Sie sind hier:  >>> Literatur  >>> Geschichten 

Traummann, Der

Nicolas DeChambre 


Tina lag nackt auf den Rücken im Bett und spürte, wie er sich schwer auf sie legte und ruckartig in sie eindrang.
Sofort erinnerte sie sich daran, wie sie Ben das erste Mal traf, damals in der Volkshochschule, wo sie beide ihr Abitur nachholen wollten. Sie hatte sich extra für den ersten Unterrichtstag herausgeputzt, da sie einen guten Eindruck machen wollte. Zu oft war es vorgekommen, daß man sie gerade wegen ihrer Art sich zu kleiden kritisiert, sogar als Tussi bezeichnet hatte. Dies sollte an diesem Tag nicht passieren.
Ihr rot-braunes Haar wies keine Dauerwelle mehr auf, sondern war nun glatt, reichte ihr so bis zur Mitte ihres Rücken. Zwar trug sie noch immer ein knappes hellbraunes Shirt, aber es war nicht mehr bauchfrei, sondern verrutschte nur ab und zu, so dass man etwas Haut sah. Auch ihr Gesicht wies nur noch ein subtiles Make up auf und nicht mehr die von ihr so geliebte "Party-Kriegsbemalung", wodurch nun ihre hellblauen Augen viel besser zu Geltung kamen und auch ihr freundliches Antlitz unterstrich.
Alles im allen war sie froh, daß ihre Freundin Susanne, so wie sie eine gelernte Friseurin, ihr dazu geraten hatte, doch die Abendschule zu besuchen und ihren Hochschulabschluss nachzuholen, denn obwohl sie vorher ein mulmiges Gefühl hatte, fühlte sie sich jetzt in diesem Raum richtig gut. Sie tat das richtige, das spürte sie.
Sein rhythmisches Pumpen wurde schneller, sein Atem beschleunigte sich. Mit seinen muskulösen Armen, auf denen jeweils eine Tätowierung prangerte - eine war das Supermanzeichen, die andere das Playboyemblem - stützen sich neben ihr ab, wodurch es ihm gelang, mit viel mehr Kraft in sie hineinzustoßen. Sie seufzte bei jedem seiner Stöße.
Ben war schon damals der pünktlichste von allen gewesen. In sein Buch vertieft, saß er da und sah nur ab und zu auf, um die Neuankömmlinge zu begutachten und sich dann wieder seiner Lektüre zu widmen. Doch als Tina den Raum betrat, blickte er etwas länger auf, schien sie mit etwas zusammengekniffenen Augen genau zu studieren, jedoch war sein Blick weit davon entfernt, als "abchecken" qualifiziert zu werden. Einen solchen Blick kannte Tina nur zu genüge. Ben kannte diesen Blick gar nicht. Nein, sofort als Tina Bens Aufmerksamkeit auf sich bemerkte, spürte sie sein, nun, "Interesse", dem sogleich ein Lächeln folgte, das Tina als Einladung auffaßte und sich neben ihm setzte.
"Was?" war dann auch ihre erste Frage und zeigte ihm ihr schönstes Lächeln.
"Nun, Entschuldigung, wenn ich dich so angestarrt habe, aber du sahst genauso fragend aus, wie ich eben beim Betreten des Raumes ausgesehen haben muß", stellte Ben fest, während Tina genau seine braunen Augen beobachtete, die, so hatte sie es gelernt, angeblich nicht lügen konnten. Augen können nicht lügen, Bens - so lernte sie mit der Zeit - schon gar nicht.
"Welche Frage?" Tina mußte noch mehr lachen.
"Die Frage "Was zum Teufel mache ich hier?" und natürlich die Frage "Wieso guckt mich der Perversling so an?"" Ben sagte dies so nüchtern, daß es schon wieder komisch wirkte. Man merkte geradezu, daß es sich um eine Herausforderung handelte und er darauf wartete, wie man regierte. Ein Test.
"Nun, ich für meinen Teil will hier mein Abitur nachholen, und so pervers siehst du gar nicht aus. Aber das kann ja täuschen."
Ben kniff wieder die Augen zusammen und nickte grinsend.
"Du wirst es schon herausfinden. Ich bin Ben."
Damit reichte Ben ihr die Hand. Tina lächelte, verbeugte sich andeutend und nahm seine Hand.
"Und ich bin Tina."
"Sehr erfreut, Fräulein Tina. Ich male mir jetzt schon in meiner dreckigen Phantasie aus, was ich mit dir auf dem Lehrerpult so alles tun könnte." Sein Lächeln war zutiefst anstößig.
"Du weißt doch noch gar nicht, was man mit mir auf einem Lehrerpult alles machen kann. Aber vielleicht zeige ich es dir. Wenn du keinen Nachholbedarf hättest, wärst du ja auch nicht hier."
"Touché."
Seine Hände waren jetzt überall. Eine unter ihrem Gesäß, die es noch mehr gegen das seine preßte, damit er noch tiefer in sie eindringen konnte. Die andere Hand knetete ihre linke Brust, während er mit seinem Mund an der rechten gierig saugte.
Zum ersten Mal in ihrem Leben ging Tina gerne zur Schule. Hatte sie es sich vorher auch als ziemlich schwer vorgestellt, besonders da sie ja noch nebenher jobben mußte, kam durch Ben eine Leichtigkeit hinzu, die alle Anstrengung und Sorgen wegzublasen schien. Nichts machte ihm wirklich Sorgen. Für ihn gab es immer eine Lösung oder einen Ausweg, und Tina ließ sich nur allzu gerne von ihm anstecken.
Immer wieder überraschte er sie, indem er sich was neues einfallen ließ. Mal färbte er seine eigentlich braunen Haare vollkommen blau, weil sie zu ihm gemeint hatte, er würde es nicht tun, dann wieder kleidete er sich wie ein Papagei, weil sie meinte, es sei enorm wichtig, sich anständig zu kleiden. Ihm schien kein Spaß zu schade, um sie zum Lachen zu bringen, und Tina konnte bei ihm viel lachen.
Plötzlich drehte er sie auf den Bauch, drückte ihre Beine nach oben, so dass sie nun vor im hockte, dass Gesäß leicht in die Luft gestreckte. Wieder spürte sie seinen bis zum Bersten erigierten Penis in sich eindringen, den sie mit einem lauten Stöhnen in sich aufnahm. Sofort bewegte er sich wieder in mit seinem eigenen Rhythmus in ihr, ließ eine Hand um ihr Becken gleiten, während seine andere auf ihrer Brust ruhte.
Aus Tagen, wurden Wochen, aus Wochen Monate. Arbeiten kamen und gingen, ob schwer oder leicht, sie bestanden alle, auch wenn Tina nie glauben konnte, dass sie es wirklich schaffen konnte. Sie war dann immer froh, wenn Ben sich mit seiner unvergleichlichen Art ihrer annahm und ihr half. Besonders, wenn es schwer war, klappte er ihr die Bücher zu und zog sie nach draußen, damit sie irgend etwas anderes machten, wie Eisessen oder einfach nur Spazierengehen, damit sie wieder den Kopf freibekam.
"Es gibt mehr im Leben als Bücher und Schule", pflegte er immer zu sagen, "Und wenn die zu viel lernst, dann vergißt du zu leben. Das Leben mußt du erleben, nicht darüber lesen."
Sie konnte dann immer nur über ihn lächeln. Für ihn war alles so einfach, so klar. Er schien keine Hindernisse zu kennen, die er nicht mit seinem Witz und Charme überwinden oder umschiffen konnte. Und er sorgte dafür, daß ihre Probleme nicht mehr so groß erschienen.
Ihre Familie war nicht gerade ein Ort der Unterstützung. Auch ihr Freund Patrick, für den es nichts wichtiger als das Reparieren von Autos gab, die andere auf unverantwortliche Weise verschrotteten, war nicht gerade angetan davon, dass sie wieder zur Schule ging.
"Du hast doch einen guten Job", pflegte er zu sagen, "Weil du zur Schule gehst, kannst du weniger arbeiten und kriegst weniger Geld. Das ist doch bescheuert."
"Geh deinen Weg", war die Antwort von Ben. "Kein Meer, kein Fluß und auch kein Bach läßt sich von einer Klippe, einen Felsen oder einen Stein vorschreiben, wohin oder gar das er zu fließen hat. Sie suchen sich halt einen anderen Weg, mehr aber auch nicht. Und mit der Zeit, tragen sie die Klippe, den Felsen und den Stein langsam ab und fließen letztendlich doch dorthin, wo sie eh hinwollten."
Für Ben war alles so einfach und dadurch wurde es auch für sie einfacher.
Es breitete ihr die Beine, umschlang sie mit beiden Armen und zog sie nach hinten, so dass sie nun mit ihren Rücken fest an seinen Bauch gepresst auf ihm saß. Ihre Hüfte durch seinen starken Arm wie in einem Schraubstock gefangen, bewegte er auf und ab, dirigierte so die Stoßfrequenz, ohne daß sie etwas dagegen machen konnte.
"Ich weiß nicht, sieht das wirklich aus?" Tina war mit der Zeit bei ihrer Kleidung sehr wählerisch geworden, denn sie musste nun zwei Anforderungen genügen. Ihr Freund mochte die Sachen nicht, die sie zur Schule trug, sie waren ihm zu spießig. Und die Sachen, die ihr Freund mochte - obwohl es ihm wahrscheinlich am liebsten war, wenn sie die ganze Zeit nackt herumgelaufen wäre, was ihm Zeit erspart hätte -, konnte sie unmöglich zur Schule anziehen, da sie um die mißachtenden Blicke fürchtete.
Ben sah das ganze anders.
"Gefällt es dir?" war meist die Frage, die er stellte. Doch so dachte Tina nicht. Bei ihr war es wichtiger, ob es ihrem Freund oder den anderen Leuten gefiel, darauf kommt es an. Man ist, wie man wahrgenommen wird.
"Schon", war die häufigste Antwort, bevor sie doch etwas anderes holte, was eher dem entsprach, was man von ihr erwartete.
Überhaupt war Ben kein guter Einkaufsberater. Für ihn war ein perfektes Outfit, wenn man die Hose untenherum und das Hemd über den Kopf gezogen hatte, mehr zählte für ihn nicht. Man muß sich in den Sachen wohlfühlen, sonst ist man gehemmt, war seine Devise. Tina war geneigt, ihm zu glauben, aber sobald sie nach hause zurückkehrte, ließ sie sich eines Besseren belehren. Ein abfälliger Blick von Patrick genügte.
Immer intensiver wurde das Gefühl, daß er gleich kommen würde.
Mit der Zeit hatte Tina mitbekommen, dass Ben sie immer öfter so komisch ansah. Sein Blick wirkte dann merkwürdig verklärt und traurig, schien der Wirklichkeit entrückt. Auch sie spürte in sich so ein Gefühl, besonders, wenn sie wieder einmal seiner vollkommenen Aufmerksamkeit gewahr wurde. Bei ihm fühlte sie sich verstanden, respektiert und wichtig, mehr als bei jedem sonst. Doch sagen, konnte sie ihm das nicht. Wer war sie schon? Nur eine kleine Frisöse, die ihren Abschluß nachholte.
Und dann war der Tag gekommen, wo es keine Arbeiten mehr zu schreiben gab, wo alles getan war und sie tatsächlich ihr Abitur in Händen hielt. Sie hatte es geschafft. Sie hatten es beide geschafft, gemeinsam. Doch nun sollten sich ihre Weg trennen. Für immer. Oder doch nicht?
Durch seine zusammengebissenen Zähne konnte sie vernehmen, dass er gerade gekommen war. Augenblicklich löste sich der harte, unnachgiebige Griff und ließ Tina nach vorne sacken. Sofort glitt er aus ihr heraus und legte sich auf die Seite, um kurz zu verschnaufen. Dann stand er auf und begab sich ins Badezimmer.
Tina sah Patrick nach. Schon seit langem gingen ihr die Gedanken durch den Kopf, Gedanken, die sie immer mal wieder in den letzten Jahren gehabt hatte, aber nie wirklich zu Ende zu denken gewagt hatte. Und gerade jetzt, drei Monate nach ihrem Abitur kam er ihr immer wieder in den Kopf: Ben. Sie vermisste ihn. Vermisste sein Lachen. Vermisste seine Späße. Vermisste seine chaotische Art. Vermisste einfach ihn.
Was er wohl machte? Dachte er auch an sie?
"Wir sind alle unser eigen Schicksal Schmied", hatte er immer gesagt, "und ernten das, was wir gesät haben."
Tina hatte oft darüber nachgedacht, ihn einfach mal anzurufen, hatte es aber nie gewagt. Was hätte sie ihm auch sagen sollen?
Nun war es zu spät, den seit heute war sie mit Patrick verheiratet.

Copyright Nicolas DeChambre 2002

 

Zugriffe heute: 1 - gesamt: 2821.

 

 

Diese Seite drucken