Kollateralschaden der Lust

Kollateralschaden der Lust

Auszug

Ich kenne Sabrina jetzt seit drei Monaten. Sie war es, die mir das sagte. Mir kommt es vor, als würden wir seit Ewigkeiten miteinander verkehren. Seit es sie gibt, ist meine wohlsortierte Welt radikal in Unordnung geraten.
Ich bin sechsundsechzig Jahre alt, verfüge über eine hübsche Beamtenpension, wohne in einer komfortablen Dachgeschosswohnung und trage einen Defibrillator und drei Stents in meiner Brust. Mein einziges Problem – meine überbordende Libido. Aber Gott sei Dank ist jetzt Sabrina da.
Wollen Sie wissen, wie ich sie kennengelernt habe?
Mittwochs kommt der zitty. Oder der tip. Da stehen jede Menge Kleinanzeigen drin. Rubrik „w sucht m“.
„Dralle Brünette, sehr lustvoll, diskret, gepflegt, humorvoll, 28“
Oh lala! Berlin hat in dieser Hinsicht einiges zu bieten. Achtundzwanzig! Gerade richtig für mich. Ich bin älter. Na und. Ich sehe noch gut aus. Meine Haut ist schön braun, mein Körper ist straff. Ich schreibe ihr. Das kann ich gut. Zu ´ner Nutte würde ich nie gehen. Da würde ich nichts hinkriegen.
Diesmal hat ´s geklappt. Sie sieht lecker aus. Saftig. Das pralle Leben. Wenn sie merkt, dass ich wohlhabend bin, wird sie mich wollen. Also lege ich mich ins Zeug. Erzähle ihr von meiner Wohnung über den Dächern Berlins. Hundert Quadratmeter. Terrasse. Das lässt keine Frau kalt.
Ja, sie scheint angebissen zu haben. So, wie sie guckt. Sie kann einen rein mit ihren Augen verführen. Wie das blitzt und funkelt. Zu gern hätte ich sie gleich heute Abend vernascht. Naja. Wir werden sehen…

Wow! Sie hat sich wieder gemeldet. Nur einen Tag später. Die will es wissen.
„Würde gern deine Wohnung inspizieren. Wenn sie mir gefällt, komme ich wieder. Die müßige Muse bevorzugt Prosecco und Sushi.“
Heidiwitzka!

Ich hab Edgar aus dem Internet gefischt. Leute, ich sag´s euch, Männer überschätzen sich generell. Ich dachte, ich spinne, als ich das Foto sah. Minimum fünfundfünfzig. Glatze auch noch. Und dieser Walrossbart. Geht’s noch? Und der meint ernsthaft, für ´ne Frau von achtundzwanzig Jahren attraktiv zu sein? „Bin 40+“, schreibt er. Okay, 40+ kann genauso gut Neunundvierzig oder Neunundfünfzig heißen. Jenseits der Vierzig eben. Der hat Chuzpe! Was er sonst noch schreibt, klingt intelligent. Seine Wohnung scheint schön zu sein. Falls das auf dem Foto wirklich seine Bleibe ist. Nirgends wird so viel gelogen wie im Internet. Geschmackvoll. Nicht protzig. Arm ist der nicht. Und witzig vermutlich. Und gebildet. Also telefonieren wir. Nett klang er, wortgewandt.
Wir treffen uns. Er schmatzt mich ab zur Begrüßung. Versucht es zumindest. Wir gehen ins Cafe´. Ich bestelle Wein, er ein Bier. Alkoholfrei. Ach du Scheiße, denke ich. Trockener Alkoholiker oder Asket? Wir quatschen uns warm. So übel ist er nicht. Durchaus eloquent. Langsam finde ich ihn gut. Da unterbricht er mich mitten im Satz. Ich hasse das. Sage aber nichts. Understatement ist meine Devise. Den anderen kommen lassen. Warten, bis er sich entblößt. Das kann ich gut. Männer sind simpel strukturiert. Vor allem, wenn es um Frauen geht.
Hab ich ´s nicht geahnt! Jetzt hängt der Bierschaum in seinem Walrossbart. Igitt! Diskret schaue ich weg. Kennt ihr den Loriot-Sketch mit der Nudel? Ich bestelle Salat. Er ordert Bratkartoffeln mit Ei. Hoffen wir das Beste…
Er geht zum Großangriff über. Faselt mir was von seiner tollen Dachgeschoßwohnung vor. Mein Gott, hält er mich für begriffsstutzig? Komm in meine Wohnung und lass dich flachlegen, will er damit sagen. Zwar habe ich keine Haare mehr auf dem Kopf, aber ich habe Geld. Gleich sagt er es auch noch.
„Merkst du, ich mache Werbung für mich.“
Ja, aber mit welchen Mitteln… Das sage ich nicht. Natürlich nicht. Ich grinse amüsiert. Irgendwie ist er niedlich. Ich versuche mir vorzustellen, wie es wäre, seinen Mund mit dem Walrossbart darauf zu küssen. Schlecht sieht er nicht aus. Obwohl, richtig attraktiv ist er auch nicht. Aber gepflegt. Wie alt wird er sein? Der Haarkranz ist meliert, Tendenz Richtung weiß.
Er beantwortet die Frage, ehe ich sie stellen kann.
„Ich bin Jahrgang Neunzehnhundertsechsundvierzig.“
Oh mein Gott, denke ich. Achtunddreißig Jahre älter als ich. Sabrina, bist du so tief gesunken?
Der will mich in der Horizontalen, schon klar. Am liebsten sofort. Verstehen kann ich ihn. Als ich ihm erzähle, dass ich nachher noch verabredet bin, lässt er kurzzeitig die Mundwinkel hängen. Wir verabschieden uns mit ´ner Umarmung. Diesmal versucht er nicht, mich auf den Mund zu küssen.
Was mache ich mit ihm? Ich entscheide, es zu tun. `Nen Psychopath wird er nicht sein. Eklig sah er auch nicht aus. Bis auf seinen bescheuerten Bart mit der unangenehmen Eigenschaft, alle Arten von Lebensmitteln und Flüssigkeiten einzufangen… Naja.


Drei Wochen sind seit unserem ersten Fick vergangen. Oder sollte ich sagen, seit unserer ersten Liebesnacht? Dieses dralle Weibsstück regt mich unglaublich auf. Sabrina plantscht in meiner Badewanne. Wir hören französische Chansons. Ich füttere sie mit Sushi, das mag sie. Wenn sie gierig meinen Finger abschleckt, krieg ich ´ne Erektion. Die Spitzen ihrer Brüste recken sich aus dem Schaum hervor. Ich kann mich kaum noch beherrschen. Seit ich sie regelmäßig frequentiere, brauche ich kein Viagra mehr. Ich hätte nicht gedacht, dass das möglich ist. Dabei nehme ich Beta-Blocker und Cholesterinsenker, seit Jahren schon. Sabrina hat mir und meinem Schwanz neues Leben eingehaucht.
Gerade schlürft sie einen Schluck Moet – von ihr geordert. Sie gibt mir Anweisungen, ich befolge ihre Befehle. So macht das Leben Spaß! Wer hätte das gedacht. Dann sieht sie mich an, mit ihren Augen, die mich verschlingen wollen. Ich schwör´s, diese Blicke spüre ich direkt auf meiner Eichel. Sie packt mich, und schwupps!, zerrt sie mich in die Badewanne. Das Wasser schwappt heraus und macht die Fliesen nass, aber das ist mir egal, mittlerweile.
Mein Penis ist dick geschwollen. Mühelos gleite ich in sie. Ihre Vulva empfängt mich feucht und warm. Für dieses Gefühl würde ich glatt fünf Jahre meines Lebens hergeben. Mein Leben ist eh nichts wert.
Irgendwann ist es Nacht und ich schlafe ein, eine Hand auf ihrem unglaublichen Busen. Wenn ich wach werde, was meistens passiert, wenn die Wirkung des Alkohols nachlässt, dringe ich federleicht in sie ein. Stets erwartet mich einladend ihr lüsterner Leib. Wie unglaublich das ist, in sie einzutauchen. Ganz ohne Gleitgel, einfach so. Ich habe Sabrinas Möse nie anders als feucht erlebt. Natürlich war es mit Linda auch unglaublich. Ihre Brüste waren größer als Sabrinas und fester. Dass sie aus Silikon waren, spielt keine Rolle für mich. Die Enge ihrer Po-Öffnung hat mich wahnsinnig gemacht.
Sabrina würde mir nie erlauben, die Hintertür zu benutzen. Hat sie gleich gesagt. Ich hab sie nur ein einziges Mal gefragt. So was bräuchte ich bei ihr nicht probieren. Naja. Dafür habe ich mit ihr den Himmel auf Erden.
Jeden Morgen gehe ich zum Kiosk. Ich fahre mit dem Fahrstuhl nach unten, laufe bis zur Ecke und überquere den Zebrastreifen. Auf der anderen Seite ist ein Juwelier, der gehört einem Russen. Während der Öffnungszeiten patrouilliert Wachschutz vor der Tür, auch Russen. Aber jetzt ist niemand da. Es ist ja erst sechs Uhr. Sabrina habe ich gesagt, ich hole Zeitungen. Dieses dumme, warme Schaf glaubt alles, was ich sage.
Der wahre Grund, warum ich in aller Herrgottsfrühe die Straße betrete ist, ich brauche Nachschub. Man könnte sagen, ich bin Alkoholiker, aber ich habe die Sache im Griff. Im Restaurant trinke ich meist alkoholfreies Bier. Dann sage ich zu Sabrina, ich gehe Zigaretten holen, verschwinde im Kiosk nebenan und kaufe einen Flachmann Wodka. Den trinke ich zur Hälfte aus und platziere ihn diskret im Jackett. Sabrina merkt davon nichts. Wie gesagt, ich habe die Sache im Griff. Blöderweise habe ich das dralle Weibsstück im Moment nicht so recht im Griff.

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