herab. Nein, so hatte sie sich ihren Urlaub nicht vorgestellt. Die Tür wurde geöffnet und drei Herren in dunklen Anzügen kamen herein. Drei! Sie wich einen halben Schritt zurück, aufgespießt von funkelnden Blicken. Einer der dreien war der Stiernackige, den sie heute Nachmittag kauernd am Bordstein empfangen hatte; mit einem breiten Grinsen, das an die unwürdige Szene erinnerte, paffte er an einer dicken Zigarre. Der jüngste von ihnen, der ungefähr dreißig war, ein hellhäutiger, feingliedriger Künstlertyp, sagte einige Worte zu ihr, von denen sie kein einziges verstand. Der Stiernacken klärte ihn offenbar auf, denn aus seinem Vortrag hörte sie das Wort »Allemande« heraus. Erfreut zog der Feingliedrige die Augenbrauen hoch. »Ah, Allemande?« Sie nickte und versuchte sein Lächeln zu erwidern, denn es war weniger herablassend als die der anderen beiden, fast liebevoll. Der Dritte im Bunde, ein schmächtiger älterer Herr, der so aufrecht ging, als hätte er einen Stock verschluckt, griff nach ihrer Leine und sie folgte ihm mit trippelnden Schritten zum Tisch, begleitet vom Klirren der Ketten. Seine Geste sagte ihr, was er von ihr wollte, und sie streckte die gefesselten Hände so weit wie möglich aus, griff nach einer schon entkorkten Flasche Rotwein und schenkte umständlich ein Glas für ihn voll, ebenso für die anderen beiden. Die Männer ließen die Gläser aneinander klingen und nahmen ein Schlückchen; wie beiläufig glitt die Hand des Stiernackigen an ihre Brüste. Auch der Stocksteife begann ihren Körper zu erkunden, zielstrebig schob sich seine Hand zwischen ihre Beine. Carolin hielt still, denn sie durften das, ja sicher, sie durften alles, denn sie waren die Herren und hatten die Peitsche als Verbündete. Der Feingliedrige wollte ihr ebenfalls nicht fern bleiben und die Hände schlängelten sich in alle Winkel ihres Körpers, der ihnen zu antworten begann, sich ihnen anschmiegte. Unmöglich, die aufsteigenden erregten Seufzer zurückzuhalten.
»Elle est lascif«, hörte sie den Stocksteifen sagen, während er mit ihren steifen Brustwarzen spielte. Lascif. Dieses Wort verstand sie wohl. Sie ist geil. Ja, das war sie allerdings, aber war das ein Wunder? Um es unter den herausfordernden Händen nicht zu sein, hätte sie frigid sein müssen. Der Stiernackige setzte ihr ein Glas Mineralwasser an die Lippen. Warum nur bekam man als Sklavin, dann also, wenn man ihn am meisten brauchen könnte, nie Alkohol zu trinken? Als sei sie ein kleines Kind — oder ein Tier. Sie nahm einige Schlückchen, dann griff der Mann nach der Leine und führte sie zum roten Ledersofa an der Wand; halb in den Knien folgte sie ihm mit ihren trippelnden Schritten. Sie musste vor dem Sofa niederknien und das Gesicht auf die Sitzfläche betten. Seine Hände packten ihre Hüften, zerrten ihren Unterleib empor, sein Penis drängte an ihren Hintern, suchte nach dem Eingang, fand ihn und durchbrach ihn mit einem harten Stoß, der einen erstickten Schrei von ihren Lippen trieb. Tief kam er in sie, dick und mächtig, pfählte sie, als hätte sie es nicht besser verdient, und ergoss sich in sie, als sei sie zu nichts anderem hierher ins fremde Land gekommen. Schnaubend zog sich der Mann aus ihr zurück. Eine Hand an ihrem Haarschopf zog sie sanft hoch, sie kam seufzend auf die Beine, fühlte das Sperma des Mannes über ihre Lenden kriechen und spürte ein zärtliches Streicheln des Feingliedrigen an der Wange. Er führte sie in den Raum nebenan, in dem es eine Toilette gab, die sie sogar benutzen durfte. Danach musste sie sich auf dem Bidet niedergelassen und wurde von warmem Wasser für den nächsten Herrn rein gewaschen.
Als sie ins Zimmer zurückkamen, war eines der Fenster geöffnet, um die stickige Luft und den dicken Zigarrenqualm hinauszulassen, eine gute Idee. Das schien auch der Feingliedrige zu finden, denn er lächelte und führte sie dorthin, als wolle er ihr die Aussicht zeigen. Mit sanftem Druck beugte er ihren Oberkörper nach vorn und sie stützte sich auf der Fensterbank ab, schaute auf den verlassenen Platz, den eine Straßenlaterne in gelbes Licht tauchte, und sah direkt neben sich an der Hauswand den eisernen Ring mit »ihrer« Kette daran. Aus dem mittleren Haus gegenüber klangen undeutliche Laute, waren es etwa die qualvollen Schreie eines Mädchens? Vorsichtig, als wolle er ihr nicht weh tun, drängte der Penis des Feingliedrigen in ihren Hintern, fand leichten Zugang, schob sich tiefer und tiefer, spießte sie gefühlvoll auf, bewegte sich einfühlsam in ihr. Aufgelöst keuchte und stöhnte sie ihre Lust in die Nacht hinaus. Wenn er doch nur in ihren Schoß kommen würde, der sich nach ihm sehnte … Als er sich aus ihr zurückzog und seine Nässe in ihr hinterließ, waren die Laute von gegenüber verstummt. Vielleicht waren es ja doch keine Schreie gewesen.
Dreimal noch in dieser Nacht nahm Carolin auf dem Bidet Platz, dann hatten die Herren genug von ihr. Der Stocksteife nahm ihr die Ketten und den Gürtel ab, der Stiernackige sprach einige Worte in ein rotes Telefon und der Feingliedrige saß verträumt auf dem Sofa. Ein drahtiger schnurrbärtiger Aufseher, den sie noch nicht gesehen hatte, holte sie ab. Auch er packte sie wie seine Kollegen am Oberarm. Beim Hinausgehen begannen sich die Herren miteinander zu unterhalten, tauschten sich wohl über ihre Qualitäten aus.
Sie wurde in die Villa gebracht und dort zur Dusche, unter der schon Claire stand, von der Tür aus von einem muskulösen Aufseher beobachtet, den Carolin ebenfalls zum ersten Mal sah. Offenbar war Schichtwechsel gewesen. Carolin gesellte sich zu Claire unters erfrischende Wasser und sie tauschten ein müdes Lächeln. Gleich wandte Claire den glanzlosen Blick wieder ab, sicherlich hatte man auch sie ziemlich strapaziert. Gemeinsam wurden sie von beiden Aufsehern eine Treppe hinauf und oben ins letzte Zimmer des Korridors geführt. — Oh. So also schliefen die Mädchen? An jeder Wand standen drei Käfige, gut zwei Meter lang, kaum einen Meter breit und hüfthoch, ausgestattet mit einer Matratze und einer rosafarbenen Decke. Drei von ihnen waren noch leer. Auf allen vieren krochen Carolin und Claire in den zugewiesenen Käfig, Carolin in den letzten links, Claire in den mittleren rechts. Die Aufseher verschlossen die Gittertüren und verließen den Raum, das trübe gelbe Licht verlosch.
Seufzend breitete Carolin die dünne Decke über sich und schloss die Augen. Wirklich ruhig war es hier nicht. Eines der Mädchen schnarchte, eine andere drehte sich von einer Seite zur anderen, irgendeine seufzte schwer. Vor Carolins Augen tauchten die Bilder des Tages auf. Unglaublich, was man hier mit ihr tat, unglaublicher noch, dass sie das alles ertragen konnte. Und sogar mehr als nur ertragen … Keiner der Männer war in ihren Schoß gekommen, als sei das hier ein Tabu, alle hatten Lust geschürt, ohne sie zu stillen, und nun, da Carolin mit sich alleine war, wurde das Begehren in ihr fordernder und quälender, je länger sie sich auf der Matratze wälzte. Das letzte der Mädchen, Christine, wurde hereingebracht und in den Käfig gesperrt, wieder verlosch das Licht und bald waren Christines gleichmäßigen Atemzüge zu hören. Alle schliefen, nur Carolin nicht … Wie von alleine glitten die Hände über ihren Bauch, die Schenkel, zwischen die Beine. Sie versuchte das wohlige Seufzen zu zügeln, damit niemand aufwachte und sie bei ihrem Treiben ertappte. Als hätte sie hier einen guten Ruf zu verlieren … Sie zerfloss in der Erlösung, die wie eine Welle des Trostes über sie schwappte; der Käfig wurde zum Himmelbett …
Die kommenden Tage verrannen im gleich bleibenden Rhythmus. Den Nachmittag verbrachten die Mädchen draußen auf dem Platz, den Abend in »ihren« Häusern, aber mit stets wechselnden Männern. Auch das Wetter änderte sich nicht, strahlend blau war der Himmel, von keinem Wölkchen getrübt, fast hätte man meinen können, er sei nicht echt, sondern eine riesige, über die unwirkliche Kolonie gestülpte Glocke. Zwei der Mädchen, Nicole und Claire, wurden durch neue ersetzt. Erstaunlich, dass man immer wieder neue Opfer fand. Aber na ja, gar zu schwierig war es wohl nicht … Wie das Wetter, so blieben auch Carolins Gefühle gleich. Scham gehörte dazu und die Furcht vor der Peitsche, der sie dank ihres tadellosen Gehorsams aber entging. Schwester der Furcht war die Ohnmacht, das Wissen, dass es hier auf diesem Hügel keine Rettung vor den Wünschen der Herren gab, den unumstrittenen Herrschern der kleinen Welt, die keine andere, keine große Welt neben sich duldete. Sehnsucht nach Simon und danach, endlich wieder wie ein Mensch behandelt zu werden, nicht wie ein Tier, gehörten der Skala der Gefühle an, ebenso die tiefe, unbegreifliche Lust, die treu bei ihr blieb. Noch keiner ihrer bisherigen Urlaube war so empfindungsreich gewesen …
Eines Morgens, als sie aus dem Käfig kroch, wurde sie nicht mit den anderen Mädchen in den Frühstücksraum geführt wie gewohnt, sondern musste an der Seite des kleineren der Aufseher warten, bis sie alle den Raum verlassen hatten. Dann zog er einen kleinen Schlüssel aus der Westentasche und öffnete die Schlösser ihrer Bänder, nahm ihr eines nach dem anderen ab. War es wirklich schon vorbei? Das aber war doch nicht der richtige Gedanke! Endlich war sie erlöst. Sie durfte zur Toilette gehen, ohne Beobachtung wie ein richtiger Mensch, und als sie wieder ins Zimmer kam, lag das weiße Kleid bereit, mit dem sie vor unendlich langer Zeit in den Lieferwagen gestiegen war. Es roch nach Weichspüler, war offenbar frisch gewaschen. Sie streifte es über und wunderte sich, dass ein Sommerkleid so dick und schwer sein konnte. Der Mann winkte nach ihr und sie folgte ihm hinaus, war ja gewohnt, ihm zu gehorchen. Ohne sie am Oberarm zu packen führte er zum Hinterausgang der Villa und zu einem kleinen Kabrio. Wollte er sie etwa den ganzen weiten Weg zu ihrer Ferienwohnung im Norden fahren? Das Auto rollte eine kurvige Straße den Hügel hinab und gelangte nach einigen hundert Metern zu einem hohen schmiedeeisernen Tor. Eine Steinmauer, mehr als zwei Meter hoch, schirmte das Grundstück von der Außenwelt ab, es gab ja auch eine Menge zu verbergen. Draußen parkte im Schatten eines Baumes ihr Auto, daneben stand Simon, winkte ihr zu. Wie von Geisterhand bewegt schwang das Tor einen Spalt weit auf und sie schlüpfte hinaus, schmiegte sich in Simons Arme. Zärtlich streichelte er ihr Haar und sie sah aus den Augenwinkeln heraus das Kabrio des Aufsehers wenden und zum Dorf zurückfahren. Ihr Auto war mit dem kompletten Urlaubsgepäck voll bepackt. Simon hielt die Beifahrertür für sie auf. »Fahren wir nach Hause.« Sie ließ sich in den Sitz sinken und Simon setzte sich ans Steuer, lenkte das Auto die schmale Straße hinunter, auf der ihnen kein Wagen entgegenkam. Hoch stand die Sonne am Himmel, es war schon fast Mittag.
Forschend schaute Simon zu ihr herüber. »Wie war’s denn?«
Sie winkte ab. »Ziemlich seltsam.«
Er lächelte verstehend und seine Hand legte sich auf ihr Knie. »Man sagte mir, dass es in dieser Siedlung etwas ungewöhnlich zugehe.«
Sie nickte. »Man mag dort Prinzessinnen nicht.« Seine weiteren Fragen verloren sich in ihrer Leere. Als der Wagen auf die Autobahn fuhr, war sie eingeschlafen …
Copyright Jürgen B. Greulich 2005
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