Kuss, Der

Kuss, Der

ODER DER RAUBBAU AN DER GESUNDHEIT

Mein Freund Horbert ist einer, dem man, begegnet man ihm im Dunkeln, lieber aus dem Weg geht. Er ist ein Hüne mit kahlrasiertem Schädel und stets grimmigem Gesicht. Ein dichtes Geflecht aus Tätowierungen überzieht seine Haut. Es soll schon vorgekommen sein, daß Horbert in der Kneipe einen ausgewachsenen Mann plötzlich mit ein paar wuchtigen Schlägen zu Boden befördert hat, doch im Grunde ist er ein netter und durchaus liebenswerter Kerl. Wie wir alle trägt er ein Geheimnis in sich, und weil ich die selbe Stammkneipe habe wie er, und außerdem befreundet mit ihm bin, war es mir vergönnt, einen Gutteil seines Geheimnisses am eigenen Leibe zu erfahren. Irgend etwas war mit Horbert passiert. Sein Gang erinnerte schon immer ein wenig an den eines Affen, doch seit ein paar Wochen schien er mir noch krummer zu gehen. Kam Horbert in die Kneipe, bestellte er sich ein großes Memminger, dazu einen dreistöckigen Rum und verzog sich an seinen Stehtisch am hintersten Ende der Bar.
An dem Abend, an dem ich begann, seinem Geheimnis auf den Grund zu gehen, war sein Gesicht so blass, wie ich es noch nie zuvor gesehen hatte. Er sah schrecklich mitgenommen aus, doch in seinen Augen lag ein zufriedener Glanz. Ich nahm mein Bier und stellte mich zu ihm an den Tisch. "Was ist passiert?" sagte ich mit einem "mir kannst dus doch sagen - Ausdruck" in der Stimme. Horberts Mund tat sich auf und er sagte: "Mercedès."
"Frau oder Auto?" fragte ich. "Frau ... zumindest sowas in der Richtung." Keiner von uns hatte Horbert je zusammen mit einer Frau gesehen. Es wurde gemunkelt, daß er keinen hochkriegte. Natürlich nur, wenn Horbert nicht dabei war. Niemand hatte Lust, mit seinen Fäusten Bekanntschaft zu machen. "Alle Achtung" sagte ich voll ehrlicher Anerkennung. Horbert winkte ab und trank einen Schluck Bier. "Ist nicht so, wie du denkst. ... Nicht ganz jedenfalls." "Wie ist es denn?" Horberts Finger spielten an seinem Ohr. Er schien zu überlegen, ob er meine Frage beantworten sollte. Dann sagte er leise: "Sie ist ein Vampir."
"Was ist sie?" "Ein Vampir. Sie saugt mir das Blut aus." Horbert lüftete sein Kapuzenshirt und zeigte mir seinen Hals. Ich sah dort zwei mittelgroße Stichwunden. Zwischen ihnen war etwas, das wie ein überdimensionaler Knutschfleck aussah. Die beiden Köpfe des Adlers, der an dieser Stelle auf seine Haut tätowiert war, konnte man jedenfalls kaum noch erkennen. Gebannt starrte ich auf die Wunde, bis Horbert sie wieder unter dem Stoff verschwinden ließ. "War das Mercedès?" Horbert nickte, seine Augen waren ganz klein geworden. "Was ist mit dir los?" sagte ich. "Es macht dich an, von einer Frau das Blut ausgesaugt zu bekommen?" "Ist doch nichts Besonderes", entgegnete er gelassen. "Ich war verheiratet. Das war nicht groß was Anderes, war nur viel weniger geil als bei Mercedès." Er sah mich an und bekam ein breites Grinsen ins Gesicht. "Nun guck nicht so, als hätte ich sie nicht mehr alle. Es ging mir nie besser als jetzt." "Wirklich?"
"Wirklich!"
"Wenn du meinst."
"Meine ich" bestätigte Horbert. Dann wurde seine Miene ernst: "So Kleiner, und jetzt guckst du dich mal um hier!" Ich tat es. "Und - was siehst du?"
"Typen, die in der Kneipe abhängen." "Richtig!", sagte Horbert. "Lauter armselige Gestalten, die sich Tag für Tag gegenseitig das Leben zur Hölle machen. Frauen, die ihren Männern das Mark aus den Knochen saugen, Männer, die das selbe mit ihren Frauen machen, und bei den Schwuchteln ist es garantiert auch nicht anders. Wer von denen einen Job hat, läßt sich auch noch von seinem Chef auslutschen. Aber ich schwöre dir: Kein Chef, keine Frau macht es so wie Mercedès." Wie Horbert mich nun ansah, mußte es wirklich etwas Besonderes auf sich haben mit seinem Vampir. "Bring sie doch mal mit her", schlug ich vor, doch Horbert schüttelte den Kopf. "Ich hab keinen Bock auf das Gequatsche, was dann hier abgeht." Sein Blick bekam etwas träumerisches. "Aber du müßtest sie mal sehen, Kleiner."
Bevor er ging, nannte er mir die Adresse von einem Club. Sie war im Nachbarbezirk. Der Laden befand sich im Parterre eines Wohnhauses. Alles sah ziemlich abgewrackt aus. Als ich es geschafft hatte, die Eingangstür aufzukriegen, umfing mich dumpfer, rhythmischer Lärm. Vor mir tat sich ein Gewirr aus dunklen, verwinkelten Räumen auf. Eine Unmenge abwesend aussehender Gestalten drückte sich hier herum. Überall waren Fernseher aufgestellt. Über die Bildschirme flirrten wirre Folgen bunter Bilder. In einem Raum gab es eine Bühne. Ein paar Jungs standen dort oben und bearbeiteten die Tastaturen ihrer Keyboards. Gleich nebenan befand sich eine Bar. Horbert saß auf einem Hocker am Tresen. Rechts neben ihm thronte ein Wesen mit irre langen, pechschwarzen Haaren. Es war unheimlich hager und trug hohe Stiefel. Seine Haut war mit Leder und löchrigem Nylon überzogen. Als mich Horbert erblickte, beförderte er den Typen zu seiner Linken von seinem Barhocker herunter und lud mich ein, darauf Platz zu nehmen. "Herzlich willkommen, Kleiner! Mercedés, das ist Maik, Maik, das ist Mercedés." Die Schwarzhaarige bekam ein Lächeln in ihr bleiches Gesicht. Ein Paar grüner Augen funkelte mich an, und ich hatte große Mühe, nicht in ihrem riesigen, schwarz geschminkten Mund zu versinken. Zum Glück drängte sich Horberts kahlrasierter Schädel zwischen uns. "Siehste Kleiner, genau so ist es mir gegangen, als ich sie das erste Mal gesehen hab."
"Der Kleine gefällt mir" rief eine rauhe, tiefe Stimme, die zweifelsohne zu Mercedés gehörte. "Das hier ist übrigens Clarissa." Sie zeigte mit ihren langen, spitzen Fingernägeln auf ein Mädchen mit blondem Pferdeschwanz. Die Blonde nippte lustlos an ihrem Drink und schickte ihre Blicke zu dem Flaschenregal hinterm Tresen. "Ich hab jetzt wirklich einen nötig" röhrte Mercedés. Sie richtete ihre grünen Augen und den Riesenmund auf Horbert. Der schwang sich von seinem Sitz, reichte Mercedés seinen Arm, und auch sie entstieg ihrem Barhocker. Als die Beiden in der Menge verschwunden waren, setzte sich die mit dem Pferdeschwanz zu mir. "Ist er dein Freund?" fragte sie. Ich nickte, und sie nippte wieder an ihrem Drink.
"Ich heiße übrigens Clara. Sie nennt mich immer Clarissa, aber ich mag es nicht. Sagst du Clara zu mir?" "Aber Claro. Was machen die beiden jetzt?" Clara beugte sich zu mir, daß ihr kleiner Mund ganz dicht an meinem Ohr war: "Sie schließen sich auf dem Klo ein. Mercedés geht ihm an die Hose, und dann beißt sie ihn in den Hals." "Warum tut sie das?"
"Sie hat Hunger", sagte Clara ruhig. "Und wenn sie ihm dabei einen runterholt, fließt das Blut besser." Ich verschluckte mich, und Clara klopfte mir auf den Rücken. "Gefällts dir hier?" fragte sie, als ich wieder Luft bekam. "Es geht so."
"Mir gefällts auch nicht, wollen wir gehen?" Sie war schon aufgestanden. Wir traten hinaus auf die Straße. Obwohl noch winterlich, war die Luft schon recht mild. Sterne standen am Himmel, es würde also auch nicht regnen. "Ihr seid Freunde, ... Mercedés und du?" versuchte ich einen Anfang. Clara schüttelte energisch den Kopf. "Sie ist meine Schwester, und Mercedés heißt sie auch nicht." Es wäre mir nicht in den Sinn gekommen, daß der schwarze Vamp und das Mädchen neben mir miteinander verwandt sein könnten. Und dann auch noch Schwestern. Zwischen den beiden lagen doch mindestens zwanzig Jahre. Mir wurde plötzlich ein wenig bang. "Ihr seid wirklich Geschwister?" fragte ich noch einmal. Clara sah mich aus scheuen Augen an und nagte mit den Zähnen an ihrer Unterlippe. Dann nickte sie, ganz langsam. "Heißt das, du bist auch ... ein Vampir?" Wieder nickte sie. "Dann trinkst du auch ... das Blut von anderen?"
"Na klar!" Sie lachte mich fröhlich an. "Ich bin schließlich ein Vampir." Dann blieb sie stehen.
"Guck mal" sagte sie und machte ihren Mund weit auf. Sie zog ihre Oberlippe ein Stückchen nach oben und entblößte einen unheimlich langen Eckzahn. Er war spitz, leicht gekrümmt und sah sehr elegant aus. "Darf ich den mal anfassen?", entfuhr es mir. "Na klar darfst du - aber paß auf." Vorsichtig berührte ich ihren Zahn mit dem Zeigefinger. Seine Spitze war wirklich sehr scharf. Auf meiner Haut kribbelte es. "Willst du jetzt mein Blut?" Claras Miene wurde traurig. "Ich weiß nicht", sagte sie mit leiser Stimme. "Bei dir trau ich mich nicht so richtig." "Und wieso nicht?" Ich spürte, daß ihr meine Frage peinlich war. Clara sah an mir vorbei und sagte: "Ich hab bisher nur welche gebissen, die ich nicht kannte ... die ich nicht so mochte." Sie senkte ihren Kopf und sah nun richtig traurig aus. Ich legte meine Arme um sie, und Clara schmiegte sich an mich. Weil sie mich mag, will sie mein Blut nicht - ging es mir unaufhörlich durch den Kopf. Schließlich hielt ich es nicht mehr aus, und ich fragte: "Willst du mich wirklich nicht?" "Doch", schluchzte Clara. "Ich will ja. ... Aber ich hab doch noch nie mit einem, den ich mag." Sie begann, leise zu weinen. Ich hielt sie in meinen Armen und mußte an das Leuchten in Horberts Augen denken, als er mir zum ersten Mal von seiner Mercedés erzählt hatte. "Ich kenne da einen Ort, an dem wir ungestört sind", kam es über meine Lippen. "Wollen wir es dort probieren?"
"Na gut" sagte Clara und hörte auf zu weinen. Sie hakte sich bei mir unter, und wir gingen los. Nicht weit entfernt befand sich einer meiner Lieblingsplätze: Ein Hügel, auf dem, umgeben von Bäumen und dichtem Buschwerk ein alter Turm und eine Ruine stehen. Dort oben gibt es auch eine versteckte, kleine Wiese mit ein paar Bänken darauf. Ich mag diesen Ort. Schon oft war ich mit einer Frau dort gewesen, doch noch nie war ich dabei so aufgeregt wie in dieser Nacht, mit dem schüchternen Vampir an meiner Seite.
"Stimmt das, daß ihr sterben müßt, wenn euch das Sonnenlicht trifft?", fragte ich sie. Clara schenkte mir ein mitleidiges Lächeln. "Daß ihr immer so übertreiben müßt. Wir sterben nicht in der Sonne. Wir explodieren auch nicht. Wir werden nur schneller alt. Mercédes hat die Sonne schon oft gesehen, und sie ist genau so alt wie ich." Vor uns erhob sich der Hügel, schwarz ragte der alte Turm in den Nachthimmel. Wir stiegen die hölzernen Treppenstufen hinauf. Mir war sehr warm, und mein Herz schlug heftig. Es war mein erstes Mal mit einem Vampir. "Wollen wir hier?" fragte ich, als wir vor der Ruine standen. "Ja gut, laß es uns hier probieren." Claras Stimme klang unsicher. "Was muß ich tun?" "Lehn dich an die Mauer, und versuch, dich zu entspannen." Ich tat es, und Clara stellte sich vor mich. Sie schloß ihre Augen und küßte mich auf den Mund. Ihre Lippen waren ganz weich und warm. Meine Zunge wollte schon zwischen ihnen hindurchschlüpfen, doch dann erinnerte ich mich an ihren riesigen, spitzen Eckzahn und ließ es bleiben. Claras Lippen glitten über mein Kinn, zu meinem Hals. Mit einer Hand strich sie mir über den Kopf, die andere schob sich langsam an mir nach unten. Als sie zwischen meinen Beinen angelangt war, machte sie halt. Ich spürte, wie sich ihre Lippen an meinem Hals festsaugten. Gleich ist es soweit, schoß es mir durch den Kopf. Alles in mir zog sich zusammen. Claras Lippen hörten auf, zu saugen. Ich bemühte mich, ruhig und gleichmäßig zu atmen. Sie machte weiter.
Ihre Hand strich über meinen Kopf, und ich spürte, daß sich etwas in meinen Hals bohrte. Es dauerte einen Moment, dann folgte der Schmerz: ein stechender, brennender, unerträglicher Schmerz. Ich setzte alles daran, weiter ruhig zu atmen und nicht zu verkrampfen, doch es war sinnlos. Clara stöhnte auf. Mit einem Ruck zog sie ihre Zähne aus mir heraus. Dann stand sie vor mir und hielt sich die Hände vor den Mund. "Spinnst du?", fuhr ich sie an. "Das tut schweinisch weh! Willst du mich umbringen?".
"Ich hab dir ja gesagt, daß es nicht geht", kam es nuschelnd hinter ihrer Hand hervor. Wir brauchten eine Weile, uns von unseren Schmerzen zu erholen.
"Es tut mir leid" sagte Clara. "Mir tut es auch leid." Wir sanken einander in die Arme und standen da wie zwei, die gerade versagt hatten. "Was wirst du jetzt tun?" fragte ich. "Ich weiß nicht", schluchzte Clara. "Vielleicht in den Club zurückgehen. Da find ich sicher leichter was zum beißen." "Bist du hungrig?"
"Ja ... ganz schrecklich." "Und du möchtest in den Club zurück?" Sie schüttelte den Kopf, eine Träne kullerte über ihre die Wange. Mir war elend zumute. Ich wollte Clara die Träne von der Wange küssen, doch ich kam zu spät. Sie fiel auf meine Jacke und rutschte an ihr in die Tiefe, dabei eine nasse Spur hinterlassend. Ich weiß nicht, warum ich gerade in diesem Augenblick an Claras Worte über Mercedés und Horbert auf dem Klo denken mußte. Auf alle Fälle kam mir eine Idee: "Hast du nicht gesagt, daß sie ihm an die Hose geht - weil dann das Blut besser fließt?" Clara nickte. "Warum hast du das bei mir nicht gemacht?" "Ich wollte ja - aber dann kam ich mir so komisch vor dabei."
"Und warum?"
"Warum, warum, warum" äffte sie mich nach. "Weil ich das nur mit welchen mache, die ich nicht kenne ... die ich nicht so mag!"
"Und was machst du mit denen, die du magst?" Sie sah mich erstaunt an. "Warum willst du das wissen?" "Vielleicht paßt es zu dem, was ich mit welchen mache, die ich mag." Clara bekam ein Lächeln ins Gesicht. Ich zog sie mit mir auf die Wiese, setzte mich auf eine Bank und bedeutete ihr, rittlings auf mich zu steigen. Clara zögerte einen Moment, dann tat sie es. Sie beugte sich zu mir, daß sich unsere Wangen berührten. Ihre Haut glühte, genau wie meine. Dann mußte sie plötzlich lachen. "Ich glaub, ich mach es auch so wie du", sagte sie kichernd und gab mir einen Kuß. Dann hielt sie jedoch inne und kaute wieder an ihrer Lippe. "Was hast du?" "Es gibt da ein kleines Problem."
"Was für ein Problem?"
"Wir sind sehr fruchtbar. Es könnte sein, daß dabei ein kleiner Vampir entsteht."
"Ist das schlimm?"
"Ich weiß nicht", sagte Clara. "Wenn er erwachsen ist, wird er Menschen beißen, um sich zu ernähren." Ich dachte an Horbert, an das, was er mir über seine Ehe gesagt hatte, und versicherte ihr, daß ich kein Problem damit hätte. "Das ist schön" sagte Clara zärtlich und streichelte meinen Hals. "Wenn unser Kleiner erwachsen ist, so in zwei bis drei Wochen, werd ich ihm sagen, daß du sein Vater bist. Es bringt nämlich Unglück, wenn wir das Blut unserer Eltern trinken." Dann wurde es dunkel.
Seit unserer ersten Begegnung treffe ich des Nachts immer öfter auf wildfremde Gestalten, die mich freundlich grüßen, wenn sie an mir vorbeigehen. Einmal hab ich Horbert gefragt, ob er das für bedenklich hält, doch er hat mich nur angegrinst, den Kopf geschüttelt und mir ein großes Bier spendiert.

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